Heino Brinkmann (links) erinnert sich noch gut an die Anti-Atom-Proteste in den Jahren 1976 und 1977. Damals war Lichtenhorst als atomares Endlager im Gespräch. Zusammen mit Uwe Schmädeke vom 2011 gegründeten Anti-Atom-Kreis Nienburg entrollte der Steimbker an dem Gedenkstein, der an den Widerstand erinnert, ein Banner.Foto: Hagebölling

Heino Brinkmann (links) erinnert sich noch gut an die Anti-Atom-Proteste in den Jahren 1976 und 1977. Damals war Lichtenhorst als atomares Endlager im Gespräch. Zusammen mit Uwe Schmädeke vom 2011 gegründeten Anti-Atom-Kreis Nienburg entrollte der Steimbker an dem Gedenkstein, der an den Widerstand erinnert, ein Banner.Foto: Hagebölling

Lichtenhorst 16.11.2019 Von Edda Hagebölling

Proteste verhindern Atommüll-Endlager

Wie eine Region verhinderte, dass im Lichtenmoor weiter nach einem Standort für ein Atommüll-Endlager gesucht wurde

„Datt Ding kummt hier nich her. Dor sett wi us to Wehr.“ Ein stattlicher Findling mit dieser Inschrift – übersetzt: Das Ding kommt hier nicht her, da setzen wir uns zur Wehr – erinnert an die Proteste der Jahre 1976/1977. Aufgestellt wurde er seinerzeit in einem Waldstück unweit des Ponyhofes Hagedorn in Lichtenhorst.

Mit „datt Ding“ ist das Atommüll-Endlager gemeint, das es nach wie vor nicht gibt. In Deutschland nicht, und auch nicht weltweit, das aber für Lichtenhorst im Gespräch war.

Dass die Pläne seinerzeit nicht weiter verfolgt wurden, ist den Protesten zu verdanken, die sich ein Jahr lang hinzogen und manchmal hunderte von Frauen und Männern aus den Samtgemeinden Steimbke, Heemsen und der Stadt Rethem, aber auch aus allen Teilen des Landes in das eigentlich beschauliche Lichtenhorst führten.

„Dem damaligen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht wurde die Sache damals dann doch zu heikel. Er hat dafür gesorgt, dass die seismologischen Bohrungen, die bei Nacht und Nebel begonnen hatten, wieder eingestellt wurden“, berichtet Heino Brinkmann aus Steimbke.

Brinkmann – damals 24 Jahre alt – gehörte zu denen, die ein Jahr lang in dem Protestcamp auf dem Gelände der Familie Kraft gelebt und – auch im Winter bei Wind und Wetter – darauf geachtet haben, dass in unmittelbarer Nachbarschaft nicht noch mehr wunderliche Dinge geschahen.

Das AKW Brokdorf war gerade im Bau

Der Steimbker befand sich damals in bester Gesellschaft. Zu seinen Mitstreitern gehörten Menschen aus der Region, die wie er verhindern wollten, dass in Lichtenhorst ein atomares Endlager entsteht, aber auch Studenten aus Bremen, Hamburg und sogar München. „Wir waren eine riesengroße Gemeinschaft. Immer sonntags haben wir – nach dem Gottesdienst – zu Infoveranstaltungen eingeladen, um über die Gefahren, die von Atomkraftwerken und erst recht von Atommüll ausgehen, zu informieren“, so der heute 67-Jährige.

Das Ganze geschah zu einer Zeit, in der es noch kein Internet und auch noch keine Emails gab. „Irgendwie ist es uns dennoch gelungen, die Menschen zu mobilisieren. Mit handgefertigten Flugblättern und vereinzelt auch per Fax“, erinnert sich Brinkmann noch gut.

