Ein Mann schiebt sein Fahrrad durch ein schwer beschädigtes Wohnviertel im ukrainischen Tschernihiw. Foto: Celestino Arce Lavin/ZUMA Press Wire/dpa

Ein Mann schiebt sein Fahrrad durch ein schwer beschädigtes Wohnviertel im ukrainischen Tschernihiw. Foto: Celestino Arce Lavin/ZUMA Press Wire/dpa

Kiew 12.04.2022 Von Deutsche Presse-Agentur

Regen könnte Großangriff verzögern - Die Lage im Überblick

Die russische Armee sammelt Kräfte für den Großangriff im Osten der Ukraine - doch Regen könnte sie bremsen. Indes fragt sich der Westen, ob Moskau auch vor dem Einsatz von chemischen Waffen nicht zurückschreckt. Die Entwicklungen im Überblick.

Im Osten der Ukraine zeichnet sich nach Erkenntnissen westlicher und ukrainischer Militärs eine Großoffensive mit Zehntausenden Soldaten und dem massiven Einsatz von Panzern, Artillerie und Luftwaffe ab - nur über den Zeitpunkt gibt es verschiedene Angaben. In der fast zerstörten Stadt Mariupol berichtete das ultranationalistische Asow-Regiment von einem Giftgasangriff der Russen. Eine Bestätigung gab es nicht, die USA und Großbritannien reagierten aber besorgt. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier besuchte Polen, das bisher etwa 2,7 Millionen ukrainische Flüchtlinge aufgenommen hat. Dauerregen könnte Großangriff im Osten verzögern Russland habe seine Truppen in der Ostukraine zuletzt von 30.000 auf 40.000 Mann aufgestockt, hieß es vom US-Verteidigungsministerium. Die Truppen wollen nach Angaben aus Kiew bis an die Verwaltungsgrenzen des Gebiets Donezk vordringen. Moskau werde versuchen, Mariupol sowie die Kleinstadt Popasna im Gebiet Luhansk einzunehmen, teilte der ukrainische Generalstab mit. Das Kommando der ukrainischen Armee im Osten erklärte, man habe im Gebiet Donezk an sechs Stellen Angriffe abgewehrt. Die Ukraine hat dort besonders starke Truppen, die seit 2014 die Front gegen die von Moskau gelenkten und ausgerüsteten Separatistenrepubliken Donezk und Luhansk halten. Den westlichen Einschätzungen nach könnte ein russischer Angriff von Norden aus Richtung Charkiw und Isjum erfolgen. Satellitenbilder zeigten vor Isjum einen kilometerlangen Konvoi mit Fahrzeugen zur Unterstützung von Infanterie, Kampfhubschrauber und Kommandostellen, sagte ein Pentagon-Vertreter. Ein zweiter Zangenangriff wird von Süden erwartet. Der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba fühlte sich bei der kommenden Schlacht bereits an die Panzerschlachten in Südrussland im Zweiten Weltkrieg erinnert. Die britischen Geheimdienste erwarten in den kommenden zwei bis drei Wochen verstärkte Gefechte im Osten der Ukraine. Serhij Hajdaj, Leiter der regionalen Militärverwaltung in Luhansk, sagte, Dauerregen könnte den russischen Vormarsch verzögern. „In den letzten zwei Tagen haben Hunderte Einheiten mit schwerem Gerät in der Nähe der Fronlinie zusammengezogen. Das könnte nahelegen, dass die Offensive heute oder morgen beginnen sollte, aber heute regnet es.“ Es werde laut Wettervorhersage mehrere Tage regnen und dann müsste die russische Armee die Straßen nutzen und sei somit ein leichteres Ziel für die Ukrainer. „Ich hoffe, der Regen verlangsamt die Offensive.“ Bei dem Vormarsch im waldigen Norden der Ukraine nach dem 24. Februar waren die russischen Truppen schnell steckengeblieben, die Ukrainer konnten aus dem Hinterhalt viele Konvois bewegungsunfähig schießen. Im Osten der Ukraine könnten die russischen Truppen kompakter stehen, ihre Nachschublinien seien kürzer, sagten US-Militärexperten. In der offenen Steppenlandschaft ohne Deckung seien die gepanzerten russischen Verbände im Vorteil. Andere Experten sagten voraus, der Nachschub bleibe auch im Osten ein Problem für die russische Armee. Der deutsche Militärexperte Carlo Masala erwartet nach Ostern einen russischen Großangriff im Osten der Ukraine. Die Verstärkung und Umgruppierung der russischen Truppen werde bald abgeschlossen sein, sagte der Politikprofessor der Bundeswehruniversität München im „stern“-Podcast „Ukraine - die Lage“ (Dienstag). Der Beginn des Angriffs hänge von vielen Faktoren ab, bis hin zum Wetter. Einsatz von Giftgas in Mariupol?Prorussische Separatisten wiesen den Vorwurf ukrainischer Kämpfer zurück, sie hätten in Mariupol Giftgas eingesetzt. Eduard Bassurin, ein Sprecher der Donezker Separatisten, sagte der russischen Agentur Interfax: „Die Streitkräfte der Donezker Volksrepublik haben in Mariupol keine chemischen Waffen eingesetzt.“ In der Nacht hatte das ukrainische Asow-Regiment von einem solchen Angriff berichtet. Eine offizielle Bestätigung gab es auch von ukrainischer Seite nicht. „Nach vorläufigen Angaben gibt es die Annahme, dass es wohl Phosphorkampfmittel waren“, sagte Vize-Verteidigungsministerin Hanna Maljar im ukrainischen Fernsehen. Endgültige Schlussfolgerungen könne es erst später geben. Das Risiko eines russischen Chemiewaffeneinsatzes sei jedoch groß, betonte sie. Bassurin hatte nämlich zuvor einen möglicherweise bevorstehenden Angriff mit Chemiewaffen angedeutet. Die westlichen Staaten haben Moskau vor ernsthaften Konsequenzen gewarnt, falls es in dem Krieg Chemiewaffen oder andere Massenvernichtungswaffen einsetzen sollte. Nach den Berichten aus Mariupol schrieb die britische Außenministerin Liz Truss auf Twitter, jeder Einsatz solcher Waffen wäre eine Eskalation, für die man den russischen Präsidenten Putin und seine Führung zur Verantwortung ziehen werde. Selenskyj beklagt das Fehlen schwerer Waffen Der Ukraine fehlen nach Worten von Präsident Wolodymyr Selenskyj die schweren Waffen, um das fast verlorene Mariupol zu befreien. „Wenn wir Flugzeuge und genug schwere gepanzerte Fahrzeuge und die nötige Artillerie hätten, könnten wir es schaffen“, sagte er in seiner nächtlichen Videoansprache. Er sei zwar sicher, dass die Ukraine irgendwann die Waffen bekommen werde, die sie brauche. „Aber nicht nur Zeit geht verloren, sondern auch das Leben von Ukrainern.“ Auch er sprach von möglichen Chemiewaffenangriffen Russlands. Dies sollte für ausländische Staaten Anlass sein, noch härter auf die russische Aggression zu reagieren, sagte Selenskyj. Rund 335.000 Ukraine-Flüchtlinge in Deutschland
Die Zahl der offiziell erfassten Ukraine-Flüchtlinge in Deutschland ist auf mehr als 335.000 angestiegen. Die Bundespolizei zählte seit Beginn des Kriegs 335.578 Kriegsflüchtlinge - überwiegend Frauen, Kinder und alte Menschen, teilte das Bundesinnenministerium mit. Es ist davon auszugehen, dass die tatsächliche Zahl der Flüchtlinge höher liegt, da es an den Grenzen keine festen Kontrollen gibt und sich Menschen mit ukrainischem Pass 90 Tage lang ohne Visum in der EU aufhalten dürfen. Insgesamt haben nach UN-Angaben mehr als 4,6 Millionen der ehemals 44 Millionen Einwohner die Ukraine verlassen. Mehr als sieben Millionen weitere Menschen sind im Land vertrieben worden. Unicef: Ukraine-Krieg ist „Alptraum für Kinder“In den knapp sieben Wochen seit dem russischen Einmarsch sind in der Ukraine nach Angaben des UN-Kinderhilfswerks Unicef mindestens 142 Kinder getötet worden. In Wirklichkeit dürften die Zahlen allerdings deutlich höher sein, teilte die Organisation mit. Die Justiz in der Ukraine selbst sprach am Dienstag von mindestens 186 getöteten und 344 verletzten Kindern und Jugendlichen. Unicef verwies zudem auf die vielen Minderjährigen, die entweder mit ihren Familien geflüchtet seien oder weiter im Kriegsgebiet ausharrten. „Der Krieg ist weiter ein Alptraum für die Kinder der Ukraine“, sagte Unicef-Nothilfekoordinator Manuel Fontaine einer Mitteilung zufolge.

