Die Stolpersteine vor dem Haus Friedrichstraße 7 in Nienburg sind Fanny Rose und ihren Kindern gewidmet.  Hagebölling

Die Stolpersteine vor dem Haus Friedrichstraße 7 in Nienburg sind Fanny Rose und ihren Kindern gewidmet. Hagebölling

Nienburg 12.11.2016 Von Die Harke

Mit der „SS Queen Mary“ nach New York

Vor dem Haus Friedrichstraße 7 sollen drei Stolpersteine an Fanny Rose und zwei ihrer vier Kinder erinnern

Die Stolpersteine vor dem Haus Friedrichstraße 7 in Nienburg sind Fanny Rose und ihren Kindern gewidmet. Dazu schreibt Dr. Eilert Ommen, als Lions-Präsident seinerzeit Mit-Initiator der Stolperstein-Aktion:

Fanny Rose, geb. Löwenbach, war bereits Witwe, als sie 1927 mit ihren vier Kindern von Höxter nach Nienburg zog. Zunächst nahm die Familie Quartier in der Bahnhofstraße 12, dann wurde das Haus an der Gustav-Stresemann-Straße 7 bezogen, die in Friedrichstraße umbenannt wurde. Verwandtschaftliche Beziehungen zur Familie Löwenbach werden Zuflucht und Schutz gewährt haben, jedoch auch die intakte jüdische Gemeinde mit ihrer Synagoge. Für alle Roses belegt der „Familienbogen“ im Stadtarchiv ihre Mitgliedschaft. Der Familie wurden vier Kinder in Höxter geboren: Walter 1899, Elsbeth 1900, Fritz 1901 und Lucie 1915.

Durch Flucht nach Amerika vor dem Holocaust gerettet

Am 11. Oktober 2016 setzte der Kölner Künstler Gunter Demnig drei Stolpersteine für Fanny, Walter und Lucie Rose. Die Friedrichstraße 7 war die letzte freiwillig gewählte Wohnanschrift. Die Lebens- und Schicksalsdaten sind auf der Messingplatte des zehn mal zehn Zentimeter großen „Stolpersteins“ jeweils nur knapp gehalten.

Dr. Eilert Ommen als Mitglied der Recherche- und Lenkungsgruppe las die Texte vor. Für Fanny Rose lautet er: „Hier wohnte Fanny Rose, geb. Löwenbach, Jg. 1873, Flucht 1937, Holland, 1938 USA“. Zusammen mit ihrem ältesten Sohn Walter sowie ihrer jüngsten Tochter Lucie konnte sie sich durch die Flucht nach Amerika vor dem Holocaust retten. Über die beiden anderen Kinder fehlen die Informationen, viele Akten sind ganz offensichtlich absichtlich vernichtet worden.

Die Roses werden über den nahegelegenen Bahnhof die Stadt verlassen haben. Heute kaum vorstellbar, welche Szenen sich dort abgespielt haben werden.

Lucie fährt voran, 20 Jahre alt, ehemalige Schülerin der nahegelegenen Hindenburgschule, jetzt MDG. Am 20 Juni 1936 gelingt ihr die Flucht mit der „SS

Hat sie dadurch den Weg für Mutter und Bruder vorbereitet? War sie besonders mutig, ängstlich oder gar informiert? Wir werden nie mehr eine Antwort bekommen, so Dr. Ommen.

Knapp eineinhalb Jahre später flüchteten auch Fanny und Walter im November 1937 zunächst nach Amsterdam und nahmen dort Quartier. Sechs Monate später, im April 1938, führte ihr Weg über Le Havre/Frankreich, mit der „SS Washington“ ebenfalls nach New York. So war man wieder vereint. Im November kam es zur Progromnacht mit verheerenden Folgen auch für die jüdische Gemeinde in Nienburg.

„Man weiß leider recht wenig über das Schicksal auch dieser jüdischen Familie, die aufgrund des Naziterrors aus Nienburg vertrieben wurde. Nur die Flucht ließ sie am Leben. Bis zum Schluss wohnte man ganz in der Nähe von Nienburgs Altstadt“, stellte Dr. Ommen fest. Man habe das eigene Leben und der Angehörigen mit Sicherheit bedroht gefühlt, zu deutlich waren die Zeichen der nationalsozialistischen Machthaber.

Was gab es wohl an lauten, leisen, herzzerreißenden, angstvollen Gesprächen mit vielen Tränen? Was bekamen die Hausmitbewohner oder Nachbarn von den Nöten überhaupt mit? Nie sei das Verlassen der Heimat mit seiner vertrauten sozialen und räumlichen Welt ein leichter Schritt gewesen, stellte der Vortragende an der Friedrichstraße 7 heraus.

Insgesamt 20 Stolpersteine in der Nienburger Innenstadt

Nun seien die Namen der vor dem Terror Geflüchteten in die Stadt zurückgeholt worden. Die schräg ins Pflaster gesetzten Steine würden nun allen Passanten auf dem Fußweg nach Hause oder zum Bahnhof gleich ins Auge fallen und zum Nachdenken anregen.

Am 11. Oktober wurden in Nienburgs Innenstadt an sieben weiteren Stellen zusammen 20 „Stolpersteine“ gesetzt. Begleitet wurde die Aktion von jeweils rund 30 Personen. Viele Passantinnen und Passanten waren überrascht und ließen sich spontan informieren. Eine Bläsergruppe der Musikschule begleitete die vorerst letzte Aktion.

Zum Artikel

Erstellt:
12. November 2016, 21:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 53sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar verfassen zu können.