Johann Hinrich Claussen bei seiner Lesung in der St.-Martin-Kirche in Nienburg. Kirchenkreis Nienburg

Johann Hinrich Claussen bei seiner Lesung in der St.-Martin-Kirche in Nienburg. Kirchenkreis Nienburg

Nienburg 04.09.2017 Von Die Harke

Luther und die Wurst

Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche Deutschlands sprach in Nienburg

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe zum Reformationsjubiläum des Kirchenkreises Nienburg hat Johann Hinrich Claussen in der gut besuchten [DATENBANK=774]St.-Martin-Kirche[/DATENBANK] in Nienburg aus seinem Buch „Die 95 wichtigsten Fragen: Reformation“ vorgelesen. „Die Reformation ist kein deutscher Sonderbesitz“, betonte Johann Hinrich Claussen, Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche Deutschlands, gleich zu Beginn: „Eigentlich kann man nur von ,den Reformationen in Europa‘ sprechen.“ Als er sich im Laufe der Arbeit an seinem Buch nochmals detailliert mit der europäischen Reformationsgeschichte beschäftigte habe, seien ihm Dinge neu aufgefallen und klar geworden. Manches habe ihn auch überrascht.

95 Fragen zur Reformation stellt und beantwortet Claussen in seinem Buch, manche zu zentralen theologischen und kirchlichen Themen, manche eher kurios – so zum Beispiel die Frage, warum Luther das Poesiealbum erfunden habe, oder warum die Reformation in der Schweiz mit einer Wurst begann.

Auf die Frage „Wer war der liebenswürdigste Katholik des 16. Jahrhunderts?“ antwortet Claussen, dass dies für ihn Philipp Neri sei, der Ordensgründer der Oratorianer, welcher nicht auf Gewalt setzt habe, um die Menschen für den Katholizismus zurückzugewinnen, sondern sie dazu einlud, miteinander zu beten, zu singen und in ihrer eigenen Sprache über die Bibel zu reden.

Selbstverständlich ging es bei der Lesung in St. Martin und der daran anschließenden offenen Fragerunde aber auch immer wieder um Martin Luther. Claussen hob hervor, dass Luther trotz all seiner Fehler und Intoleranz in seinen späten Jahren sicherlich nicht, wie es immer wieder zu lesen sei, der erste „Wutbürger“ oder „Fundamentalist“ gewesen sei. Vielmehr habe er die Bibel übersetzt und gedeutet, um allen Menschen einen emanzipatorischen, kritischen Umgang mit ihr und vor allem mit den kirchlichen Autoritäten zu ermöglichen.

Vieles in Luthers Schriften sei für uns heute, nach immerhin 500 Jahren, aber auch einfach schwierig zu verstehen. „Darum muss auch Luthers Theologie heute übersetzt und gedeutet werden“, so Claussen. Weil Luther eben auch nur ein Mensch und Kind seiner Zeit gewesen sei – und als Mönch auch eine bestimmte Sicht auf die Welt hatte. „So haben ihn Dinge wie die Entdeckung Amerikas oder Kopernikus einfach nicht interessiert. Da hat er nur gesagt: ,Es gibt da einen Verrückten, der behauptet, dass die Erde um die Sonne kreist‘ …“.

[DATENBANK=406]Superintendent Martin Lechler[/DATENBANK] fragte zum Schluss, ob Claussen denn das Gefühl habe, dass die Kirche mit dem Reformationsjubiläum neue Akzente setzen konnte. „Ich denke, es ist gut“, so Claussen, „dass wir uns bemüht haben das Reformationsjubiläum europäisch und ökumenisch zu feiern, dass wir nicht Luther zum deutschen Helden gemacht haben und dass wir die dunklen Seiten nicht verdeckt haben. Schwieriger ist die Frage, wie wir denn mit anderen Menschen und Institutionen guten Willens in ein Gespräch kommen können. Teilweise ist dies gelungen, aber da müssten wir uns noch ein wenig mehr raus trauen und neue Wege gehen“.

„Ein anregender und gelungener Abend, der zum Weiterdenken einlud und neugierig machte auf die restlichen 92 wichtigsten Fragen zur Reformation“, heißt es abschließend aus dem Kirchenkreis.

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Erstellt:
4. September 2017, 21:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 34sec

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