11.11.2012

Marion Schaper schlägt Alarm

Die Kassen des Diakonischen Werks sind leer / Beihilfen für Winterkleidung nicht möglich

Von Edda Hagebölling

Nienburg. Marion Schaper schlägt Alarm. Die Geschäftsführerin des Diakonischen Werks in Nienburg weiß nicht mehr, wie sie den Menschen, die zu ihr kommen, noch helfen soll. „Die Kassen sind leer, die Reserven sind aufgebraucht, die Fördertöpfe sind bereits angezapft, und der Winter kommt erst noch“, so Schaper Mitte der Woche im Gespräch mit der Harke am Sonntag.

„Seit Einführung von Hartz IV im Jahr 2005 hat sich die Zahl unserer Beihilfen vervierfacht“, betont die langjährige Geschäftsführerin. Und das bei ohnehin nicht üppigem Budget. Zehn Cent pro Mitglied führen die Kirchengemeinden im Kreis pro Jahr an das Diakonische Werk ab. Umgerechnet 4500 Euro. „Wenn wir nicht seit drei Jahren einen privaten Spender hätten, der uns pro Jahr 6000 Euro zur Unterstützung von bedürftigen Frauen und Kindern überweist, hätte ich schon vor drei Jahren Alarm schlagen müssen“, führt Marion Schaper den Ernst der Lage vor Augen. Weitere 7000 Euro hat sie in diesem Jahr bereits bei Stiftungen erbettelt. Noch nicht vollständig eingetroffen ist dagegen der Erlös aus dem Verkauf des „Diakonie-Brotes“. Doch auch das Geld wird bei weitem nicht ausreichen, um all den Menschen zu helfen, mit denen die Geschäftsführerin in den nächsten Wochen rechnet.

Zu Marion Schaper kommen immer mehr Menschen, die immer weniger Geld zur Verfügung haben. Menschen, die von Hartz IV leben müssen, Menschen, die zu Dumping-löhnen beschäftigt werden und Asylbewerber, die alles daran setzen, dass ihre Kinder das Gymnasium besuchen können. Und sie warnt davor, diese Menschen zu verurteilen. „Arbeitslos werden kann heutzutage so gut wie jeder. Und das nicht, weil er zu faul ist, sondern weil er krank wird oder weil die Firma sparen muss“, so Marion Schaper. Aus ihrer täglichen Arbeit weiß sie: „Nicht selten wissen Menschen, die arbeitslos geworden sind, schon nach eineinhalb Jahren nicht mehr ein noch aus.“

Marion Schaper weiter: „Vor der Einführung von Hartz IV sind die Menschen wenigstens noch halbwegs zurecht gekommen, weil sie in besonderen Härten Zuschüsse bekommen konnten. Beispielsweise, wenn die Waschmaschine kaputt gegangen war, wenn ein neues Bett benötigt wurde oder wenn Winterkleidung gekauft werden musste.“

Mittlerweile sei die Situation aber so prekär, dass sich Kinder nicht zur Schule trauen, weil sie nur Sandalen oder keine warme Jacke haben, oder dass ganze Familie ohne Strom oder Heizung leben müssen, weil die Energiekonzerne immer rigoroser vorgingen. „Dabei müssen gerade die Menschen mit wenig Geld in schlecht isolierten Wohnungen leben“, gibt Marion Schaper zu bedenken.

Und sie weiß ebenfalls aus ihrem beruflichen Alltag – die Kurenberatung des Diakonischen Werks hat ihr Büro gleich nebenan – dass immer mehr Menschen psychisch krank werden, weil sie einfach nicht mehr die Kraft haben, jeden Cent umzudrehen, zu Bittstellern zu werden, weil das Kind in der Schule den teuren Taschenrechner braucht, nach der 50. erfolglosen Bewerbung auch noch die 51. zu schreiben oder dem Kind klar zu machen, warum es zu seinem Geburtstag im Kindergarten keine Süßigkeiten spendieren kann.

Marion Schaper ist überzeugt davon, dass sich diese Abwärtsspirale nur aufhalten lässt, wenn beispielsweise die Hartz IV-Bestimmungen geändert werden. „Das Diakonische Werk hat beispielsweise ermittelt, dass einem Haushaltsvorstand 80 Euro mehr zugebilligt werden müssen, die Hans-Böckler-Stiftung ist sogar auf einen Betrag von 525 Euro gekommen“, so die Geschäftsführerin. Der aktuelle Regelsatz liegt ihren Angaben zufolge jedoch bei 374 Euro.

Marion Schaper würde sich freuen, wenn ihr Hilferuf nicht ungehört verhallt.

Das Konto des Diakonischen Werks bei der Sparkasse Nienburg (BLZ 256 501 06)

mit dem Stichwort

„Diakoniefond Nienburg“

hat die Nummer 325 753.

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Erstellt:
11. November 2012, 00:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 52sec

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