Der Ukrainer Oleg trauert um seine Mutter Inna, die während des Krieges getötet wurde. Foto: Rodrigo Abd/AP/dpa

Der Ukrainer Oleg trauert um seine Mutter Inna, die während des Krieges getötet wurde. Foto: Rodrigo Abd/AP/dpa

11.04.2022 Von Deutsche Presse-Agentur

Krieg gegen die Ukraine: So ist die Lage

Während der Krieg besonders im Osten der Ukraine weitergeht, trifft Österreichs Kanzler Nehammer in Moskau Kremlchef Putin. In Kiew befürchtet man neue Angriffe - auch von Westen her. Die aktuellen Entwicklungen.

Luxemburg/Kiew/Moskau (dpa) - Angesichts der erwarteten russischen Großoffensive in der Ostukraine befürwortet Außenministerin Annalena Baerbock die Lieferung zusätzlicher und auch schwerer Waffen an die Regierung in Kiew. „Die Ukraine braucht weiteres militärisches Material - vor allen Dingen auch schwere Waffen“, sagte die Grünen-Politikerin am Montag am Rande eines EU-Außenministertreffens in Luxemburg. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sprach konkret von Flugabwehrsystemen, Kampfjets, Panzern und Artillerie. Russland könne zum Frieden nur gezwungen werden, sagte er. Am Nachmittag traf Österreichs Bundeskanzler Karl Nehammer in Moskau Kremlchef Wladimir Putin. Er ist damit der erste westliche Regierungschef, der seit dem Kriegsbeginn vor gut sechs Wochen zu Putin reiste. Bei dem Treffen in Putins Residenz in Nowo-Ogarjowo im Moskauer Gebiet sollte es nach russischen Angaben vor allem um den Krieg gehen. Es könnte aber auch über die Gaslieferungen Russlands in den Westen gesprochen werden, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow der Agentur Interfax zufolge. Bundeskanzler Olaf Scholz begrüßte die Reise Nehammers. Zur Frage, ob auch Scholz in absehbarer Zeit nach Moskau reisen werde, sagte die stellvertretende Regierungssprecherin Christiane Hoffmann: „In dieser Richtung sehe ich jetzt im Moment keinerlei Pläne.“ Russland berichtete unterdessen von der Zerstörung Dutzender Militärobjekte in der Ukraine. In Polen kamen weitere Geflüchtete aus der Ukraine an, auch im Land selbst sollte es erneut Fluchtkorridore geben. Baerbock: Schwere Waffen für die UkraineWelche schweren Waffen aus Deutschland an die Ukraine geliefert werden könnten, sagte Baerbock nicht. Sie verwies lediglich darauf, dass über die sogenannte Europäische Friedensfazilität weitere 500 Millionen Euro für die Lieferung von Waffen und andere militärische Ausrüstung bereitgestellt werden sollen. Der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell bekräftigte seine Position, wonach der Krieg auf dem Schlachtfeld und nicht durch Sanktionen entschieden wird. Der Spanier sagte am Rande des EU-Außenministertreffens, er sei besorgt, dass Russland Truppen zusammenziehe, um einen Angriff in der Ostukraine zu starten. Er befürchte, dass sich die Kämpfe dort schon in den nächsten Tagen verstärken. Selenskyj fordert Kampfflugzeuge und PanzerSelenskyj sagte, es könne keine Hoffnung darauf geben, dass Russland selbst den Krieg beende. Die bisherigen Sanktionen reichten dafür nicht aus. „Es müssen die Verbindungen russischer Banken mit dem weltweiten Finanzsystem komplett abgebrochen werden“, betonte das Staatsoberhaupt. Vor allem der russische Export von Erdöl müsse gestoppt werden. In der seit Anfang März belagerten Hafenstadt Mariupol sollen Selenskyj zufolge Zehntausende Menschen getötet worden sein. „Sie wollen es so machen, dass Mariupol eine demonstrativ zerstörte Stadt ist“, sagte der 44-Jährige. Rheinmetall will 50 Leopard-Kampfpanzer bereitstellenPanzer aus deutscher Produktion könnten schon bald die ukrainische Armee in ihrem Kampf gegen die russischen Truppen verstärken. Denn der Rüstungskonzern Rheinmetall stellt sich darauf ein, bis zu 50 Kampfpanzer an die Ukraine schicken zu dürfen. „Der erste Leopard 1 könnte in sechs Wochen geliefert werden“, sagte der Vorstandsvorsitzende der Düsseldorfer Waffenschmiede, Armin Papperger, dem „Handelsblatt“. Vorher ist aber noch die Zustimmung der Bundesregierung nötig. Es geht um ältere Panzer, die nach ihrer Nutzung an Rheinmetall ausgemustert und schon vor längerer Zeit von der Firma zurückgenommen wurden - solche Rückgaben von Altbeständen sind üblich in der Rüstungsbranche. Moskau: 78 ukrainische Militärobjekte zerstörtMit neuen Luftangriffen zerstörten die russischen Streitkräfte nach eigenen Angaben weitere 78 ukrainische Militärobjekte. „Die russischen Luftabwehrsysteme haben bei der Ortschaft Isjum zwei ukrainische Kampfflugzeuge vom Typ Su-25 abgeschossen“, sagte der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow, am Montag. Im Gebiet Cherson sei ein ukrainischer Kampfhubschrauber vom Typ Mi-24 abgeschossen worden. Überprüfbar von unabhängiger Seite waren diese Angaben nicht. Nach Angaben Konaschenkows wurden zudem mehrere ukrainische Kommandopunkte, Munitions- und Treibstofflager sowie Luftabwehrsysteme vernichtet. Darunter sei auch ein von der EU geliefertes S-300-System nahe der ostukrainischen Millionenstadt Dnipro, das durch eine vom Meer abgefeuerte Rakete des Typs Kalibr zerstört worden sein soll. Ukraine befürchtet Angriff auch aus westlicher RichtungDie ukrainische Führung fürchtet einen russischen Angriff auch aus dem Westen. Dazu könnten die in der Republik Moldau stationierten russischen Truppen genutzt werden, hieß es in Kiew. „Es ist nicht ausgeschlossen, dass die russischen Streitkräfte auf dem Gebiet der Region Transnistrien in der Republik Moldau Provokationen durchführen“, teilte der ukrainische Generalstab mit. Daneben meldet Kiew eine weitere Konzentration russischer Truppen in der Ostukraine. Darunter seien auch Truppenteile aus Sibirien und dem russischen Fernen Osten. „Wahrscheinlich werden die Okkupanten in den nächsten Tagen versuchen, ihre Offensive zu erneuern“, erklärte der ukrainische Generalstab. Ukraine: Neun Fluchtkorridore im OstenIn umkämpften Städten im Osten der Ukraine wurden nach Angaben der Regierung am Montag neun Fluchtkorridore eingerichtet. Aus der besonders schwer von russischen Angriffen betroffenen Hafenstadt Mariupol im Süden sollte ein Weg für Privatfahrzeuge in Richtung der Stadt Saporischschja führen, wie Vizeregierungschefin Iryna Wereschtschuk auf Telegram mitteilte. Auch aus der Stadt Berdjansk sowie zwei weiteren Orten in der Region sollten Fluchtrouten für Privatautos eingerichtet werden. Aus umkämpften Gebieten in der Region Luhansk führten fünf Korridore in die Stadt Bachmut, schrieb Wereschtschuk. Ihren Angaben nach konnten am Sonntag rund 2800 Zivilisten aus umkämpften Regionen flüchten. Erneut 28.500 ukrainische Flüchtlinge in Polen angekommenSeit Beginn des Krieges brachten sich bereits 2,66 Millionen Menschen aus der Ukraine in Polen in Sicherheit, wie der polnische Grenzschutz am Montag auf Twitter mitteilte. Allein am Sonntag kamen 28 500 Flüchtlinge, ein Rückgang um 2,1 Prozent im Vergleich zum Tag zuvor. Es gibt derzeit keine offiziellen Angaben, wie viele der Kriegsflüchtlinge in Polen geblieben und wie viele bereits in andere EU-Staaten weitergereist sind. Die Bundeswehr brachte am Montag ein Spezialflugzeug zum Transport von im Krieg verletzten Ukrainern nach Deutschland auf den Weg. Der Airbus A310 MedEvac startete am Morgen von Köln-Wahn aus ins südostpolnische Rzeszow, um dort Kinder und Erwachsene zur Behandlung nach Deutschland bringen, wie die Deutsche Presse-Agentur erfuhr. Das Flugzeug ist die fliegende Intensivstation der Luftwaffe. In Richtung Ukraine überquerten am Sonntag 19.400 Menschen die Grenze. Insgesamt seien seit Beginn des Krieges am 24. Februar 575.000 Menschen in die Ukraine eingereist, sagte die Sprecherin des polnischen Grenzschutzes der Deutschen Presse-Agentur. Dabei handele es sich zum Großteil um ukrainische Staatsbürger.

