Niedersachsen lädt erstmalig zum Digitalgipfel Gesundheit

Niedersachsen lädt erstmalig zum Digitalgipfel Gesundheit

Gesundheitsapp dvolkovkir1980 / clipdealer.com

Der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN) sorgte zuletzt für Schlagzeilen, als er die schleppende Digitalisierung im Gesundheitswesen scharf kritisierte: „Wir sind seit fast 17 Jahren dabei und wissen immer noch nicht, funktioniert es technisch überhaupt?“, sagte Mark Barjenbuch der Deutschen Presse-Agentur in Bezug auf die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte. Erst im August musste das Bundesgesundheitsministerium Berichte zurückweisen, nach denen die [MELDUNG=312611]elektronische Gesundheitskarte[/MELDUNG] vor dem Aus stehe. Doch ab nächstem Jahr soll es möglich sein, Stammdaten der Versicherten über die Karte auszulesen. „Das hilft den Ärzten aber noch nicht weiter und verlagert Verwaltungsarbeit in die Arztpraxen. Wir benötigen für die Versorgung relevante Anwendungen wie den elektronischen Medikationsplan oder das Notfalldatenmanagement“, bemängelte der KVN-Chef weiter. Die dazugehörige Software wird voraussichtlich aber nicht vor 2019 installiert.

Die Einführung der E-Card soll Thema auf dem ersten Niedersächsischen Digitalgipfel sein, den die Ärztekammer Niedersachen initiiert hat. Daneben werden weitere Themen wie rechtliche Aspekte der Telemedizin oder Gesundheits-Apps behandelt.

Digitalisierung des deutschen Gesundheitswesens im Rückstand

Zuletzt forderte der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung in ihrem Jahresgutachten „den Rückstand Deutschlands bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens abzubauen.“ Die Innovationsoffenheit im Gesundheitswesen sei generell zu verbessern, „insbesondere im Bereich der digitalen Angebote, der Telemedizin, der Robotik und Sensorik“. Die hohe Regulierungsdichte im Gesundheitssystem hemme auch die sektorenübergreifende Versorgung.

Eine dieser Regulierungen wurde erst im letzten Jahr mit einer umfassenden Änderung des Arzneimittelgesetzes beschlossen, die mit einem Fernverschreibungsverbot besonders die Möglichkeiten der Telemedizin einschränkt. Demnach darf eine Abgabe von Arzneimitteln nicht erfolgen, wenn es keinen direkten Kontakt zwischen Arzt und Patient gegeben hat.

Damit sollen vor allem digitale Angebote wie zum Beispiel Fernarzt.com beschränkt werden, über die Patienten schnell und einfach online Rezepte erhalten können. Durch die Zusammenarbeit mit ausländischen Versandapotheken können die Internet-Arztpraxen auch weiterhin deutsche Patienten beliefern. Die Angebote richten sich vor allem an dauerhafte Behandlungen, für die regelmäßig Folgerezepte ausgestellt werden müssen, wie zum Beispiel für die Anti-Baby-Pille oder Medikamente gegen Erektionsstörungen.

Dabei könnten genau solche Angebote wenigstens mittelfristig dem [MELDUNG=490709]Fachkräftemangel[/MELDUNG] entgegentreten und die Versorgung ländlicher und strukturschwacher Regionen verbessern – diese Punkte sehen die Wirtschaftsweisen als größte Herausforderungen im Gesundheitswesen in den kommenden Jahren.

Patienten wollen digitale Innovationen

Im Zuge der Änderung des Arzneimittelgesetzes führte die Bertelsmann Stiftung im letzten Jahr eine Umfrage durch, in der 54 Prozent der Befragten völlig oder eher zustimmten, dass die Verschreibung von Medikamenten auch bei einem telefonischen oder Online-Kontakt möglich sein soll. Der Arzt solle im Zweifel entscheiden, ob eine Konsultation in der Praxis notwendig sei. Nicht überraschend stimmten unter den 14- bis 29-Jährigen sogar 72 Prozent zu.

Auch viele Mediziner sind mittlerweile von den Möglichkeiten der Telemedizin überzeugt: Sie kommen nicht nur den teilweise stark überlasteten Ärzten entgegen, sondern auch den Patienten in ländlichen Bereichen oder mit eingeschränkter Mobilität.