Der ehemalige Nienburger Achim Bayer ist Professor für vergleichende Kulturwissenschaften und Buddhismuskunde an der Universität in Kanazawa (Japan). Foto: Bayer

Der ehemalige Nienburger Achim Bayer ist Professor für vergleichende Kulturwissenschaften und Buddhismuskunde an der Universität in Kanazawa (Japan). Foto: Bayer

Landkreis 24.03.2020 Von Sebastian Stüben

Mit Buddhismus-Lehre gegen Corona

Ex-Nienburger Achim Bayer ist Professor an japanischer Universität – er erzählt, wie Japaner mit Krise umgehen

Der ehemalige Nienburger Achim Bayer (49) arbeitet als Professor für vergleichende Kulturwissenschaft und Buddhismuskunde an der Seiryo Universität Kanazawa in Japan. Er glaubt, dass die Deutschen viel von den Japanern lernen können, was den Umgang mit der Corona-Krise angeht.

Von 1977 bis zum Abitur hat Bayer in Nienburg gelebt. Von 1999 bis 2004 war er als Forschungsstipendiat an der Universität Kyoto tätig, von 2010 bis 2016 als Assistenzprofessor an der Dongguk Universität in Seoul.

Herr Bayer, Sie als ehemaliger Nienburger wohnen jetzt in Kanazawa in Japan. Was hat Sie dorthin verschlagen?

Tatsächlich begann ich mich schon mit sieben Jahren für Japan und japanische Kultur zu begeistern, als ich als Erstklässler beim ASC Nienburg mit Judo anfing. Von da an war für mich klar, dass es auf der anderen Seite der Erde Kulturen gibt, von denen man viel lernen kann. So habe ich mich nach dem Abitur an der ehemaligen Hindenburgschule entschieden, in Hamburg Buddhismuskunde zu studieren. Nach und nach hat mich das dann zum Studium in Nepal und in Kyoto gebracht, und auf Reisen nach China und Tibet. Ab 2010 habe ich für sechs Jahre an einer buddhistischen Universität in Korea unterrichtet und wohne seit vier Jahren mit meiner japanischen Frau und zwei Kindern in Japan, wo ich an der Seiryo Universität unterrichte.

Sie sind Professor für Buddhismuskunde. Können Sie kurz beschreiben, mit welchen Fragen Sie sich da beschäftigen?

Da gibt es natürlich eine Menge Themen. Der Buddhismus ist etwa 2500 Jahre alt und hat sich über ganz Asien ausgebreitet. Lange Zeit waren sogar Afghanistan, Tajikistan und Teile des Iran weitgehend buddhistisch. Viele buddhistische Mönche waren „Ionier“, also einfach gesagt, Griechen. Dieser Teil der Geschichte ist weitgehend vergessenen, und ich forsche und schreibe darüber. Darüber hinaus erforsche ich auch vor Ort, wie sich Buddhismus in der modernen Gesellschaft umsetzen lässt. Für die Corona-Situation ist wohl besonders die Frage nach Individualismus oder Kollektivismus wichtig. Aber auch die Frage, wie man mit schwierigen Situationen im Leben umgeht.

Sie sagen, Japan ist bislang glimpflich davongekommen, was Infizierungen mit dem Coronavirus angeht. Wie sieht die Situation dort zurzeit aus?

In Japan gab es seit den ersten Fällen ein Bewusstsein dafür, dass die Ausbreitung von Covid-19 so früh wie möglich gestoppt werden muss. Deswegen gehört Japan zu den wenigen Ländern, in denen sich das Virus recht langsam ausgebreitet hat. Hier in Kanazawa, an der japanischen Nordküste, ist es besonders ruhig. Es gab nur wenige Fälle, die aber sofort isoliert werden konnten. Ein Urlauber, der aus Ägypten zurückkam, hat sich sofort beim Gesundheitsamt gemeldet. Wenn es so bleibt, kann der Schulunterricht im April, also nach der Kirschblüte, wieder beginnen.

