Sascha Beuchert hat in Unternehmer Andreas Brandt (links) einen Chef, der an ihn glaubt. 15 Jahre Arbeitslosigkeit sind damit Geschichte. Jobcenter

Sascha Beuchert hat in Unternehmer Andreas Brandt (links) einen Chef, der an ihn glaubt. 15 Jahre Arbeitslosigkeit sind damit Geschichte. Jobcenter

Nienburg 02.08.2019 Von Die Harke

Nach 15 Jahren Weg aus Arbeitslosigkeit gefunden

Jobcenter Nienburg vermittelt über das Teilhabechancengesetz / Bis zu fünf Jahre Förderung ist für Arbeitgeber möglich

Seit Anfang des Jahres greift das neue Teilhabechancengesetz – aktuell das Instrument mit der höchsten und längsten Förderung für Menschen, die Arbeitslosengeld II beziehen. Zwischen zwei und fünf Jahren können Arbeitgeber profitieren. Metallbauer Andreas Brandt ist einer der ersten Antragsteller im Jobcenter Landkreis Nienburg. Die blaue Arbeitshose steht ihm. Speckige schwarze Spuren und die vielen kleinen Risse im Gewebe zeugen von starker Beanspruchung. Sascha Beucherts Hose bildet einen bunten Klecks im Grau der Umgebung: Abrieb von Metallen pudert die gesamte Werkstatt an der Nienburger Ziegelkampstraße, die Luft glüht manchmal auf vom Schweißen und Flexen, manchmal dröhnt auch die ganze Halle vom Abkanten der Bleche – hier wird richtig gearbeitet. Für Sascha Beuchert ein Tagesablauf, an den er sich schnell gewöhnt hat.

Neuanfang nach 15 Jahren Arbeitslosigkeit

Seit Mitte Februar gehören seine Wochentage der Firma Brandt Metallbau. Beuchert lernt, was ein Metallbauer können muss und viel von dem, was ein Elektriker macht. Andreas Brandt hat eine Stelle für ihn geschaffen, angelegt auf mindestens fünf Jahre, finanziert über das Teilhabechancengesetz und vermittelt vom Jobcenter Nienburg. „Ich wusste, dass Herr Beuchert wenig zu bieten hatte, aber meine eigene berufliche Laufbahn war auch sehr kurvig, und deshalb mag ich Menschen, die Mühe haben mit dem Leben.

Sascha Beuchert schlägt jetzt ein neues Kapitel darin auf. Rund 15 Jahre Arbeitslosigkeit sind Geschichte. Nach der Schule und einer abgebrochenen Lehre zum Fleischer hatte sich der 35-Jährige in sein Schicksal ergeben: „Ohne die Hartnäckigkeit meiner Betreuer vom Jobcenter wäre ich nicht hier. Ich habe bis zuletzt viele Chancen an mir vorbei streichen lassen; mein Dach über dem Kopf hatte ich ja, und ohnehin waren meine Bemühungen als Bewerber mit jedem Tag der Beschäftigungslosigkeit weniger wert“, sagt Beuchert.

Genau da setzt das neue Teilhabechancengesetzt an – seit Januar arbeitet auch das Jobcenter im Landkreis Nienburg damit. Erfolgreich! 23 Beschäftigungsverhältnisse sind darüber bereits zustande gekommen; deutlich mehr als zunächst geplant. „Wir haben verschiedene Instrumente, die Motivation unserer Kunden zu fördern, aber um Leistungsbezug zu beenden, muss auch die Aufgabe passen, und Arbeitgeber brauchen immer lang anhaltendes Vertrauen in die Bewerber“, sagt Jobcenter-Geschäftsführer Frank Köhring.

Sascha Beuchert ist für seinen Arbeitgeber ein finanziell risikoloser Arbeitnehmer. Zwei Jahre wird der Ungelernte samt den Sozialbeiträgen komplett vom Jobcenter finanziert, danach drei Jahre mit einem Eigenanteil, der in jedem Jahr um zehn Prozent steigt. Sascha Beuchert wird als Ungelernter sogar nach Tarif bezahlt und hat einen Coach, der ihm anfangs hilft, sein geregeltes Leben zu meistern.

„Sascha hat sich hier vom ersten Tag gut eingefunden, ist neugierig, wir haben ihn auch auf Montage mitgenommen; unsere Aufgaben gefallen ihm offenbar“, sagt Andreas Brandt. Sein Unternehmen baut beispielsweise Rollstuhllifte. „Mit Sascha kann ich mir einen Mitarbeiter nach den Bedürfnissen meiner Firma heranziehen – eine einmalige Chance auch für mich.“

Langzeitarbeitslose brauchen Geduld

Für Jobcenter-Geschäftsführer Frank Köhring ist Andreas Brandt der ideale Arbeitgeber für das Teilhabechancengesetz: „Das Produkt wird tatsächlich stark nachgefragt, aber wir brauchen vor allem Chefs, die unsere Bewerber zu schätzen wissen; Langzeitarbeitslose brauchen Geduld und viel Verständnis – dann kann auch die finanzielle Förderung ein echter Turbo sein. Arbeitgeber müssen den Gedanken zulassen können, dass jede Erwerbsbiographie ihre individuellen Brüche hat.“

Für die Förderung von fünf Jahren müssen die Bewerber mindestens sechs Jahre vom Jobcenter Leistungen bezogen haben. Nach dieser Zeit ist davon auszugehen, dass kaum noch berufliche Kompetenzen mit einem Wert für einen Arbeitgeber vorhanden sind.

„Wir sehen in vielen Kunden eine Motivation, die über die Jahre des wiederholten Scheiterns stark gelitten hat. Die Förderung über das Teilhabechancengesetz verschafft unseren Kunden auch die Zeit, die sie brauchen, um wieder an sich glauben zu lernen“, sagt Köhring.

Sascha Beuchert hat noch einen langen Weg vor sich, aber die ersten Schritte sind gemacht: Der Umgang mit den Werkzeugen gelingt jeden Tag selbstverständlicher, er durchblickt die Produkte des Hauses und ist für die Gesellen eine willkommene Hilfe. In drei bis vier Jahren könnte Sascha Beuchert dann selbst die Gesellenprüfung ablegen; ebenfalls vom Jobcenter finanziert. Bis dahin wird er aber noch ein paar neue Arbeitshosen brauchen.

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Erstellt:
2. August 2019, 14:36 Uhr
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