29.09.2013

Nach dem Zweiten Weltkrieg in Nienburg

18-jähriger Markloher für seine Arbeit über das Leben der Flüchtlinge ausgezeichnet

Von Edda Hagebölling

Nienburg. Noch schlummert die Arbeit nur in seinem PC. Ausgedruckt befindet sie sich lediglich im Besitz des Stadt-Archivs, des Marion Dönhoff-Gymnasiums, des Zeitzeugen Werner Grubert und der Körber-Stiftung. Doch das soll sich ändern. MDG-Chef Eckard Hellmich und Archiv-Chefin Patricia Berger wollen alles daran setzen, dass sich das, was Lion Merten auf 50 DIN A 4-Seiten zusammengetragen hat, in einem kleinen Buch wiederfindet: Die Integration von Flüchtlingen nach dem Zweiten Weltkrieg in Nienburg. Vor gut einer Woche ist der 18-jährige Markloher für diese Arbeit von Landtagspräsident Bernd Busemann ausgezeichnet worden. Begleitet wurde Lion in Hannover von Ralph Werner, dem Lehrer, der den künftigen Studenten für Politik und Geschichte auf den von der renommierten Körber-Stiftung ausgelobten Wettbewerb „Vertraute Fremde“ aufmerksam gemacht hatte.

„Die Arbeit ist umso höher zu bewerten, als dass es in Nienburg bisher nichts Zusammenhängendes über dieses Thema gab“, betonte Archivarin Patricia Berger. Es war also nicht damit getan, mal kurz ins Archiv zu gehen und ein, zwei Bücher zu lesen. Insgesamt 15mal hat der damalige Zwölftklässler den Antrag ausgefüllt, das Archiv nutzen zu dürfen. Jeweils nach Schulschluss.

Denn entstanden ist die Arbeit über die Flüchtlinge in einer zeit, in der Lion Merten eigentlich für das Abitur büffeln musste. Unter anderem im Leistungskurs Geschichte, geleitet von Ralph Werner. Der Weg ins Archiv war dem ehemaligen MDG-Schüler zu diesem Zeitpunkt bereits bestens vertraut. Für seine Hausarbeit hatte er die Historie des Schulgebäudes aufgearbeitet, das er seit der 5. Klasse Tag für Tag aufgesucht hatte. Und war dabei im Archiv unter anderem auf Unterlagen gestoßen, die darauf hindeuten, dass das heutige MDG im Zweiten Weltkrieg als Lazarett für KZ-Häftlinge gedient hat.

Äußerst aufschlussreich war aber auch, was Lion Merten im Rahmen seiner preisgekrönten Arbeit über das Leben der Flüchtlinge aus den unterschiedlichsten Unterlagen zusammengetragen hat. Unter anderem fand er heraus, dass in Nienburg gleich nach dem Zweiten Weltkrieg 7000 bis 8000 Menschen gelebt haben, die aus den von Hitler besetzten Gebieten im Osten Europas wieder fliehen mussten. Nienburg selbst hatte zu dieser Zeit 12 500 Einwohner. Untergebracht waren die Flüchtlinge zum Teil in von der Verwaltung beschlagnahmten Privatunterkünften, zum Teil aber auch in den Baracken, in denen kurz zuvor noch die Kriegsgefangenen untergebracht waren.

Die Wohnraum-Situation entspannte sich nach Auskunft des jungen Mannes jedoch deutlich, als der GBN nach der Währungsreform im Jahr 1948 alle städtischen Wohnungen übertragen wurden und dank der Finanzspritzen vom Land gezielt und innerhalb kürzester Zeit Wohnungen für Flüchtlinge gebaut werden konnten. „Nienburg und mit ihm der damalige Bürgermeister Ritzer war in diesem Bereich vorbildlich. Es gab Lob und Anerkennung von allen Seiten“, so Lion Merten.

Der angehende Student fand außerdem heraus: Die Flüchtlinge brauchten zwar Nienburg, aber Nienburg brauchte auch die Flüchtlinge. Als Arbeitskraft und auch als Konsument. „Das waren die besten Voraussetzungen für die gesellschaftliche Integration und die ökonomische Selbstständigkeit“, berichtete Lion Merten.

Schon bald seien auch die ersten Betriebe übernommen worden. Wie beispielsweise das Hotel „Zum Kanzler“. „Aus Flüchtlingen wurden Arbeitgeber. Die Bevölkerung wurde homogener“, so der Markloher.

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Erstellt:
29. September 2013, 00:00 Uhr
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