Diese Daten hat die Bürgerinitiative „Schluss mit dem Lochfraß“ zusammengetragen. Grafik: Bürgerinitiative

Diese Daten hat die Bürgerinitiative „Schluss mit dem Lochfraß“ zusammengetragen. Grafik: Bürgerinitiative

Landkreis 18.02.2020 Von Die Harke

Lochfraß: Betroffene erwarten politische Lösung

Bürgerinitiative kritisiert „Verzögerungs- und Verhinderungstaktik“

Zum aktuellen Stand der Lochfraß-Diskussion schreibt die Bürgerinitiative „Schluss mit dem Lochfraß“ in einer Pressemitteilung: „Nachdem sich fremdfinanzierte Forschungsvorhaben definitiv nicht mehr realisieren lassen, erinnert die Bürgerinitiative an das Ergebnis des Mediationsverfahrens zur Lochfraßproblematik.“

Mediator Peter Brieber hielt dazu im Protokoll zu der Sitzung vom 3.8.15 fest: „Sollte eine Teilnahme (eigene Anmerkung: an einem bundesweiten Forschungsprojekt) nicht realisierbar sein, wäre als ‚kleine Lösung` eine separate Untersuchung durch Frau Dr. Becker dringend angeraten.“

Diese Empfehlung, welche die Untersuchungen zu Inhibitoren einbezog, war durch die beiden Mediationsparteien unter Mitwirkung des Wasserverbandes sowie der Bürgermeister der betroffenen Ortsteile einvernehmlich erarbeitet worden.

Einen hierfür erfolgversprechenden Weg zeigt der renommierte Korrosionsexperte Prof. Ralf Feser auf. Der Wissenschaftler war im Oktober 2017 eigens durch den Wasserverband beauftragt worden, auf der Basis der bisherigen Erkenntnisse und Berichte ein Gutachten zur „Korrosion von Kupferleitungen im Wasserversorgungsgebiet des Wasserwerks Drakenburg“ zu erstellen.

In diesem Gutachten v. 29.3.18 spricht er folgende Handlungsempfehlung aus: „Eine zentrale Dosierung von Inhibitoren erscheint erfolgversprechend. …Eine zentrale Phosphatierung ist nicht im Sinne des Minimierungsgebots der Trinkwasserverordnung, könnte aber sicher durch die Reduzierung der Schäden in den privaten Haushalten begründet werden. … Eine Alternative zu einer zentralen Phosphatierung wäre eine dezentrale Phosphatierung.“

Es darf unterstellt werden, dass der Vorstandsvorsitzende der Gesellschaft für Korrosionsschutz eine solche Empfehlung nur unter Berücksichtigung des aktuellen Kenntnisstandes zu Korrosionsinhibitoren und damit auf der Basis folgender unstrittiger Fakten aussprechen konnte:

  • 1. Die Trinkwasserverordnung lässt den Einsatz von Inhibitoren ausdrücklich zu; die Forderung, dass die infrage kommenden Phosphate und Silikate durch das Umweltbundesamt geprüft, genehmigt, in eine diesbezügliche Tabelle aufgenommen und veröffentlicht worden sind, wird uneingeschränkt erfüllt
  • 2. auch das Fachreferat des Bundesgesundheitsministeriums misst Inhibitoren keinerlei gesundheitliche Relevanz zu; Phosphate sind in z.T. tausendfacher Konzentration in als besonders gesund geltenden Lebensmitteln enthalten (Beispiele: Weizenkleie: 12.400 mg/ kg ; Eigelb 5.900 mg/kg; Fisch 2.200 mg/kg; Inhibitor max. 6,7 mg/l)
  • 3. Inhibitoren haben andernorts ihre schadenshemmende Wirksamkeit mehrfach unter Beweis gestellt und werden daher auch gern durch die Wasserversorger selbst zum Schutz ihrer eigenen Versorgungsnetze eingesetzt
  • 4. unabdingbare Voraussetzung für eine Inhibierung ist immer auch der Nachweis ihrer Wirksamkeit; daher sind vorausgehende wissenschaftliche Untersuchungen zu Art, Kombination und Dosierung unverzichtbar; die Wirksamkeit der Inhibitoren wird dadurch sichergestellt
  • 5. Gegenstand diesbezüglicher Untersuchungen ist immer auch die Auswirkung der vorgesehenen Inhibitoren auf die bereits vorhandene Deckschicht; die Gefahr eventueller kontraproduktiver Reaktionen innerhalb der Installationen (z.B. Deckschichtauflösung) wird damit bestmöglich minimiert.

Die genannten Fakten wurden durch Timo Jentzsch im Nienburger Bauausschuss im Wesentlichen bestätigt. Ergänzend verwies dieser noch auf eigene Laborversuche seines Instituts, in denen die Wirksamkeit der Inhibitoren bei einer Dosierung von bereits 2 mg/l nachgewiesen wurde. Gleichzeitig erklärte er erneut die Bereitschaft seines Instituts zu diesbezüglichen Untersuchungen beim Wasserwerk Drakenburg und schätzte die dafür entstehenden Kosten auf einen unteren sechsstelligen Betrag.

Die Argumente der Geschäftsführung des Kreisverbandes sind angesichts der genannten Fakten eindeutig widerlegt. Zwei Aussagen bedürfen dennoch der Stellungnahme:

  • 1. das Ergebnis einer bundesweiten Erhebung, die die Nichtauffälligkeit der Schadenshäufung im überregionalen Vergleich angeblich belegt, wurde bisher nicht vorgelegt. Offizielle Zahlen des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft beweisen vielmehr das Gegenteil.

    Demnach liegt die Schadenshäufung für Leitungs-wasserschäden im Bereich des Wasserwerks Drakenburg etwa 9 x höher als im gesamten übrigen Bundesgebiet. Sie liegt 4 x höher als in den 5 schadenträchtigsten Gebieten der Bundesrepublik und gar 23 x höher als in den wegen ihres landwirtschaftlichen Umfelds vergleichbaren 5 schadenärmsten Gebieten

  • 2. Über die Ablehnung eines zentralen Einsatzes von Inhibitoren hat nach Auffassung der Bürgerinitiative nicht die Geschäftsführung des Kreisverbandes zu entscheiden. Selbst ein vorhandener Vorstandsbeschluss wäre aufgrund der Zusammensetzung des Vorstandes mehrheitlich von Kommunalpolitikern gefasst worden, die nicht für die Trinkwasserversorgung der Bürger der beiden betroffenen Nienburger Ortsteile verantwortlich und damit zuständig sind.

    Hier bedarf es einer grundsätzlichen Klärung und Prüfung, ob ein derartiger Beschluss nicht die unteilbare Verantwortung der Stadt Nienburg für die Trinkwasserversorgung ihrer Bürger und deren Gemeinwohl missachtet.

Die Bürgerinitiative regt daher gemäß § 34 des Niedersächsischen Kommunalverfassungsgesetzes an, dass die Stadt Nienburg die im Rahmen der Mediation einvernehmlich getroffene Empfehlung der „kleinen Lösung“ sowie die Handlungsempfehlungen von Prof. Feser und Herrn Jentzsch nunmehr zügig umsetzt und die Zuständigkeit für die Entscheidung über einen zentralen/dezentralen Einsatz von Inhibitoren zeitnah prüft.

Die Betroffenen erwarten nach 7 Jahren Vernebelungs-, Verzögerungs- und Verhinderungstaktik endlich eine politische Lösung des Problems, heißt es abschließend in der Pressemitteilung.

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Erstellt:
18. Februar 2020, 17:37 Uhr
Lesedauer:
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