Darijusch Wirth moderierte die Gespräche zu Zukunftsvisionen zwischen den Teilnehmenden Malin Holtmann, Frank Adloff und Lars Niggemeyer (von links) sowie den circa 40 Gästen. Naturfreunde

Darijusch Wirth moderierte die Gespräche zu Zukunftsvisionen zwischen den Teilnehmenden Malin Holtmann, Frank Adloff und Lars Niggemeyer (von links) sowie den circa 40 Gästen. Naturfreunde

Nienburg 10.11.2016 Von Die Harke

„Mit Visionen haben wir auch Menschenrechte verwirklicht“

Talk- und Wein-Veranstaltung der Naturfreunde und Verdi Nienburg / Rund 40 Gäste kamen ins Naturfreundehaus

Ist eine Zukunft möglich, in der Klimaschutz umgesetzt sein wird, in der nachhaltig gelebt wird, in der die Ressourcen und die Einkommen global gerecht verteilt sein werden? Zu dieser Diskussion hatten die [DATENBANK=246]Naturfreunde[/DATENBANK] und [DATENBANK=247]Verdi[/DATENBANK] Nienburg eingeladen. Die Antwort lautet, zumindest bei der Wein- und Talk-Veranstaltung im Naturfreundehaus: „Ja – aber nur, wenn unsere Wirtschaftsordnung nicht unverändert zwangsweise auf Wachstum basiert.“ Lars Niggemeyer vom Deutschen Gewerkschaftsbund, Malin Holtmann von der Naturfreundejugend und Frank Adloff, Professor für Soziologie, diskutierten mit dem Publikum über die Schwierigkeiten und Chancen von entsprechenden Visionen. „Die Zukunftsgestaltung muss frei vor der Angst um Armut und sozialem Abstieg sein“, so Niggemeyer. In seiner Utopie ist Arbeit gerecht verteilt, denn fünf bis sechs Millionen Arbeitslose bereiten auch den Erwerbstätigen Zukunftsängste. Dabei nimmt er durchaus die 30-Stunden-Woche als Vollzeittätigkeit ins Visier.

Wir dürfen vor der Zukunft nicht ratlos stehen. Wachstum kann es aus ökologischen Gründen nicht geben. Das macht aber eine Umverteilung noch schwieriger

Bis zur Verwirklichung seiner Vision sieht Adloff viele zu umschiffende Klippen, unter anderem Nord-Süd-Gefälle, die Arbeitslosigkeit, die Klimaschutzprobleme. Aber, so sagt er: „Wir dürfen vor der Zukunft nicht ratlos stehen. Wachstum kann es aus ökologischen Gründen nicht geben. Das macht aber eine Umverteilung noch schwieriger“.

Als Gegengewicht zu Neoliberalismus und Rechtspopulismus schwebt ihm eine Kultur der Kooperation, also das Gegenteil von Konkurrenz und Hierarchie vor. Er weiß von vielen Experimenten, bei denen Menschen ein anderes Miteinander ausprobieren. Sein Ziel ist es, die verschiedenen Visionen für eine ökologisch und sozial ausgerichtete Gesellschaft zusammen zu bringen. Er machte dabei auf ein Manifest aufmerksam, dass über 40 französische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Intellektuelle über drei Jahre entwickelt haben und verschiedene politische Strömungen verbindet. Durch die von Adloff vorgenommene deutsche Übersetzung ist das Konvivialistische (con vivere = miteinander leben) Manifest mittlerweile auch im Buchhandel zu beziehen.

Wachstum muss nicht immer gleich neuer Ressourcenverbrauch sein

Niggemeyer widersprach einem Nullwachstum. Er verwies auf das notwendige Wachstum bei Transformationszielen wie Soziales und Ökologie. „Wachstum muss nicht immer gleich neuer Ressourcenverbrauch sein“. Wie sich Null-bzw. Negativwachstum mit sozialem Abstieg und Armut verbindet, habe Griechenland gezeigt. Ein Verzicht auf das weltliche Durchschnittseinkommen von 700 Euro sei nicht mehrheitsfähig. Adloff dagegen plädierte, sich unabhängig von Mehrheiten mental und praktisch umzustellen: „Solange wir glauben, die Wachstumsideologie niemals verlassen zu können, stagnieren wir.“

Holtmann, noch in der Ausbildung zur Speditionskauffrau, fragt sich, wie für sie die Zukunft aussehen würde, wenn ihr Beruf durch neue Technologie überflüssig wird. Selbst sie als Jugendliche spürt den Druck, dass es immer schneller und weiter gehen muss, wenn jemand nicht unten ankommen will. Sie will sich dem nicht hilflos ausliefern und sucht Verbündete, um sich dem entgegenzustellen. „Der erste Schritt ist mit anderen zu reden, sich mit Gleichgesinnten zu verbinden und dann kollektiv die Interessen zu vertreten, statt sich nur eine Meinung zu bilden.

In ihrem Heimatort würde sie da recht alleine stehen, aber sie war mit der Naturfreundejugend bei den Demonstrationen gegen das Handelsabkommen dabei. „Wir haben TTIP und CETA zum Thema gemacht. Schon das ist ein Fortschritt.“ Beispielhaft nannte sie, wie sie eine Jugendfreizeit mit dem Ziel der Nachhaltigkeit betreute, die nicht nur die Kinder begeisterte, sondern auch die Eltern.

Aus dem Publikum gab es dann viele Wortbeiträge und Fragen. Wie können Machtstrukturen aufgebrochen werden? Wie sind die sozialen Kampagnen über das Internet einzuordnen? Wie ernst werden Menschen von der Politik genommen, wenn sie Mandate, für die sie sich beworben haben und gewählt wurden, gar nicht erst annehmen? Ein klares Bekenntnis zum Verzicht stand genauso im Raum wie der Hinweis, dass im Niedriglohnsektor nicht zum Verzicht aufgerufen werden kann, wenn andere ihr Vermögen stetig vermehren. Ein gemeinsamer Leitgedanke, unter dem sich die verschiedenen Bewegungen verbinden können, würde fehlen.

Adloff gab den Rat, Zukunftsziele auf kommunaler Ebene zu formulieren und hier die Demokratisierung voranzutreiben. Niggemeyer sprach sich statt zu resignieren für eine Visionen-Offensive aus. „Mit Visionen haben wir auch Menschenrechte verwirklicht“. Optimistisch blickt daher Holtmann in die Zukunft. „Dieser Abend ist ein Anfang.“ Und Adloff betonte: „Wir haben die besseren Visionen und Argumente.“

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Erstellt:
10. November 2016, 21:00 Uhr
Lesedauer:
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