Antje Falldorf-Podehl (links) und die Doppel-Preisträgerin Sophie Gurtschmann. Foto: ASS Nienburg

Antje Falldorf-Podehl (links) und die Doppel-Preisträgerin Sophie Gurtschmann. Foto: ASS Nienburg

Nienburg 24.04.2021 Von Die Harke

„Musik bedeutet für mich fast alles“

Interview zur musikalischen Bestenförderung an der ASS: Sophie Gurtschmann ist Doppel-Preisträgerin

Kultur in Coronazeiten: Mehrere Schülerinnen der Nienburger Albert-Schweitzer-Schule (ASS) belegen bei Wettbewerben wie „Jugend musiziert 2021“ oder dem „Lions-Musikpreis“ hervorragende Plätze.

Im Interview wird deutlich, wieviel Engagement, wieviel Herzblut, wieviel Können und wieviel Leben diese Erfolge erst möglich machten. Hinter den Kulissen also, in Zeiten, in denen die Augen des Publikums meist nur auf leere Bühnen blicken könnten, ja, das Publikum selbst fehlt. Ein Gespräch mit Sophie Gurtschmann, die beim Landeswettbewerb „Jugend musiziert“ in der Kategorie Gesang/Musical einen 1. Platz errang und den „Lions-Musikwettbewerb/Gesang 2021“ gewonnen hat. Und mit den beiden Lehrern der ASS, Antje Falldorf-Podehl (Musik) und Andreas Busch (Musical), die sie zu ihrem Erfolg begleitet haben.

„Ich kann es vor mir sehen und ich bleibe dran/Ich weiß, dass ich es schaffen kann“, heißt es im Musicalsong „Ganz nah dran“ aus deinem Wettbewerbsprogramm. Bravo, Sophie, jetzt hast du es geschafft! Herzlichen Glückwunsch zu Deinem hervorragenden Abschneiden bei „Jugend musiziert“ und beim „Lions-Musikpreis“. Kannst Du uns ein wenig schildern, wie es zu Deiner Teilnahme an den Wettbewerben gekommen ist, was die Motivation dafür war und vielleicht auch, wie Deine Musik-Biographie bisher ausgesehen hat?

Sophie Gurtschmann: Vielen Dank. Die Teilnahme an beiden Wettbewerben wurde mir hauptsächlich durch die Unterstützung von Frau Falldorf-Podehl, meiner Begleiterin, ermöglicht. Durch ihre Kontakte wusste ich überhaupt von den Wettbewerben und ohne ihre Hilfe wäre das Ganze nicht zustande gekommen. Seit der achten Klasse bin ich im Chor der Schule gewesen und habe zu einem späteren Zeitpunkt dann auch angefangen, Soli zu singen und sogar beim „Musik- und Kulturabend“ der Schule aufzutreten.

Sophie Gurtschmann freut sich über ihre Musik-Auszeichnungen. Foto: Gurtschmann

Sophie Gurtschmann freut sich über ihre Musik-Auszeichnungen. Foto: Gurtschmann

Wie hast du die Wettbewerbe erlebt, wie die schulische ‚Begleitung‘ und Förderung an der Albert-Schweitzer-Schule?

Sophie Gurtschmann: Bei den Wettbewerben selbst hatte ich immer eine bestimmte Ansprechperson, falls ich Fragen oder Sorgen hatte. Das hat mir Sicherheit gegeben. Was die Unterstützung der Schule betrifft, hat mich wie oben schon gesagt, Frau Falldorf-Podehl am meisten unterstützt, aber auch ohne Herrn Busch wäre ich bei „Jugend musiziert“ nicht so weit gekommen, da er mir vor allem beim schauspielerischen Teil sehr geholfen hat.

Frau Falldorf-Podehl, mehrere Schülerinnen der ASS haben an Musik- und Gesangswettbewerben teilgenommen und sehr erfreulich abgeschnitten. Nennen Sie uns doch einmal den Hintergrund zu den Wettbewerbsteilnahmen.

Antje Falldorf-Podehl: Häufig nehmen ASS-Schülerinnen und Schüler am Wettbewerb „Jugend musiziert“ teil, die sich in ihrer Freizeit musikalisch besonders engagieren und individuell Unterricht zum Beispiel an der Musikschule erhalten. Auch die Kooperation zwischen den Schulen und Musikschulen kann ein besonderes musikalisches Engagement initiieren und fördern, an der Albert-Schweitzer-Schule im Rahmen der Bläserklassen. Für den Gesangsbereich sind wir als Schule schon ein bisschen stolz darauf, dass die Wettbewerbsteilnahme besonders talentierter Sängerinnen und Sänger, zu Beispiel bei „Jugend musiziert“, komplett aus dem Bereich Solo-Stimmbildung des ASS-Chores heraus erarbeitet wird.

