Philipp Baron und Benoît Lépinay (von links) setzen sich für Integration ein. Foto: Landkreis Nienburg

Philipp Baron und Benoît Lépinay (von links) setzen sich für Integration ein. Foto: Landkreis Nienburg

Nienburg 07.03.2020 Von Die Harke

Nationalität spielt beim Training keine Rolle

Integrationsgedanke wird im Sportverein gelebt: Philipp Baron und Benoît Lépinay über ihr Engagement im CJD Nienburg

Es gibt zahlreiche Ehrenamtliche im Landkreis Nienburg, darunter Migrantinnen und Migranten, die in erster, zweiter oder dritter Generation hier leben. In loser Folge stellt der Arbeitskreis Integrationsangebote, bestehend aus dem Kreisjugendring, dem Christlichen Jugenddorfwerk Deutschlands (CJD) Nienburg, dem Kreissportbund, dem Team Jugendarbeit & Jugendschutz sowie der Koordinierungsstelle Migration und Bildung des Landkreises, einige dieser Ehrenamtlichen vor.

Der 58-jährige Ringertrainer Philipp Baron kam 1991 aus einem deutschsprachigen Dorf im jetzigen Kasachstan mit 25 Familienangehörigen ins Grenzdurchgangslager Friedland. Nach Nienburg zogen sie aufgrund eines in Linsburg lebenden Cousins, der für sie einen Wohnraum anmietete. In der ehemaligen UDSSR arbeitete Baron als Schulsportlehrer und Trainer, dieses Studium wurde jedoch zuerst nicht in Deutschland anerkannt. Er arbeitete zwei Jahre als Bauhelfer, absolvierte dann eine Umschulung zum Physiotherapeuten, war ab 2000 beim CJD Streetworker und ist seit 2004 wieder in seinem Ursprungsberuf als Sportlehrer und Pädagoge an der CJD-Schule angestellt.

Der gelebteIntegrationsgedanke beim Rugby hat mir damals unheimlich beim Ankommen in Deutschland geholfen.
Benoît Lépinay

Der 50-jährige Rugby- und Fitnesstrainer Benoît Lépinay zog im Jahr 2000 nach Beendigung seiner französischen Militärlaufbahn und diversen Auslandseinsätzen mit seiner Familie zu seinen deutschen Schwiegereltern in den Landkreis Diepholz. Seine militärische Ausbildung in Frankreich, die dort mit einem zweijährigen Studium gleichgestellt ist, wurde in Deutschland ebenfalls nicht anerkannt, sein französisches Abitur konnte er sich anerkennen lassen. Er arbeitete zunächst als LKW-Fahrer, erst im Fern-, dann Nahverkehr und mittlerweile als Kundenbetreuer bei einer Wäscherei.

Mit Rassismus wurden beide schon konfrontiert, wobei Benoît Lépinay auf seine Körpergröße und Hautfarbe verweist, was ihm sicherlich eine offene Konfrontation erspart habe. In dem Moment, wo seine Kinder die deutsche Sprache konnten, wäre auch deren Herkunft kein Thema mehr in der Schule gewesen. Er selber habe in Hannover in der 1. Bundesliga in einem internationalen Rugby-Team gespielt, die Ansprache im Verein war Deutsch: „Der dort gelebte Integrationsgedanke hat mir damals unheimlich beim Ankommen in Deutschland geholfen, durch mein Engagement ab 2007 als (Rugby-)Trainer in Nienburg wollte ich nach Beendigung meiner aktiven Karriere etwas davon zurückgeben.“

Philipp Baron berichtet über fremdenfeindliche Gerüchte, die in Bezug auf angebliche Geldgeschenke der Bundesregierung an und günstigere Hauskredite für Russlanddeutsche im Umlauf waren: „Dabei haben wir uns nur beim Häuserbau in jeder freien Minute im Freundes- und Familienkreis unterstützt, deutschlandweit. Wir wollten alle möglichst schnell ein neues eigenes Zuhause haben – zumal wir unsere Häuser in der Heimat, teilweise zu lächerlich geringen Preisen, vor der Auswanderung nach Deutschland verkaufen mussten. 13 Prozent Kreditzinsen waren in den 90er Jahren auch für Russlanddeutsche die normale Höhe.“

