05.05.2013

„Nicht mit dem Finger auf das Nachbarland zeigen“

Belorussischer Botschafter erstmals bei Tschernobyl-Gedenken in Nienburg

Nienburg. An den diesjährigen Veranstaltungen zum Tschernobyltag am 26. April in Nienburg nahm auch der Botschafter der Republik Belarus, Andrei Giro, teil. Er folgte damit der jahrelangen Tradition der Beteiligung am Nienburger Tschernobyl-Gedenken seitens der belorussischen Vertretung in Deutschland. Für den Diplomaten selbst war es der erste Besuch an der Weser, der auch zu Gesprächen mit Kommunalpolitikern, Wirtschaftsvertretern und dem Freundeskreis Nienburg-Witebsk genutzt wurde. Anlässlich der Feierstunde an der Madonna von Tschernobyl am Stahn-Wall wiesen sowohl Bürgermeister Henning Onkes als auch der Vorsitzende des Arbeitskreises Gedenken, Thomas Gatter, auf die Spätfolgen des Reaktorunfalls in der Ukraine hin, die seit 1986 vor allem die südöstlichen Regionen Weißrusslands getroffen haben.

Angesichts des derzeit in Belarus betriebenen Kernkraftwerkprojektes appellierte der Arbeitskreisvorsitzende an die belorussische Regierung, die Sorgen der Bevölkerung ernst zu nehmen und Unheil von ihr abzuwenden. In einer Umfrage hatten sich annähernd 70 Prozent der Befragten in Weißrussland besorgt über den künftigen Einsatz von Atomkraft in ihrem Land geäußert.

Henning Onkes seinerseits rief dazu auf, nicht mit Fingern auf das Nachbarland der EU zu zeigen, so lange die Europäische Union selbst uneins in der Frage der Kernkraftnutzung sei. Hier für Klarheit zu sorgen sei eine der Konsequenzen, die aus dem Reaktor-GAU gezogen werden müssen.

Botschafter Andrei Giro stellte sich in seiner Ansprache der Kritik an seiner Regierung und erläuterte die weißrussischen Kernkraftpläne im osteuropäischen Zusammenhang. Auch Polen, die baltischen Länder und die Ukraine stützten sich für ihre Energieversorgung auf Atomstrom. Nicht zuletzt sei es auf absehbare Zeit für Belarus die einzige Perspektive, sich aus der einseitigen Abhängigkeit von russischen Erdgaslieferungen zu lösen.

Der Botschafter sagte zu, den Appell der Nienburger nach Minsk zu übermitteln. Er betonte, dass die Haltung der Stadt an der Weser als langjähriger, treuer Partnerstadt Witebsks in seinem Land wahrgenommen werde. Man schätze dort die Freundschaft der beiden Städte, die von Anfang an von praktischer Solidarität geprägt war, und werde die nun schon zwanzig Jahre währende Unterstützung nicht vergessen.

Am Abend wurde im Vestibül des Nienburger Rathauses im Beisein des Botschafters die Fotoausstellung „lebenslang“ eröffnet. Sie thematisiert anhand der Schicksale junger belorussischer Menschen mit schwersten körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen ebenfalls die Spätfolgen der Strahlenbelastung für die Menschen in den betroffenen Gebieten. DH

Die Dokumentation des namhaften Worpsweder Fotografen Rüdiger Lubricht ist bis zum 24. Mai im Nienburger Rathaus zu sehen.

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Erstellt:
5. Mai 2013, 00:00 Uhr
Lesedauer:
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