Der flauschige „Kummerkönig“ und seine phantasievoll gekleideten Freundinnen und Freunde unterstützen Frauenhaus-Mitarbeiterin Claudia Thieler bei ihrer Arbeit mit den Kindern. Foto: Hagebölling

Der flauschige „Kummerkönig“ und seine phantasievoll gekleideten Freundinnen und Freunde unterstützen Frauenhaus-Mitarbeiterin Claudia Thieler bei ihrer Arbeit mit den Kindern. Foto: Hagebölling

Nienburg 27.06.2020 Von Edda Hagebölling

„Nicht mehr wegducken müssen“

Den Kindern zuhören und ihnen Selbstvertrauen geben: Frauenhaus-Mitarbeiterin Claudia Thieler berichtet

Sich nicht mehr wegducken müssen, wenn der Vater schlechte Laune hat, in Ruhe schlafen können und nicht mehr miterleben müssen, wie die Mutter geschlagen wird. Standen in der vorherigen Ausgabe im Bericht über das Nienburger Frauenhaus eher die Frauen im Mittelpunkt, die sich aus Angst vor Gewalt und Demütigung ins Frauenhaus flüchten, geht es in der heutigen Folge schwerpunktmäßig um die Kinder.

Wer beide Berichte liest, wird schnell feststellen, dass es durchaus Parallelen gibt. Kinder brauchen zwar keine Hilfe beim Gang zu Behörden oder Banken, genau wie ihre Mütter sind sie jedoch froh, zur Ruhe kommen zu können, nicht mehr angeschrien zu werden und auch nicht mit der Sorge nach nach Hause kommen zu müssen: Wie ist die Stimmung heute?

Betroffene Kinder leiden häufig unter Schlafstörungen

Die Kinder, die mit ihren Müttern vorübergehend im Nienburger Frauenhaus leben, werden von Claudia Thieler betreut. Claudia Thieler ist Kindheitspädagogin und Heilerziehungspflegerin. Im Nienburger Frauenhaus arbeitet sie seit fünf Jahren. Dass es in einem Frauenhaus eine Fachkraft gibt, die sich vornehmlich um die Kinder kümmert, ist nicht selbstverständlich. Entsprechend dankbar ist man den Geldgebern – Landkreis, Land, Trägerverein, Förderverein, Spenderinnen und Spender – dafür, dass das in Nienburg möglich ist. Andererseits: Claudia Thieler ist in den 23 Stunden, die pro Woche veranschlagt sind, mehr als ausgelastet.

Die Kinder, die zu ihr ins Frauenhaus kommen, leiden nicht selten unter Schlafstörungen und Albträumen, machen nachts ins Bett und leben ständig in der Angst, dass jeden Moment etwas passieren könnte. Hier gilt es, die Mädchen und Jungen erst einmal zur Ruhe kommen zu lassen, ihnen zuzuhören und ihr Ich zu stärken. Häufig wollen sie aber einfach auch nur in Ruhe spielen.

Das Frauenhaus mit seinem Spielzimmer und dem Außengelände mit Rutsche, Kletterhaus und Ähnlichem bieten dafür die perfekten Rahmenbedingungen. Eine wichtige Rolle spielt aber auch der „Kummerkönig“. „Natürlich habe ich so meine Methoden, mit den Kindern ins Gespräch zu kommen“, so Claudia Thieler. Der kuschelige braune Plüschbär und die phantasievollen Handpuppen leisten dabei wertvolle Hilfe.

Sowohl im Spielzimmer als auch auf dem Spielplatz hinter dem Haus können die Kinder in Ruhe spielen. Angst vor der Unbeherrschtheit des Vaters müssen sie dort nicht haben. Foto: Hagebölling

Sowohl im Spielzimmer als auch auf dem Spielplatz hinter dem Haus können die Kinder in Ruhe spielen. Angst vor der Unbeherrschtheit des Vaters müssen sie dort nicht haben. Foto: Hagebölling

Ernstgenommen zu werden, eigene Wünsche formulieren zu dürfen und anderen Menschen vertrauen zu können – für viele Kinder sind das völlig neue Erfahrungen.

Und nicht selten sind auch die Mütter überrascht, wenn sie erfahren, dass die Kinder von den Streitereien und Gewalttätigkeiten zuhause viel mehr mitbekommen haben, als gedacht.

Für Kinder, die länger im Frauenhaus leben, gibt es sowohl in einer nahe gelegenen Kita als auch in einer fußläufig zu erreichenden Grundschule einen Notfallplatz. Wie lange die Verweildauer im Frauenhaus ist, hängt zum einen von der Situation auf dem Wohnungsmarkt ab. Ausschlaggebend ist aber auch, ob die Mutter sich fit genug fühlt für den Schritt in ein neues Leben und ob sie überhaupt in Nienburg bleiben möchte. Aus Angst, dem ehemaligen Partner, seiner Familie oder seinen Freunden ständig über den Weg zu laufen, ziehen viele Frauen mit ihren Kindern lieber in eine andere Stadt.

Auch nach dem Auszug für die Kinder da

Claudia Thieler steht den Kindern aber auch nach dem Auszug aus dem Frauenhaus zur Verfügung. Ausgestattet mit einem Abschiedsbrief und einem Kärtchen mit den Kontaktdaten, haben sowohl die Kinder, als auch deren Mütter auch Jahre später noch die Möglichkeit, Claudia Thieler um Unterstützer zu bitten. Für die Nachberatung stehen der Kindheitspädagogin in der Düsseldorfer Straße 20 – einem Reihenmittelhaus, das das Frauenhaus für Beratungen außerhalb des Frauenhauses zusätzlich angemietet hat – eigene Räumlichkeiten zur Verfügung.

Das Vorhaben, in der Düsseldorfer Straße einen offenen Treff – nicht nur für Frauenhaus-Kinder – anzubieten, kleine Ausflüge zu unternehmen oder eine Minifreizeit im Naturfreundehaus zu verbringen, ist bisher an Corona gescheitert. Aus den Augen verlieren will Claudia Thiele diese Pläne jedoch keinesfalls.

Ferner steht die Pädagogin für telefonische Auskünfte und mittlerweile auch wieder für Hausbesuche zur Verfügung. Und auch dafür, den Kontakt zur Frühförderung, zum Kinderarzt oder zum Jugendamt herzustellen.

Ein weiterer Aufgabenbereich erstreckt sich auf die Phase, in der vom Gericht über Umgangs- und Besuchsregelungen entschieden wird.

„Da die Kinder verständlicherweise ganz aufgeregt sind, wenn sie wissen, dass der Richter direkt mit ihnen sprechen möchte, versuche ich, ihnen die Aufregung zu nehmen“, so Claudia Thieler. Wenn gewünscht, begleitet sie sie auch bis vor die Tür des Gerichtssaals. Es kommt aber auch vor, dass der Richter zu den Kindern ins Frauenhaus kommt.

Zum Artikel

Erstellt:
27. Juni 2020, 18:45 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 17sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar verfassen zu können.