„Wir müssen lernen, lernen, lernen... Und dürfen nicht an Abschiebung denken.“ Mahrang Baloch aus Pakistan und Farzane Mohammadi aus Afghanistan kommen regelmäßig zu Ajsche Al-Mollah in die Koordinierungsstelle frau+wirtschaft.  Hagebölling

„Wir müssen lernen, lernen, lernen... Und dürfen nicht an Abschiebung denken.“ Mahrang Baloch aus Pakistan und Farzane Mohammadi aus Afghanistan kommen regelmäßig zu Ajsche Al-Mollah in die Koordinierungsstelle frau+wirtschaft. Hagebölling

Nienburg 18.05.2019 Von Edda Hagebölling

Lernen, lernen, lernen... Und nicht an Abschiebung denken

Koordinierungsstelle frau+wirtschaft: Ajsche Al-Mollah hat sich auf die Förderung von Migrantinnen spezialisiert

„Wir müssen lernen, lernen, lernen... Und dürfen nicht an Abschiebung denken.“ Mahrang Baloch aus Pakistan und Farzane Mohammadi aus Afghanistan kommen regelmäßig zu Ajsche Al-Mollah in die Koordinierungsstelle frau+wirtschaft mit Sitz am Goetheplatz. Beide sind mit der großen Flüchtlingswelle des Jahrs 2016 im Landkreis Nienburg gelandet. Mahrang Baloch lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern in Nienburg, Farzane Mohammadi ebenfalls mit Mann und zwei Kindern in Wietzen. Für die 31-jährige Afghanin ist der Weg von Wietzen nach Nienburg besonders dann besonders weit, wenn gerade kein Bus fährt und auch keine der neuen Freundinnen aus Wietzen sie mit dem Auto mitnehmen kann. In diesem Fall schnappt sie sich auch schon mal ihr Fahrrad.

Ihr Mann, dem es gesundheitlich nicht so gut geht, hatte schon einmal vorgeschlagen, nach Nienburg zu ziehen. Doch dagegen protestieren die beiden Kinder aufs Schärfste. „Sie mussten schon einmal all ihre Freunde verlassen, das möchten sie jetzt auf keinen Fall noch einmal erleben“, so die 31-Jährige. Die für sie und auch für Ajsche Al-Mollah logische Konsequenz: der Autoführerschein muss her. Auf Deutsch. In Farsi gibt es ihn nicht.

Farzani Mohammadi würde am allerliebsten eine Ausbildung als Schneiderin machen. Sie kann richtig gut nähen, wie Bilder auf ihrem Handy beweisen. Ein Praktikum hat sie bereits absolviert. Ausbildungsplätze in diesem Beruf sind allerdings äußerst rar. Auch Wietzens Tischlermeister Michael Schlemermeyer hatte ihr bereits ein Praktikum in seinem Betrieb angeboten. Doch das wäre wegen des Kopftuchs zu gefährlich. Farzani Mohammadis Ehemann hätte gerne bei Wiesenhof in Wietzen gearbeitet. Doch der Betrieb ist, wie mehrfach berichtet, mittlerweile geschlossen. Alle sechs Monate muss sich Familie Mohammadi bei der Ausländerbehörde des Landkreises vorstellen. „Nicht zu wissen, ob wir bleiben dürfen, ist sehr belastend. Auch beim Lernen. Aber man darf einfach nicht dran denken“, so die zweifache Mutter.

Mahrang Baloch hat es in dieser Beziehung deutlich einfacher. Ihre Familie weiß bereits, dass sie in Deutschland bleiben darf. Auch sind ihre Wege deutlich kürzer. Zur Koordinierungsstelle, zum Mütterzentrum, aber auch zur VHS und zum Sprotte. Im Sprotte ist Ko-Stellen-Mitarbeiterin Ajsche Al-Mollah immer am letzten Montag im Monat von 9 bis 11 Uhr anzutreffen.

Kennengelernt haben sich die beiden Frauen jedoch schon vorher. Beide besuchen regelmäßig den Sportunterricht, der im Sprotte nur für Frauen angeboten wird. Dann sieht man sie auch einmal ohne Kopftuch.

Die 27-jährige Mahrang Baloch hat in ihrer Heimat eine Ausbildung absolviert, die in Deutschland in etwa dem der Pharmazeutisch technischen Assistentin gleichkäme. Ein Praktikum in der Meerbach-Apotheke an der Ziegelkampstraße hat sie bereits absolviert. Sie würde gerne auch auf Dauer in einer Apotheke arbeiten. Kindergarten oder Hebamme käme für sie aber auch in Frage.

Die beiden Frauen eint aber auch die Erkenntnis, dass es verdammt schwer ist, die deutsche Sprache in Wort und Schrift zu beherrschen. Und dass sie unbedingt den B1-Kurs brauchen. Mahrang Baloch hat ihre Prüfung Ende Mai, Farzane Mohammadi hat gerade ihre B2-Prüfung hinter sich gebracht. Das Ergebnis stand zum Zeitpunkt des Treffens mit der HARKE am Sonntag noch aus.

„Auch wenn du es nicht geschafft haben solltest, geht die Welt nicht unter. Du versuchst es einfach noch mal“, so Ajsche Al-Mollah.

Ajsche Al-Mollah ist stolz, in Mahrang Baloch und Farzane Mohammadi zwei so starke Frauen begleiten zu können. „Sie wissen, wo sie hin wollen. Und wie sie Hilfe bekommen. Meine Aufgabe besteht nicht nur darin, sie zu beraten, sondern auch, sie zu motivieren, durchzuhalten.“

Das fundierte Konzept zur Förderung von Frauen mit Migrationshintergrund hat der Nienburger Ko-Stelle vor kurzem erneut den Titel „Ko-Stelle plus“ eingebracht. Und damit zusätzliche Mittel, um Migrantinnen auf dem Weg in den Beruf zu begleiten.

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Erstellt:
18. Mai 2019, 21:42 Uhr
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