Hat die Regierung auch in Japan Maßnahmen zur Eindämmung der Ausbreitung verhängt?

Ja. Im Februar kam ein Kreuzfahrtschiff aus Hongkong, von dem Covid-19-Fälle gemeldet wurden. Die japanische Regierung hat das Schiff daraufhin vor der Küste in Quarantäne gestellt. Ob die Quarantäne-Bedingungen an Bord angemessen waren, kann man schwer sagen, aber auf jeden Fall hat die Regierung von Anfang an gezeigt, dass sie das Problem ernst nimmt. Ende Februar hat der Premierminister dann gebeten, alle Schulen zu schließen. Natürlich kann der Regierungschef so etwas nicht verfügen, wie auch in Deutschland. Also hat er es einfach als Bitte formuliert, und die lokalen Behörden haben dann vor Ort entschieden. Veranstaltungen wurden abgesagt, soweit es geht sogar Besprechungen in Firmen und Behörden.

Sie sagen die japanische Kultur würde dazu beitragen, dass sich das Virus nicht so stark verbreitet. Erklären Sie das doch bitte! Hängt das auch mit dem Buddhismus zusammen?

Der wichtigste Faktor ist wohl, dass man in Japan eher an Ereignisse wie Erdbeben, Tsunamis, Taifune und sogar Vulkanausbrüche gewöhnt ist. Das hat die japanische Kultur stark geprägt. Es war schon immer eine wichtige Kunst, nach solchen Schicksalsschlägen wieder in geordnete Bahnen zu kommen.

Das passt natürlich sehr gut zu den Grundlehren des Buddhismus. Da gibt es zunächst mal die wichtige Einsicht, dass es im Leben Schwierigkeiten gibt, die man einfach verstehen und annehmen muss. In gewisser Hinsicht ist diese Einsicht zwar ein normaler Teil des Erwachsenwerdens, es hat aber im Buddhismus einen besonderen Stellenwert. Dazu kommt noch die Vorstellung, dass sich im kleinsten Teil des Universums das ganze Universum widerspiegelt, sodass auch jeder einzelne mit seinen Handlungen alle anderen Menschen mit beeinflusst.

Was können Sie den Menschen in Stadt und Landkreis für die bevorstehende schwere Zeit mit auf den Weg geben?

Zunächst mal, dass diese schwierige Situation gar nicht so lang sein muss. Wenn man abends zur Abwechslung mal für ein paar Wochen zuhause bleibt und auf der Arbeit genau auf Hygiene achtet, könnte das Problem schnell gelöst sein, zumal ja bald der Frühling kommt. Hier in Kanazawa gab es im Februar eine schlimme Influenza-Welle, die man nebenbei mit in den Griff gekriegt hat. Ein positiver Nebeneffekt von Covid-19 sozusagen. Das Argument, „Warum Hygiene, die normale Influenza ist doch fast genauso schlimm?“, gilt also nicht. Ganz im Gegenteil. Hier in Japan ist man sich wohl auch bewusst, dass nicht unbedingt die Regierung schuld ist, wenn es mal ein Erdbeben oder einen Taifun gibt.

In Norddeutschland ist das Leben in der Regel recht sicher. Es wird nicht auf einmal in Hildesheim ein Vulkan ausbrechen. Wenn es nun doch mal zu einer Art Naturkatastrophe kommt, ist wohl etwas Verständnis für Quarantäne und andere notwendige Maßnahmen ganz angebracht. Und natürlich ist es wichtig, sich auch mit Ruhe und Umsicht im Internet zu bewegen. Zum Beispiel könnte man in Ruhe einen längeren Text auf der Seite der Weltgesundheitsorganisation lesen, anstatt dieselbe Zeit für Kurznachrichten und Messaging aufzuwenden. In der Ruhe liegt hier ganz bestimmt die Kraft.

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Erstellt:
24. März 2020, 20:25 Uhr
Lesedauer:
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