Bei einem Runden Tisch zur damaligen Drogen- und Gewaltproblematik der im Landkreis lebenden jugendlichen Russlanddeutschen bot sich Baron 1996 als ehrenamtlicher Ringertrainer an. Schwierigkeiten bei der Eingewöhnung in ihrem neuen Zuhause führten bei einigen jugendlichen Russlanddeutschen zu Frust und in die Drogen- und Gewaltszene. „Wie werden meine Söhne hier klarkommen, ich muss sie so beschäftigen, dass sie keine Zeit für Blödsinn haben“, war Barons Antriebsfeder für sein ehrenamtliches Engagement, „das Integrationsprojekt im TKW über die Sportarten Judo, Aerobic und Ringen war damals ein Erfolg.“ Integration über Sport funktioniere immer, da sind sich beide im Interview einig. Philipp Baron trainiert heute „nur noch“ dreimal die Woche Kinder.

Benoît Lépinay hat 2014 mangels Nachfrage mit dem Rugbytraining aufgehört und bietet zweimal die Woche Fitnesstraining beim TKW an, 2015 hat er die entsprechende Zusatzausbildung beendet. „Fitness trainieren beim TKW 300 bis 400 Leute, querbeet durch die Bevölkerung, auch Geflüchtete“, erzählt der gebürtige Franzose, der inzwischen auch die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt. Er verweist auf den Spaß beim Ehrenamt, die große Begeisterung der Teilnehmenden aus unterschiedlichen Nationen und beim Ringen auch auf den sportlichen Erfolg. Allerdings, so berichtet der Ringertrainer bedauernd, „dürfen aktuell meine zwei Trainingsfleißigsten, beide Geflüchtete, aufgrund ihres Aufenthaltsstatus nicht an einem internationalen Wettkampf in Estland teilnehmen.“

Nationenübergreifend im Verein zu trainieren macht Spaß, ist eine spielerische Möglichkeit, die Sprache und das gemeinsame Überwinden von Schwierigkeiten zu lernen.
Philipp Baron


„Kein Fußballverein wollte uns damals einen Platz bieten, für Ringen fehlten uns Hallenzeiten“, blicken die beiden auf ihre sportliche Anfangszeit in Nienburg zurück. Beide lieben Fußball, aber dass diese Sportart deutschlandweit im Vergleich zu anderen Sportarten so ungleich bewertet wird, ist für sie – auch im Vergleich zu ihren Geburtsländern - nicht nachvollziehbar. Baron und Lépinay sind auch deswegen dem TKW und dem damaligen Vorsitzenden Fritz Beermann für sein (finanzielles) Engagement für ihre „Randsportarten“ dankbar: „Fritz hat uns eine Vereinsaufnahme und damit eine Heimat für unsere Sportarten angeboten.“


Der TKW ist heute für 19 unterschiedliche Sparten ein Zuhause, hat mit Karl Theuerkaufer sogar einen Integrationsbeauftragten im Verein benannt. Die eher steife deutsche Vereinskultur sehen Baron und Lépinay für manche als Hindernis, sich dort ehrenamtlich zu engagieren. „Jugendliche sollten von ihren Trainern zum ehrenamtlichen Engagement im Verein ermuntert werden. Nationenübergreifend im Verein zu trainieren macht Spaß, ist eine spielerische Möglichkeit, die Sprache und das gemeinsame Überwinden von Schwierigkeiten zu lernen“, so das abschließende Fazit der beiden Sportler.

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Erstellt:
7. März 2020, 18:20 Uhr
Lesedauer:
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