Carsten Krumwiede ist einer der letzten Vollerwerbslandwirte Nienburgs.

Carsten Krumwiede ist einer der letzten Vollerwerbslandwirte Nienburgs.

26.04.2015

Mais häckseln kostet acht Euro. Pro Minute

Er wollte nie was anderes werden: Carsten Krumwiede ist einer der letzten Vollerwerbslandwirte Nienburgs

Von Edda Hagebölling

Erichshagen-Wölpe. Dass er die Gülle Anfang der Woche ausbringt und nicht am Wochenende, versteht sich für Carsten Krumwiede von selbst. Und dass er sie nach Möglichkeit gleich einarbeitet, um die Geruchsbelästigung so gering wie möglich zu halten, auch. Der 51-Jährige ist nicht nur der letzte Vollerwerbslandwirt in Erichshagen-Wölpe, sondern auch einer der letzten in ganz Nienburg. Und ist stets bemüht, Rücksicht auf all diejenigen zu nehmen, die im Laufe der Jahre in Nienburgs Norden gebaut haben. Dass er dafür schon mal 14 Stunden am Stück auf dem Trecker sitzt, nimmt er in Kauf. Doch er bittet auch um Verständnis dafür, dass das nicht immer geht. Zusammen mit zwei Mitarbeitern bewirtschaftet Carsten Krumwiede einen Hof an der Celler Straße. Tiere hat er – wegen der Nähe zur Stadt – nicht, dafür 280 Hektar Ackerland. Flächen, die er gekauft oder gepachtet hat, wenn wieder ein Landwirt seinen Betrieb aufgegeben hat. Angebaut werden Getreide, Kartoffeln und Spargel.

„Ich wollte nie was anderes werden“, so Krumwiede beim Treffen mit der Harke am Sonntag. Dabei war der Urgroßvater noch Wannenmaurer bei der Glashütte und der Großvater im Hauptberuf Holzfäller. Der erste Vollerwerbslandwirt in der Familie war Vater Heinz Krumwiede.

„Als ich zur Schule ging, waren in meiner Klasse fünf Jungs, die vom Hof kamen. Als mein Sohn Christian zur Schule ging, war er der einzige Landwirtssohn auf der ganzen Schule“, verdeutlicht Carsten Krumwiede den Wandel, der sich in der Landwirtschaft innerhalb kürzester Zeit vollzogen hat.

Daniela Krumwiede ist Chefin des Hofladens. Der 45-Jährigen stehen ebenfalls zwei Mitarbeiterinnen zur Seite. Verstärkt wird das Team zurzeit von ca 15 Saisonarbeitskräften. „Allesamt zuverlässige, fleißige junge Leute, die zum Spargelstechen und Geldverdienen kommen. Und nicht zum Freimachen“, so Carsten Krumwiede mit einem Seitenhieb auf die neue Arbeitszeitregelung der Bundesregierung.

Was Carsten und Daniela Krumwiede aber heute auch schon wissen: Weder Carstens noch Danielas Kinder werden den Hof später einmal übernehmen.

„Und ich kann es ihnen nicht verdenken“, so der 51-Jährige. Der Kostendruck nimmt immer mehr zu. Und die Reglementierungswut auch. „Auf zwei Ordner mit Buchführung kommen mittlerweile sechs für alle möglichen Dokumentationen. Und wenn noch dazu die Dividende nicht stimmt, macht‘s keinen Sinn mehr“, so der Landwirt.

Doch ans Aufhören denkt derzeit noch keiner von beiden. Dafür macht die Arbeit zu viel Spaß.

Trennen wird sich Carsten Krumwiede jedoch in Kürze von den Ländereien am Mußriedesee. Wegen des Vandalismus. „Bevor ich mir den Mähdrescher an den Fahrrädern und all dem anderen Müll kaputt fahre, der regelmäßig im Getreidefeld landet“, so der Erichshagener. Eine Mähdrescherstunde würde 250 Euro kosten, wenn er sich das Getreide von einem Lohnunternehmen mähen ließe. Eine Maishäcksler-Kolonne schlägt mit acht Euro zu Buche. Pro Minute.

Das ist ein Grund, warum Stadt-Landwirt Carsten Krumwiede nicht auf alles Rücksicht nehmen kann, wenn die Mais- oder die Getreideernte ansteht. „Wenn das Getreide reif ist und das Wetter passt, muss gemäht werden. Notfalls rund um die Uhr. Und notfalls auch am Wochenende“, so Krumwiede. „Immerhin handelt es sich um den Rohstoff, der später als Brot oder Brötchen auf dem Frühstückstisch landet“, gibt er zu bedenken.

Sehr freuen würde er sich, wenn die Spaziergänger ihre Hunde nicht über die Spargelfolie laufen ließen. Oder die Sportler die Wege zu seinen Feldern nicht zuparkten. Oder die Jogger ohne „Knopf im Ohr“ unterwegs wären und mitbekämen, wenn er mit seinem Trecker an ihnen vorbei muss. Oder er nicht an der Haustür klingeln müsste, um darum zu bitten, das Auto zur Seite zu fahren, damit er mit dem Mähdrescher passieren kann. Oder, oder, oder ...

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Erstellt:
26. April 2015, 00:00 Uhr
Lesedauer:
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