Sie haben speziell Sophie betreut. Wie haben Sie die Vorbereitung mit ihr erlebt? Ordnen Sie die Arbeit mit Sophie aus Sicht einer Musiklehrerin doch einmal ein!

Antje Falldorf-Podehl: Ich habe Sophie aus der Chorarbeit heraus kennengelernt. Schon früh wurden ihr stimmliches und musikalisches Talent, ihre Motivation deutlich. Im ASS-Chor habe ich in den letzten Jahren staunend viele Gesangstalente beobachten dürfen. Manche von ihnen möchten lieber in der Gruppe singen, manche, wie Sophie, streben aber auch „nach vorne“ auf die Bühne. Mit kleineren Chor-Soli ging’s los. Im Rahmen der Solo-Stimmbildung haben Sophie und ich dann nach und nach ein Solo-Repertoire mit dem Schwerpunkt Musical/Pop erarbeitet für Auftritte bei diversen schulischen und anderen Anlässen. Der erste Song „Ganz nah dran“ hat dann tatsächlich den Ausschlag dafür gegeben, beim Musical-Wettbewerb teilzunehmen.

Sophie bringt gesanglich sehr viel mit, sie setzt Anregungen schnell um und bringt interpretatorisch eigene Ideen ein. So wurden diese Gesangsstunden immer mehr ein Austausch auf Augenhöhe, auch für mich bereichernd! Beim Wettbewerb „Jugend musiziert“ ist es dann ja auch spannend, sich über mehrere Monate so intensiv mit einem Programm auseinanderzusetzen, an Details zu feilen. Besonders bereichernd habe ich auch die Arbeit im Team erlebt mit meinem Kollegen Andreas Busch und mit Sophie.

Sophies Erfolg ist auch aus dem Zusammenwachsen von Gesang und Darstellendem Spiel erwachsen. Andreas Busch, Sie unterrichten das Fach Darstellendes Spiel und haben Sophie im schauspielerischen Bereich unterstützt. Wie ist es zu dieser Zusammenarbeit gekommen? Wie haben Sie sie erlebt?

Andreas Busch: Antje Falldorf-Podehl fragte, ob ich nicht mit ihr zusammen Sophie bei der Vorbereitung auf den Wettbewerb unterstützen wolle. Da habe ich natürlich sofort zugesagt, da Wettbewerbe wie dieser zuerst einmal eine tolle Chance sind für Jugendliche, ihre Talente zu verbessern und diese auch einem größeren – und vor allem – Fachpublikum zu präsentieren. In der Vorbereitung auf den Wettbewerb haben wir zuerst einzeln mit Sophie gearbeitet und die Teile Musik und Darstellung getrennt. Für den Bereich der Darstellung war es zuerst einmal wichtig, die zu präsentierenden Lieder in eine mehr oder weniger zusammenhängende Geschichte zu bringen, in der dann das Spiel und die Lieder verortet sind. Die vermutlich größte Herausforderung war wohl eine authentische, glaubhafte – und damit für Sophie gut spielbare – Figur zu finden, die aber dennoch als Musicalfigur nachvollziehbar ,plötzlich in Gesang ausbricht. Im späteren Verlauf hat Sophie dann zusammen mit Antje Falldorf-Podehl und mir an ihrer Darbietung gearbeitet, was ich als sehr fruchtbar empfunden habe, da wir alle einen anderen Blick, nämlich den Blick aufs Ganze, erhalten haben.

Welche Bedeutung messen Sie fächerübergreifendem Lernen allgemein zu, inwieweit haben Sie Erfahrungen an der ASS damit gemacht und welche Synergieeffekte haben Sie im Falle des Musicalprojekts und im Hinblick auf Sophie Gurtschmann beobachtet?

Andreas Busch: Das fächerübergreifende Lernen ist im Bereich der musisch-künstlerisch-darstellenden Fächer nicht hoch genug einzuschätzen. Schülerinnen und Schüler erfahren so, dass Kunst im weitesten Sinne fast immer die Grenzen der in der Schule getrennten künstlerischen Disziplinen überschreitet. Ich würde mir wünschen, dass es in regelmäßigen Abständen groß angelegte Projekte gäbe, in der alle Fächer dieser Art zusammenkommen. Im Kleinen passiert dies immer wieder, da wären auch der gemeinsame Musik- und Kulturabend oder die musisch-darstellerisch begleiteten Ausstellungseröffnungen im Krankenhaus oder im Amtsgericht.

Worauf haben Sie bei dem Musical besonderen Wert gelegt? Was war die besondere Herausforderung, wenn Gesang, textliche Grundlage, Bühne und Schauspiel zusammentreffen?

