Handchirurg Tobias Esser mit seiner Patientin Yvonne Dase. Foto: Helios

Handchirurg Tobias Esser mit seiner Patientin Yvonne Dase. Foto: Helios

Nienburg/Bolsehle 14.05.2020 Von Die Harke

Neuer Finger aus dem Beckenknochen

18-jährige Schülerin aus Bolsehle kommt mit der Hand in eine Kreissäge / Dreistündige Operation rettet den Finger

„Für jeden von uns eine Horrorvorstellung: Der Finger rutscht in die Kreissäge. Passiert ist dies ausgerechnet auch noch einer jungen Frau, der Schülerin Yvonne Dase. Doch Handchirurg Tobias Esser konnte den Finger wieder retten – mit Knochenmaterial aus dem Beckenkamm“, heißt es in einer Mitteilung der Helios-Kliniken.

Yvonne Dase aus Bolsehle aus dem Landkreis Nienburg ist Schülerin an den BBS in Nienburg im Bereich Hauswirtschaft. Und Zuhause packe sie mit an. Als sie am 1. April Kleinholz für den Ofen sägte, war ein Nagel in einem Stück Holz. Dadurch ist sie beim Sägen abgerutscht und der linke Zeigefinger geriet in die Säge. „Es tat gar nicht weh, sagt die 18-Jährige.“

Aber an vieles kann die Schülerin sich nicht erinnern, außer dass ihr schwarz vor Augen geworden sei. „Meine Schwester hat den Krankenwagen gerufen. In der Notaufnahme kam ich direkt dran und wurde geröntgt. Es ging alles so schnell, und plötzlich war ich schon im Operationssaal.“

Die Operation hat nach Angaben der Klinik etwa drei Stunden gedauert. Erst am Abend sei die Schülerin aufgewacht und habe auch in den ersten Tagen noch nicht ganz verstanden, was passiert war. „Schmerzen hatte ich im Finger kaum, aber dafür im Beckenkamm. Aber ich habe auch genügend Schmerzmittel bekommen“, so Yvonne Dase.

Schmerzen im Beckenkamm bei einer OP am Finger? Die Lösung ist einfach: Handchirurg Tobias Esser hat Knochenmaterial aus dem Beckenkamm entnommen und den mittleren Teil ausgetauscht.

Konkret fehlte der Schülerin der Mittelteil des Fingers, der durch Knochenmaterial aus dem Beckenkamm ersetzt wurde. „Bei Kreis- und Kettensägenverletzungen tritt ein Gewebeverlust leider sehr häufig auf“, erläutert Tobias Esser, Sektionsleiter Handchirurgie.

„Hierbei werden alle Schichten des Gewebes zerstört, teilweise mit nachfolgenden Defekten. Im konkreten Fall kam es zu einem Verlust des streckseitigen Hautmantels sowie des darunterliegenden Mittelgliedes mitsamt dem Endgelenk des Fingers. In Zentimetern ausgedrückt: Von insgesamt acht Zentimetern fehlten 2,3 Zentimeter des Knochens.“ Zur Planung der OP gehörte daher auch ein Ausmessen der Länge des gesunden Fingers der Gegenseite.

Um eine Amputation zu verhindern, werde eigenes Knochenmaterial zum Ausgleich des Knochendefektes verwendet. „Am Becken haben wir genug Knochen, der in diesem Fall zum neuen Mittelglied des Fingers modelliert wurde. Der Gewebedefekt kann dann durch Lappenplastiken und freie Hauttransplantate gedeckt werden. Das Knochenstück wird durch insgesamt drei Drähte in Position gehalten“, erklärt Esser weiter.

Zehn Tage war die Schülerin stationär in Behandlung. „In den ersten zwei Wochen hatte ich kein Gefühl im Finger, das war schon beängstigend. Aber dann ist es langsam wiedergekommen“, so Yvonne Dase. Im Krankenhaus habe sie zur Unterstützung auch Lymphdrainage und Ergotherapie bekommen. Seit der Entlassung aus dem Krankenhaus werde der Finger jede Woche einmal kontrolliert.

Glück für Yvonne Dase: Bislang zeige sich eine optimale Heilung ohne Defekt oder weiteren Korrekturbedarf. Auch der Knochen wachse zeitgerecht ein, sodass in wenigen Wochen die Entfernung der Drähte als finale Operation geplant werden könne. „Bis auf die Narben besteht auch eine normale Kontur des Fingers. Lediglich der Fingernagel wird sich wahrscheinlich nicht regenerieren“, so Esser.

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Erstellt:
14. Mai 2020, 18:10 Uhr
Lesedauer:
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