Bislang hatte die angeklagte Mutter des verstorbenen Kindes geschwiegen. Bruns

Bislang hatte die angeklagte Mutter des verstorbenen Kindes geschwiegen. Bruns

Raddestorf/Verden 29.04.2019 Von Wiebke Bruns

Mutter schrieb: „Tyler muss weg“

Landgerichtsprozess gegen 25-Jährige aus Raddestorf: Eltern äußern sich abfällig über vier Monate alten Sohn

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In einer früheren Vernehmung soll sie gegenüber der Staatsanwältin ihr totes Baby als Wunschkind bezeichnet haben. Whatsapp-Nachrichten sprechen eine andere Sprache. Zwei Monate vor der Tat soll sie ihrem Mann geschrieben haben: „Tyler muss weg.“ Erste Staatsanwältin Dr. Annette Marquardt hielt der Angeklagten das Zitat in der gestrigen Sitzung vor. Es stammt demnach vom 3. August 2018. Am 5. Oktober soll die 25-Jährige ihren zweitgeborenen Sohn Tyler so stark geschüttelt haben, dass es zum Hirntod kam. Wiederholt sei das Baby in den Nachrichten der Eltern als „Penner“ bezeichnet worden. „Empathiefreie und emotionslose Bezeichnungen“, so Marquardt.

Um die Auswertung des Handys der Angeklagten ging es auch bei der Befragung eines Polizeibeamten aus Nienburg. Dieser berichtete von nur sieben Chats, die er bei Whatsapp festgestellt habe. Gespeichert gewesen seien der Ehemann, die Schwiegereltern, ein Schwager, der Vermieter, eine Nachmieterin und eine Freundin.

Tatrelevantes habe sich nur aus den Nachrichten mit dem Ehemann ergeben. Oft hätten sie sich darin „abfällig und negativ“ über den jüngsten Sohn geäußert. „Es wurde im August darüber gesprochen, dass es nur eine Lösung gegeben kann“, so der Zeuge. Bevor er zitieren konnte, wurde er von dem Vorsitzenden Richter Volker Stronczyk unterbrochen. Diesem ging es gestern nicht um die Inhalte. Der Polizeibeamte berichtete aber noch von Sucheinträgen auf dem Handy mit Begriffen wie „Baby weggeben“ oder „Babyklappe“. Zeitlich konkretisieren konnte er die Suche nicht.

Die Angeklagte zeigte am Montag lediglich bei der Aussage einer Notärztin Reaktionen. Diese schaute sie häufiger an. Der Verteidiger hielt der Notärztin ihre damaligen Aussagen bei der Polizei vor. Als „weinend, hysterisch, fast psychotisch“ will die Medizinerin die Angeklagte am 5. Oktober 2018 erlebt haben. „Das war ganz extrem“, so die Zeugin während des Prozesses.

Vehement dementiert hat die Notärztin hingegen andere bei der Polizei protokollierte Aussagen. Über den Ehemann soll sie wenige Tage nach der Tat gesagt haben: „Ich fand, er war sehr kalt. Ich meine, als wir ihn bei der Reanimationsmaßnahme abgelöst haben. Das war recht gefühllos.“ Er habe seinen Sohn „wie ein Stück Holz behandelt“, soll sie damals zu Protokoll gegeben haben. „Das habe ich nie gesagt“, betonte die Zeugin am Montag.

Der Mann der Angeklagten soll bis zum Eintreffen der Ärztin um das Leben seines Sohnes gekämpft haben. Vor Gericht wurde ein zwölfminütiger Notruf abgespielt. Der Vater soll diesen getätigt und dann nach Anleitung der Leitstelle Reanimationsmaßnahmen durchgeführt haben. Ihm wurde erklärt, wie er die Mund-zu-Mund-Beatmung durchführen und die Finger auf die kleinen Rippchen zu legen habe. Dem kam er offenbar nach. Gerettet werden konnte das Baby dennoch nicht.

Der Prozess soll am 6. Mai fortgesetzt werden.

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Erstellt:
29. April 2019, 17:58 Uhr
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