Ein ukrainischer Soldat schwenkt die ukrainische Flagge auf einer Straße in Butscha. Foto: Rodrigo Abd/AP/dpa

Ein ukrainischer Soldat schwenkt die ukrainische Flagge auf einer Straße in Butscha. Foto: Rodrigo Abd/AP/dpa

Butscha/Kiew/Moskau 04.04.2022 Von Deutsche Presse-Agentur

Krieg gegen die Ukraine: So ist die Lage

Nach dem Rückzug russischer Truppen aus der Region um Kiew werden schreckliche Verbrechen bekannt. Präsident Selenskyj befürchtet Schlimmeres in anderen Landesteilen. Die Entwicklungen im Überblick.

Nach dem Bekanntwerden von Hunderten zivilen Opfern im Kiewer Vorort Butscha hat die ukrainische Generalstaatsanwaltschaft Untersuchungen angekündigt. „Das ist eine Hölle, die dokumentiert werden muss, damit die Unmenschen, die sie geschaffen haben, bestraft werden“, schrieb die ukrainische Generalstaatsanwältin Iryna Wenediktowa auf Facebook. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj geht von noch Schlimmerem aus. Bis zu 340 Leichen geborgenUkrainischen Medienberichten zufolge sind deutlich mehr als 300 Leichen von Zivilisten geborgen worden. Bis Sonntagabend seien bereits 330 bis 340 leblose Körper eingesammelt worden, schrieb die Zeitung „Ukrajinska Prawda“ am Montag unter Berufung auf einen Bestattungsdienst. Am Montag wurde die Suche nach weiteren Opfern fortgesetzt. Einige Leichen seien in Hinterhöfen vergraben, hieß es. Die Bilder aus der Vorortgemeinde der Hauptstadt haben international für Entsetzen gesorgt. Die Ukraine macht für das Massaker russische Truppen verantwortlich, die die Stadt bis vor kurzem besetzt hatten. Moskau bestreitet das. Die russische Botschaft in Berlin sprach beispielsweise von einer „Inszenierung des Kiewer Regimes für westliche Medien“. Ukrainischer Verteidigungsminister droht mit VergeltungDer ukrainische Verteidigungsminister Olexij Resnikow hat der russischen Armee mit Vergeltung gedroht. „So etwas Böses darf nicht ungestraft bleiben“, sagte er in Kiew. „Unsere Aufklärung identifiziert systematisch alle Eindringlinge und Mörder. Alle! Jeder wird zu seiner Zeit bekommen, was er "verdient" hat“, hieß es in der auf Facebook veröffentlichten Mitteilung. EU arbeitet unter Hochdruck an weiteren SanktionenDie EU arbeitet nach Angaben des EU-Außenbeauftragten Josep Borrell unter Hochdruck an neuen Strafmaßnahmen gegen Russland. „Wir sind solidarisch mit der Ukraine und dem ukrainischen Volk in diesen düsteren Stunden“, teilte der Spanier nach den Berichten aus Butscha mit. Die EU werde die Ukraine weiterhin nachdrücklich unterstützen und die Arbeiten an zusätzlichen Sanktionen gegen Russland als dringende Angelegenheit vorantreiben. Was für Strafmaßnahmen vorbereitet werden und wann sie beschlossen werden sollen, teilte Borrell nicht mit. Die Arbeiten an Sanktionen seien wie immer vertraulich, sagte ein Sprecher am Mittag. Russische Justiz geht gegen „Falschmeldungen“ vorRusslands Ermittlungskomitee leitete unterdessen ein Verfahren wegen der Verbreitung von angeblichen Falschmeldungen zu den Morden an Zivilisten ein. Russlands Chefermittler Alexander Bastrykin habe die Behörde angewiesen, die „Provokation vonseiten der Ukraine“ strafrechtlich zu bewerten, teilte das Ermittlungskomitee auf seinem Telegram-Kanal mit. Ermittelt wird nicht wegen des international verurteilten Verbrechens, sondern wegen der Veröffentlichung entsprechender Nachrichten. Eine Diffamierung der russischen Armee ist strafbar in dem Land. Anfang März hatte die russische Staatsduma ein umstrittenes Gesetz verabschiedet, dass „Falschnachrichten“ über Handlungen des russischen Militärs im Ausland unter Strafe stellt. Odessa meldet weiteren RakentenangriffDerweil haben russische Truppen die südukrainische Hafenstadt Odessa nach Angaben der Regionalverwaltung in der Nacht zum Montag erneut mit Raketen angegriffen. Dies teilte die Behörde auf Facebook mit. Einzelheiten sollten später bekannt gegeben werden. Auch der Bürgermeister der rund 130 Kilometer entfernten Stadt Mykolajiw, Olexander Senkewytsch, meldete mehrere Raketenangriffe. Von russischer Seite gab es zunächst keine Bestätigung. Beide Regionen waren bereits am Wochenende mit Raketen angegriffen worden. Aus dem Verteidigungsministerium in Moskau hieß es dazu, von Schiffen und Flugzeugen aus seien eine Ölraffinerie und mehrere Treibstofflager in der Nähe Odessas beschossen worden. Selenskyj befürchtet weitere VerbrechenPräsident Selenskyj befürchtet, dass sich noch „schrecklichere Dinge auftun könnten“ als das, was bisher über die Verbrechen in Butscha bekannt geworden ist. Andere Regionen des Landes stünden