14.04.2013

„Nicht auf die Großmut der Reichen setzen“

Bündnis „umFAIRteilen“ hatte zu sozialkritischem Stadtrundgang mit Barbara Breiding-Voepel eingeladen

Von Edda Hagebölling

Nienburg. Wenig Erfreuliches bekamen am Freitagabend all die Menschen zu hören, die Nienburgs Gästeführerin Barbara Breiding-Voepel auf ihrem zweistündigen Rundgang durch Nienburg gefolgt waren. Denn die „Ackerbürgerfrau“ steuerte dieses Mal nicht die touristischen Highlights der Innenstadt an, sondern führte zu Orten, an denen die Mitarbeiter hautnah erleben, dass die Armut in der Stadt immer weiter um sich greift. Zu diesem sozialkritischen Stadtrundgang eingeladen hatte das Bündnis „umFAIRteilen“, ein Zusammenschluss von Gewerkschaften, Arbeiterwohlfahrt, Christlichem Jugenddorf, Diakonischem Werk, der Fundus gGmbH und dem Verein Herberge zur Heimat. Die Gästeführerin führte vor Augen, dass es schon einmal eine Zeit gab, in der Menschen ohne soziale Sicherung leben und arbeiten mussten. „Es gab keine Versicherungen, die Arbeiter hatten keine Rechte, die Frauen arbeiteten von morgens bis abends, die Kinder waren sich selbst überlassen und verwahrlosten“, so Breiding-Voepel mit Blick auf die Zeit um 1900. Sie rief aber ebenfalls in Erinnerung, dass es auch damals Nienburger gab, die sich für arme Familien eingesetzt haben. In erster Linie Frauen, aber vereinzelt auch Männer.

Marie Werstler habe beispielsweise dafür gesorgt, dass dort, wo zurzeit das Projekt „Wohnen am Stadtpark“ entsteht, eine Kinderbewahranstalt errichtet wurde. Luise Wyneken wiederum habe sich unter anderem um die Arbeiterjugend gekümmert. Aber auch Männer hätten mit ihren Stiftungen dafür gesorgt, dass an der einen der anderen Stelle die finanzielle Not der Menschen ein wenig gelindert wurde. Der Zichorien-Händler Georg-Friedrich Bollmann beispielsweise. Er habe verfügt, dass die Zinsen aus seiner Stiftung den Bedürftigen zugute kommen sollten. Wieder andere hätten festgelegt, dass von dem Geld „zehn junge Mädchen nähen und stricken lernen sollten“ oder „zehn alte und kranke Witwen versorgt werden sollten“.

Für die Organisatoren des Stadtrundgangs steht jedoch fest, dass es nicht vom Großmut einiger Vermögender abhängen darf, ob denen geholfen wird, die nicht genug zum Leben haben. Sie fordern, das Vermögen gerechter zu verteilen und Reichtum stärker zu besteuern.

Stationen auf dem Rundgang waren das Diakonische Werk, das unter anderem fordert, den Hartz IV-Satz wenigstens um 80 Euro anzuheben, und die Kita St. Martin. Deren Leiterin kritisierte unter anderem massiv, dass die Gruppen viel zu groß und das Personal viel zu knapp bemessen sei. Auch stünden Dauer der Ausbildung und die Verantwortung, die eine Erzieherin heute zu tragen habe, in keinem Verhältnis. Zu bedenken gab Christine Althoff-Marx: „Die Wirtschaft möchte, dass die Mütter so früh wie möglich in den Beruf zurückkehren, erwartet dann aber eine größtmögliche Flexibilität und wälzt die Verantwortung für die Kinderbetreuung auf die Kommunen ab.“

Wegen des Wetters nicht mehr angesteuert wurde die Realschule an der Buermende. Dort hätte GEW-Sprecherin Angelika Campen unter anderem darauf aufmerksam gemacht, dass die Klassengrößen in den Schulen dringend gesenkt werden müssen. Bei 32 Schülerinnen und Schülern sei kaum noch vernünftiger Unterricht möglich.

Ebenfalls ausgelassen wurde die DGB-Geschäftsstelle an der Mühlenstraße, dafür wies DGB-Sprecher Tom Seibert bei der letzten Station des Abends, der Tafel an der Leinstraße, auf die Auswirkungen der ständig steigenden prekären Beschäftigungsverhältnisse hin. Unerwähnt blieb ebenfalls nicht, dass die Löhne seit dem Jahr 2000 kontinuierlich sinken und immer mehr Arbeitsplätze subventioniert würden.

Gestartet worden war vor dem „Fundus“, als Kaufhaus Fischer schon einmal „ein Kaufhaus für alle“, wie Barbara Breiding-Voepel berichtete, heute jedoch zusätzlich mit dem Ziel, Arbeitslose in den Arbeitsmarkt zurückzuführen. Ein Projekt, das ebenfalls von Kürzungen betroffen ist, wie die Teilnehmerinnen und Teilnehmer gleich zu Beginn des sozialkritischen Stadtrundgangs erfuhren.

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Erstellt:
14. April 2013, 00:00 Uhr
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