Das Kopierrad aus Holz und Stahl stammt aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.Foto: Museum Nienburg

Das Kopierrad aus Holz und Stahl stammt aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Foto: Museum Nienburg

Nienburg 29.09.2020 Von Die Harke

Kopierrädchen ist Objekt des Monats

Im Oktober im Museum Nienburg zu sehen

Für das Objekt des Monats Oktober können sich Besucher des Nienburger Museums in die Jahre um 1950 begeben: Ausgestellt wird ein Kopierrad.

In Deutschland war die Nachkriegszeit vor allem geprägt von Hunger, aber auch vom Warenmangel aller Art. Die Bemühungen waren groß, die staatliche Ordnung wiederherzustellen, Infrastrukturen aufzubauen und die Wirtschaft anzukurbeln. Bei dem Thema Kleidung war Improvisation gefragt. Aus alten, abgelegten Stücken wurde „neue“ Garderobe geschneidert – von Mode konnte jedoch nicht die Rede sein. Modische Neuheiten aus Paris oder London schafften es erst gar nicht in die Geschäfte, zumal die Menschen sie selten hätten bezahlen können. Erst nach und nach, als die Wirtschaft wieder anlief, konnten die ersten Stoffe erworben werden.

In dieser Zeit kam Aenne Burda, Frau des bekannten Druckers und Verlegers Dr. Franz Burda, die Idee, Mode zum Selbernähen, mit der sich die Frauen auch identifizieren konnten, mit einer Modezeitschrift bekannt zu machen. Ihr Mann, ehemaliger Profiteur von Druckaufträgen der Nationalsozialisten, verwehrte ihr diesen Wunsch – seine Frau habe es nicht nötig, zu arbeiten.

Aenne Burda ließ jedoch nicht locker. Als sie herausfand, dass ihr Mann eine Geliebte hatte, deren verlustbehafteten Modeverlag er bereits finanzierte, konnte Aenne Burda ihn davon überzeugen, ihr den Verlag zu überschreiben. Ihre Ehe führten sie weiter fort, jedoch als offene Beziehung. 1949 übernahm sie den verschuldeten Modeverlag seiner ehemaliger Sekretärin Elfriede Breuer in Lahr mit damals 48 Mitarbeitern. Die erste Zeitschrift „Favorit“ kam am 1. Oktober des gleichen Jahres heraus und erschien ab 1950 als „burda Moden“ mit einer Auflage von 100000 Exemplaren.

Ab 1952 erschienen neben der vorgestellten Mode die dazu passenden Schnittbögen in der Zeitschrift. Mit den beiliegenden Schnittmustern konnten die Leserinnen die Modelle zu Hause nachschneidern. Aus Gewichts- und Platzgründen wurden die Schnittmuster platzsparend auf einem großen Papierbogen überschneidend angeordnet. Die zusammengehörenden Schnitte konnten durch unterschiedliche Linien, Farben und Zahlen auseinandergehalten werden.

Da nun aber alle Schnitte auf einem Bogen platziert waren, konnte diese nicht einzeln ausgeschnitten werden, um sie auf den Stoff zu übertragen. Die Lösung war ein Kopierrad, bestehend aus einem Griff, an dessen unterem Ende ein Rädchen mit spitzen Zacken befestigt ist. Mit seiner Hilfe „rädelte“ die Schneiderin die Linie entlang und übertrug die Muster als Perforation oder als Kopie des Schnittbogens auf den Stoff. Das Kopierrädchen aus dem Museum Nienburg weist eine Länge von 17,6 Zentimetern auf und ist durch eine Schenkung in den Sammlungsbestand aufgenommen worden.

Aenne Burda zog sich mit 85 Jahren aus der Geschäftsführung zurück und übergab die Leitung ihrem Sohn Hubert Burda. Das Unternehmen Hubert Burda Media ist heute eines der größten deutschen Medienhäuser.

Das Kopierrad ist während der Öffnungszeiten im Fresenhof zu sehen.

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Erstellt:
29. September 2020, 04:55 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 25sec

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