„Dat Ding kummt hier nich her. Dor sett wi us to Wehr.“ Ein stattlicher Findling mit dieser Inschrift erinnert an den Widerstand gegen das Atommüllendlager im Lichtenmoor. Foto: Hagebölling

„Dat Ding kummt hier nich her. Dor sett wi us to Wehr.“ Ein stattlicher Findling mit dieser Inschrift erinnert an den Widerstand gegen das Atommüllendlager im Lichtenmoor. Foto: Hagebölling

„Die Bauarbeiten für das Atomkraftwerk in Brokdorf hatten gerade begonnen, und mein Vertrauen in die Politik war längst erschüttert“, so Brinkmann. Sowohl in seiner Ausbildung zum Elektrotechniker als auch anschließend bei der Bundeswehr war ihm vermittelt worden, dass es Energie im Überfluss gebe und keinerlei Anlass zur Sorge bestehe.

Die nebulösen Vorgänge im Lichtenmoor bestärkten ihn in seinem Misstrauen. Dass bereits 1945 bei Erdölbohrungen festgestellt worden war, dass es unter dem Lichtenmoor in etwa 3.000 Metern Tiefe einen mächtigen Salzstock geben müsse, war bei einer Infoveranstaltung bekannt gegeben worden.

Als dann auch noch Männer mit rot-weiß-geringelten Stangen auftauchten und unter dem Vorwand: In Hannover würde das Trinkwasser knapp, Bohrgeräte aufbauten, schrillten – nicht nur in Lichtenhorst – endgültig die Alarmglocken.

Außer Lichtenhorst waren seinerzeit noch Aschendorf-Hümmlingen im Emsland und Gorleben im Gespräch. 1995 wurde in Gorleben – bis zum Fall der Mauer dünn besiedeltes Zonenrandgebiet – ein Zwischenlager für hochradioaktiven Abfall eröffnet, die Erkundungsarbeiten für ein atomares Atommüll-Endlager wurden erst 2016 vorerst eingestellt. Mit dem Hinweis darauf, dass erneut eine „ergebnisoffene“ bundesweite Suche gestartet werden solle.

An dieser Stelle kommt Uwe Schmädeke ins Spiel. Schmädeke ist Sprecher des nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima im Jahr 2011 gegründeten Anti-Atom-Kreises Nienburg. Heino Brinkmann hatte ihn gebeten, zu dem Treffen mit der HARKE am Sonntag am Gedenkstein dazuzukommen.

Um zu verdeutlichen, dass das Thema Atommüllendlager auch für Lichtenhorst noch nicht ausgestanden ist, entrollten beide ein Transport. Und wiesen darauf hin, dass die Suche nach einem Standort für ein Atommüllendlager weitergeht. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

60 Jahre Atomstrom, eine Million Jahre Müll

„Das Thema ist aktueller denn je“, sind sich beide einig. Und weisen auf den Irrsinn hin, den 60 Jahre Atomkraft – das erste deutsche AKW ging 1962 ans Netz, das letzte soll 2022 abgeschaltet werden – der Nachwelt auf geschätzte eine Million Jahre bescheren.

Wie Schmädeke berichtet, geht man davon aus, dass die deutsche Atomindustrie nach 2022 rund 1.900 Castor-Behälter mit hochradioaktivem Müll hinterlässt. „Die finanzielle Verantwortung für den Atommüll hat der Staat gegen eine lächerliche Ablöse von 24 Milliarden Euro von den Atomkonzernen auf die Bürger übertragen“, so Schmädeke weiter.

Seinen Angaben zufolge will die Atom-Kommission Mitte 2020 preisgeben, welche Gebiete für ein Endlager infrage kommen. Allerdings, ohne die Kriterien zu veröffentlichen, die bei der Entscheidung eine Rolle spielen. Der Bundestag selbst wolle dann 2031 per Gesetz beschließen, wo das Endlager gebaut werde. Jedenfalls nach aktuellem Stand.

Heino Brinkmann hat sich noch Jahre nach Beilegung der Proteste gewundert, warum ausgerechnet immer sein Pkw an den Grenzübergängen herausgewunken wurde, wenn er mit der Familie auf dem Weg nach Österreich oder in ein anderes europäisches Nachbarland war.

„Die Verfassungsschützer, die regelmäßig in unserem Protestcamp auftauchten und sich zum Teil auch bereitwillig zu erkennen gaben, haben offenbar einen guten Job gemacht“, so Brinkmann.

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Erstellt:
16. November 2019, 20:22 Uhr
Lesedauer:
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