Kaum ein unbeschädigtes Haus ist auf diesem Satellitenfoto von Mariupol zu erkennen. Foto: Uncredited/Maxar Technologies/AP/dpa

Kaum ein unbeschädigtes Haus ist auf diesem Satellitenfoto von Mariupol zu erkennen. Foto: Uncredited/Maxar Technologies/AP/dpa

Ein von Einschusslöchern durchlöchertes Auto steht in Butscha am Straßenrand. Foto: Rodrigo Abd/AP/dpa

Ein von Einschusslöchern durchlöchertes Auto steht in Butscha am Straßenrand. Foto: Rodrigo Abd/AP/dpa

Zerstörung und Trümmer wo man auch hinschaut: Augebrannte russische Militärlastwagen vor einem schwer beschädigten Wohnhaus in einem Außenbezirk von Kiew. Foto: Vadim Ghirda/AP/dpa

Zerstörung und Trümmer wo man auch hinschaut: Augebrannte russische Militärlastwagen vor einem schwer beschädigten Wohnhaus in einem Außenbezirk von Kiew. Foto: Vadim Ghirda/AP/dpa

Ein Feuerwehrmann beseitigt die Trümmer eines durch russischen Beschuss zerstörten Gebäudes in Charkiw und sucht dort nach Leichen. Foto: Felipe Dana/AP/dpa

Ein Feuerwehrmann beseitigt die Trümmer eines durch russischen Beschuss zerstörten Gebäudes in Charkiw und sucht dort nach Leichen. Foto: Felipe Dana/AP/dpa

Ein Maskottchen steht vor einem zerstörten Gebäude auf dem Gelände des Sporttrainingszentrums in Tschernihiw. Foto: -/Ukrinform/dpa

Ein Maskottchen steht vor einem zerstörten Gebäude auf dem Gelände des Sporttrainingszentrums in Tschernihiw. Foto: -/Ukrinform/dpa

Ein aus seiner Heimat vertriebenes Kind während einer Unterrichtsstunde mit Nonnen im Frauenkloster von Hoschiw in der Region Iwano-Frankiwsk. Foto: Nariman El-Mofty/AP/dpa

Ein aus seiner Heimat vertriebenes Kind während einer Unterrichtsstunde mit Nonnen im Frauenkloster von Hoschiw in der Region Iwano-Frankiwsk. Foto: Nariman El-Mofty/AP/dpa

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12. April 2022, 14:59 Uhr
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