noch unter russischer Kontrolle. Dort könnten „noch mehr Tote und Misshandlungen“ bekannt werden, sagte Selenskyj. Der Präsident schaltete sich zudem per Video zur Verleihung der US-Musikpreise Grammys und bat um Unterstützung für sein Land. „Unterstützt uns auf jegliche Art und Weise, die euch möglich ist“, sagte er bei der live im US-Fernsehen übertragenen Veranstaltung. Selenskyj lud die frühere Bundeskanzlerin Angela Merkel zu einer Reise nach Butscha ein. Merkel könne sich dort - ebenso wie der ehemalige französische Präsident Nicolas Sarkozy - ein Bild von ihrer gescheiterten Russland-Politik der vergangenen Jahre machen, sagte Selenskyj in einer Videobotschaft. Kriegsverbrecher-Tribunal gefordertNach den Kriegsgräueln in Butscha fordert die Vizepräsidentin des Europaparlaments, Nicola Beer, ein „Sonderkriegsverbrecher-Tribunal ähnlich wie bei den Jugoslawien-Kriegen“ gegen die Verantwortlichen. „Für uns alle ist die Monstrosität dieser Taten unbegreiflich“, sagte die FDP-Politikerin bei Bild-TV. „Das sind schwerste Verbrechen gegen die Menschlichkeit, das sind Kriegsverbrechen.“ Polens Präsident Andrzej Duda twitterte zu den Verbrechen in Butscha: „Kriminelle müssen als Kriminelle bezeichnet, vor Gericht gestellt und verurteilt werden.“ Die Bilder aus der Stadt widerlegten die Annahme, „dass wir um jeden Preis einen Kompromiss suchen müssen.“ Er forderte „Waffen, Waffen und noch mehr Waffen“ für die Ukraine. „Angriffe auf unschuldige Zivilisten und zivile Infrastruktur sind Kriegsverbrechen“, twitterte der australische Regierungschef Scott Morrison am Montag. „Russland muss und wird für die Aktionen seiner Streitkräfte zur Rechenschaft gezogen werden.“
Tote und Verletzte in CharkiwIn der ostukrainischen Millionenstadt Charkiw wurden nach ukrainischen Angaben 34 Menschen durch russischen Beschuss verletzt. Mindestens sieben Menschen seien getötet worden, schrieb die Staatsanwaltschaft der Region auf Telegram. Unter den Verletzten waren demnach drei Kinder. In der westukrainischen Stadt Ternopil soll es einen Luftangriff gegeben haben. Die nordukrainische Stadt Tschernihiw ist nach Angaben des dortigen Bürgermeisters inzwischen zu 70 Prozent zerstört. Russland bestätigte derweil mehrere Luftangriffe auf Militäreinrichtungen und Treibstofflager in Regionen Kiew und Mykolajiw. Unweit von Kiew sei in Wassylkiw ein Kontrollzentrum der Luftwaffenbasis zerstört worden, sagte der Sprecher des Verteidigungsministeriums in Moskau, Igor Konaschenkow. Russische Truppen beschießen ukrainische StützpunkteRussische Truppen haben nach Angaben aus Moskau in der Nacht auf Montag weitere Kommandopunkte, Munitions- und Treibstofflager der ukrainischen Armee beschossen. Dabei seien auch zwei Abschussvorrichtungen von Flugabwehrsystemen des Typs Buk zerstört worden, sagte Generalmajor Igor Konaschenkow. Eines der Systeme stand demnach in Werchnjotorezke im ostukrainischen Gebiet Donezk. Die russische Luftabwehr habe außerdem sechs ukrainische Drohnen abgeschossen. Konaschenkow nannte dazu Orte im Süden der Ukraine wie Mykolajiw und Cherson. Auf dem Flugplatz Balowne bei Mykolajiw seien drei ukrainische Hubschrauber getroffen worden. Die Angaben waren zunächst nicht unabhängig überprüfbar. Tausenden gelingt Flucht aus umkämpften StädtenMehr als 2600 Menschen wurden nach ukrainischen Angaben am Sonntag aus besonders umkämpften ukrainischen Städten in Sicherheit gebracht. Von den 2694 Menschen seien fast 1500 aus der Region Luhansk gerettet worden, sagte die ukrainische Vize-Regierungschefin Iryna Wereschtschuk nach Angaben der Zeitung „Ukrajinska Prawda“. Das wird heute wichtigDie diplomatischen Bemühungen um eine Beendigung des Kriegs werden auf internationaler Ebene fortgesetzt.

Eine weinende Frau in Motyschyn wartet zusammen mit anderen Dorfbewohnern auf die Verteilung von Lebensmitteln, das bis vor kurzem unter der Kontrolle des russischen Militärs stand. Foto: Vadim Ghirda/AP/dpa

Eine weinende Frau in Motyschyn wartet zusammen mit anderen Dorfbewohnern auf die Verteilung von Lebensmitteln, das bis vor kurzem unter der Kontrolle des russischen Militärs stand. Foto: Vadim Ghirda/AP/dpa

Zwei Frauen stehen in Bademänteln neben einem Auto, während im Hintergrund Rauch über Odessa aufsteigt. Foto: Petros Giannakouris/AP/dpa

Zwei Frauen stehen in Bademänteln neben einem Auto, während im Hintergrund Rauch über Odessa aufsteigt. Foto: Petros Giannakouris/AP/dpa

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Erstellt:
4. April 2022, 15:08 Uhr
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