Andreas Busch: Wert gelegt habe ich auf eine nachvollziehbare Figur, die als echte Figur für Sophie genügend Anknüpfungspunkte hatte, um sie sich anzuverwandeln. Zudem habe ich immer darauf geachtet, dass Sophie auf der Bühne echte Handlungen durchführt, die einem realen Zweck dienen beziehungsweise einer realen psychischen Befindlichkeit entspringen. Dies, zusammen mit einer realistisch angelegten Figur, hat Sophie hoffentlich geholfen, in ein glaubwürdiges Spiel hineinzukommen. Die textliche Grundlage hat Sophie im Wesentlichen selbst verfasst – ein wirklich schweres Unterfangen, einer fiktiven Figur in einem fiktiven Kontext einen Text in den Mund zu legen, der aus den bisher unverbundenen Liedern ein nachvollziehbares Ganzes macht.

Frau Falldorf-Podehl, in Coronazeiten hat Kultur, hat Musik es schwer: Chorarbeit ist schwierig bis unmöglich, Auftritte erfolgen, wenn überhaupt, digital. Welche Bedeutung hat Kultur, hat Musik, aus Ihrer Sicht? Warum sind Wettbewerbe wie diese wichtig?

Antje Falldorf-Podehl: Am Beispiel von Sophie kann man, glaube ich, gut sehen, wie wichtig die Wettbewerbe für sie aus ganz unterschiedlichen Gründen waren und sind, fern von Konkurrenzgedanken. Wettbewerbe stattfinden zulassen, allgemein die Unterstützung von Kultur, ist aber auch ein wichtiges Zeichen für die Musikszene: Wir nehmen Euch wahr und ernst, es geht weiter, wir brauchen euch. In Chören und Instrumentalgruppen der Schulen und Musikschulen ist immer auch die Gemeinschaft ganz wichtig. Es ist sehr frustrierend zu sehen, dass wir schon seit über einem Jahr in der Gruppe nicht mehr „normal“ proben können, Gesamtklang im Raum und Groove, aber auch das Miteinander ziehen mit. Das können Online-Proben nicht leisten.

Sophie, im Musicalsong „Ganz nah dran“ heißt es: „Oft war ich so sehr verzweifelt/Doch das ist vergangen/übern höchsten Berg durch das tiefste Tal“. Das Lied spielt auf eine junge Afroamerikanerin an, die im Amerika der 20er-Jahre gegen Widerstände ein Restaurant eröffnet. In der derzeitigen Coronasituation sprechen diese Zeilen aber auch vielen Menschen aus der Seele. Wie kam es zu der Wahl dieses Liedes?

Sophie Gurtschmann: Ganz nah dran war lustigerweise ein Titel, welchen ich schon länger in meinem Repertoire hatte. Diesen habe ich bei meinem allerersten Soloauftritt beim Musik- und Kulturabend aufgeführt. Damals fand ich den Song einfach unglaublich toll – vor allem, da ich auch ein unglaublich großer Disney-Fan bin. Heute denke ich, gibt das Lied einem vor allem in unserer jetzigen Situation die Kraft, nicht aufzugeben, sondern immer weiter zu kämpfen.

Aus der Jury hast du sehr lobende Rückmeldungen erhalten. Unter anderem: „Sophies Präsentation war gefüllt mit Leben und Energie, sie füllte den Raum.“ Was bedeutet Musik, was bedeutet Gesang für dich?

Sophie Gurtschmann: Die Musik in meinem Leben bedeutet für mich fast alles, ohne Musik, denke ich, wäre das Leben trostlos. Musik vereint uns und das ist, finde ich, das Schönste an ihr. Wenn Menschen gemeinsam Musik machen können, loslassen und Spaß haben und wenn andere Menschen, die Zuhörer, auch noch positive Effekte davontragen, dann ist der Zweck von Musik erfüllt. Ich denke, gerade das fehlt uns durch Corona zur Zeit ein wenig. Wenn ich selber singe, ist es immer mein Ziel, damit Emotionen bei den Zuhörern zu wecken, sie mitzunehmen in das Gefühl, welches ich selbst beim Singen spüre.
Ich habe mit dem Singen angefangen, sobald ich sprechen konnte. Meine Mama hat mir viel vorgesungen und ich denke, von ihr habe ich meine Liebe zur Musik. Ich erinnere mich an keine Zeit, an der Musik und der Gesang nicht Teil von mir waren.

Welche Rolle wünschst du dir für Musik und Gesang in deinem weiteren Leben?

Sophie Gurtschmann: Ich bin mir noch nicht sicher, was genau ich nach meinem Abitur machen möchte. Ich denke, ich schließe den Gesang nicht aus, ich habe nur die Angst, dass aus meinem Hobby und der Freiheit, welche ich beim Singen fühle, schnell ein Zwang wird. Jedoch werde ich wohl nie aufhören zu singen und die Liebe zur Musik verlieren, egal ob nun auf der großen Bühne oder einfach für mich selber, bei mir zuhause.

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Erstellt:
24. April 2021, 19:22 Uhr
Lesedauer:
ca. 6min 23sec

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