Der Beitrag in der Originalsprache. Nassar

Der Beitrag in der Originalsprache. Nassar

Nienburg 24.06.2017 Von Caesar Nasser

Nach der Ankunft in Isolation gelebt

CJD-Projekt „Willkommen in Nienburg“/„Tage der Angst“ Teil 1

Syrien im Sommer 2013: Vor meinen Augen wurde eine Zivilisation bombardiert und zerstört. Bilder von zerrissenen Körpern und Leichenteilen zerfetzter Kinder verfolgten mich. Weil ich ein Journalist bin, den sein Schicksal in die Realität des Krieges versetzt hat, wurde ich über fünf Jahre mit dem Grauen konfrontiert. Alle Orte meiner Kindheitserinnerungen, wie mein altes Elternhaus und meine Schule, wurden zerstört.

Eines Tages wurde ich von einer Gruppe islamischer Extremisten gefangengenommen. Ich erlebte ihr widerliches, unmenschliches Verhalten. Nach meiner unverhofften Freilassung blieb mir keine andere Wahl, als meine Heimat zu verlassen und als Flüchtling im Ausland zu leben – obwohl die Flucht während der mehr als fünf Jahre Krieg nie eine Option für mich gewesen war.

Die Fluchtreise war ein weiteres Kapitel der Kriegstragödien und Todesmomente, die ich an Bord eines Schlauchbootes miterlebt habe. Diese schrecklichen Erinnerungen werden aus meinem Gedächtnis nie gelöscht.

Kinderblicke, die vor Kälte und Schüttelfrost nach Wärme und Sicherheit riefen. Sie schwiegen, wenn eine Welle des Meeres auf das Boot schlug. Sobald die Welle verschwand, atmeten sie trotz bleibender Ängste auf.

Meine unausweichliche Flucht vollzog sich ohne vorherige Planung. Als ich auf das Boot kam, wusste ich nicht wohin es mich bringen würde. Ich war perspektivlos und ohne jegliche Orientierung. Mir war bewusst, dass die Flucht mit dem Boot auch tödlich hätte enden können.

Als das Boot die griechische Inselküste erreicht hat, war mein erster Gedanke, wie ich einige Kinder in Sicherheit bringen und sie beruhigen könnte. Auf dem Strand gab es eine Gruppe von freiwilligen Europäern, die auf das Boot warteten. Diesen Moment werde ich nie vergessen, als eine weinende deutsche Frau die fast erfrorenen Kinder umarmte und mit einer Decke versuchte vor der Kälte zu schützen. Ich war erstaunt, als ich in den Augen dieser Frau Menschlichkeit erblickte.

Angekommen in Deutschland, zunächst in München, kam ich in das Aufnahmelager Langendamm. Hier in Norddeutschland, in der Nähe von Nienburg, habe ich mich ganz zurückgezogen und in völliger Isolation von der Welt gelebt. Alles, was ich machte, waren lange Spaziergänge in den nahegelegenen Wäldern bis meine Füße nicht mehr konnten. Dann bin ich wieder nach „Hause“ zurückgegangen, habe meine Gedanken, meine Erinnerungen und Fluchterlebnisse aufgeschrieben, um dann in einen tiefen Schlaf zu fallen. Alpträume sind bis heute meine ständigen Begleiter.

Der zweite Teil des Erfahrungsberichtes soll in der nächsten Ausgabe der HARKE am Sonntag folgen. Diesen Text hat übersetzt Samir Elladawi.

Wie immer findet das offene [DATENBANK=5427]Begegnungs Café St. Martin[/DATENBANK] am nächsten Dienstag, 27. Juni, ab 16 Uhr im [DATENBANK=340]Kulturwerk[/DATENBANK] statt.

Dieser Beitrag ist Bestandteil des [DATENBANK=626]CJD[/DATENBANK]-Projekts „46351“, das vom Bundesamt für Migration gefördert und von der HARKE am Sonntag begleitet wird.

Über seine Flucht und das Ankommen in Nienburg berichtet Caesar Nasser. Nassar

Über seine Flucht und das Ankommen in Nienburg berichtet Caesar Nasser. Nassar

Zum Artikel

Erstellt:
24. Juni 2017, 21:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 25sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar verfassen zu können.