Im Keller eines Wohnhauses in Charkiw suchen diese Menschen Schutz vor Beschuss. Foto: Andrew Marienko/AP/dpa

Im Keller eines Wohnhauses in Charkiw suchen diese Menschen Schutz vor Beschuss. Foto: Andrew Marienko/AP/dpa

Ein Friedhofsarbeiter macht eine Pause von der Arbeit an einem Massengrab in Butscha. Foto: Rodrigo Abd/AP/dpa

Ein Friedhofsarbeiter macht eine Pause von der Arbeit an einem Massengrab in Butscha. Foto: Rodrigo Abd/AP/dpa

«Bringt sie lebend nach Hause! Stoppt den Krieg Jetzt!» ist in englischer Sprache auf einem Plakat im Zentrum der ukrainischen Hauptstadt Kiew zu lesen. Foto: Adam Schreck/AP/dpa

«Bringt sie lebend nach Hause! Stoppt den Krieg Jetzt!» ist in englischer Sprache auf einem Plakat im Zentrum der ukrainischen Hauptstadt Kiew zu lesen. Foto: Adam Schreck/AP/dpa

Ein Schild vor einem zerstörten Gebäudein Borodjanka warnt nach Abzug russischer Truppen vor Tretminen. Foto: Celestino Arce Lavin/ZUMA Press Wire/dpa

Ein Schild vor einem zerstörten Gebäudein Borodjanka warnt nach Abzug russischer Truppen vor Tretminen. Foto: Celestino Arce Lavin/ZUMA Press Wire/dpa

Zum Artikel

Erstellt:
11. April 2022, 16:13 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 09sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar verfassen zu können.