Das Empfangsgebäude des Nienburger Bahnhofs im April 1945, kurz nach der Zerstörung durch die Explosion eines Munitionszuges nach einem Bombenangriff. Foto: Museum Nienburg

Das Empfangsgebäude des Nienburger Bahnhofs im April 1945, kurz nach der Zerstörung durch die Explosion eines Munitionszuges nach einem Bombenangriff. Foto: Museum Nienburg

Landkreis 07.05.2021 Von Mara Kakoschke, Von Helge Nußbaum

Nienburg blieb vom Bombenhagel verschont

Rückblick auf die letzten Kriegstage im Landkreis Nienburg

Vor 76 Jahren, am 8. Mai 1945, endete in Europa der Zweite Weltkrieg. Einen Tag zuvor, am frühen Morgen des 7. Mai 1945, unterzeichnete Generaloberst Alfred Jodl im Namen des deutschen Oberkommandos die Gesamtkapitulation aller Streitkräfte im Alliierten-Hauptquartier der Westmächte in Reims.

Im sowjetischen Hauptquartier in Berlin-Karlshorst ratifizierten hingegen Wilhelm Keitel für das Oberkommando der Wehrmacht und für das Heer, Hans-Georg von Friedeburg für die Marine und Hans-Jürgen Stumpff für die Luftwaffe die Kapitulationsurkunde für alle Wehrmachtsteile. Unterzeichnet wurde diese auf den 8. Mai datierte Urkunde erst kurz nach 0 Uhr des 9. Mai.

Im Landkreis Nienburg war der Krieg hingegen schon etwa einen Monat zuvor beendet. Am 6. April überquerte die 11. britische Panzerdivision bei Petershagen die Weser, um nach Loccum vorzudringen, am Tag darauf marschierten die britischen „Wüstenratten“ kampflos in Hoya ein und auch Nienburg wurde am 9. April ohne Gegenwehr besetzt. Der heutige „Historische Freitag“ blickt noch einmal zurück auf die letzten Kriegstage im Landkreis Nienburg.

Korvettenkapitän Hartmann rettet die Nienburger

Bereits am 1. April bekamen die Nienburger die ersten Vorboten des nahenden Kriegsendes zu spüren. Um 2 Uhr nachts fiel eine Fliegerbombe auf den Nienburger Bahnhof. Die Explosionskraft dieser Bombe tötete 42 Menschen und verletzte 80. Sie hinterließ ein Trümmerfeld, denn der ganze Nordflügel des Bahnhofs wurde zerstört. Der gesamte Mittelweser-Raum war zu diesem Zeitpunkt bereits von den Alliierten eingekreist. Die Nienburger zogen sich nach diesem Ereignis auf die Dörfer zurück.

Die Weserbrücke in Nienburg wurde am 8. April 1945 um 3.20 Uhr gesprengt – daraufhin stand der Stadtkern unter Granatenbeschuss. Foto: Archiv

Die Weserbrücke in Nienburg wurde am 8. April 1945 um 3.20 Uhr gesprengt – daraufhin stand der Stadtkern unter Granatenbeschuss. Foto: Archiv

Am 3. April standen die Befreier schon in der Gegend von Rahden in Nordrhein-Westfalen. Ein Luftalarm löste den anderen ab, die Einwohner schwebten ständig in Lebensgefahr. Als am 5. April die Muna in Langendamm mitteilte, dass das ganze Munitionsgelände gesprengt werden sollte, verließ ein weiterer Teil der Bevölkerung die Stadt. Beim Einzug der Engländer waren nur noch 8000 Menschen in Nienburg, 6000 hatten Zuflucht in Steimbke, Stöckse, Sonnenborstel und Schessinghausen gesucht. Nach Steimbke setzte sich auch die Stadtverwaltung und nach Brokeloh die Kreisverwaltung ab.

Der Kampfkommandant Werner Hartmann, vormals Korvettenkapitän, saß zu dieser Zeit noch in Erichshagen. Über die aktuelle Kampflage konnte selbst er nichts mehr in Erfahrung bringen, er hatte nur den Befehl, die Stadt bis auf den letzten Mann zu verteidigen.

Einmarsch der britischen Soldaten in Nienburg über die Lange Straße am 8. April 1945. Im Bild: Das Kino „Lichtspiele“, das Kaufhaus Jensen und das Hotel „Kanzler“. Foto: Museum Nienburg

Einmarsch der britischen Soldaten in Nienburg über die Lange Straße am 8. April 1945. Im Bild: Das Kino „Lichtspiele“, das Kaufhaus Jensen und das Hotel „Kanzler“. Foto: Museum Nienburg

Am 6. April wurde dann die Wehrbrücke in Drakenburg gesprengt, gleiches passierte am 8. April mit der Nienburger Weserbrücke nachts um 3.20 Uhr – daraufhin stand der Stadtkern unter Granatenbeschuss. Hartmann erkannte die Ausweglosigkeit und Sinnlosigkeit einer Verteidigung der Stadt. Er wagte es und gab den Absetzungsbefehl der Truppen, worauf damals die Todesstrafe stand.

Noch ehe sich diese nach Rethem/Aller absetzen konnten, war Nienburg bereits von den Alliierten eingeschlossen. Nachts erfolgte schließlich doch der Truppenabzug – dieser Befehl von Hartmann bewahrte Nienburg vor dem Untergang.

Die Engländer hatten in Diepholz vorab Flugzeuge bereitgestellt, die Nienburg im Falle der Verteidigung bombardieren sollten. „Wenn jetzt noch ein Schuss fällt, dann werden Sie erschossen.

„Eibia“-Bunker in Liebenau. Foto: Archiv

„Eibia“-Bunker in Liebenau. Foto: Archiv

Eine halbe Stunde später hätten Sie nicht zu kommen brauchen, denn unsere Bomber sollten um 13 Uhr gegen Nienburg fliegen“, sagte der englische Hauptmann zu Nienburgs Bürgermeister Wilhelm Beims und den Stadträten, die den Engländern entgegenfuhren, um ihnen auf der Straße Richtung Meinkingsburg folgende Erklärung zur Stadtübergabe auszuhändigen: „Nienburg ist von deutschen Truppen geräumt. Ich, als Bürgermeister dieser Stadt, erkläre Nienburg zu einer offenen Stadt. Der Volkssturm ist aufgelöst, ich habe ihn in den Ordnungsdienst übernommen, soweit die Männer freiwillig dazu bereit waren.“

Englische Truppen besetzen Nienburg

Ein Glück, dass Nienburg nicht verteidigt wurde – das war die Meinung der in der Stadt verbliebenen Einwohner, als die englischen Truppen am 9. April 1945 einzogen. Auch die außerhalb Nienburgs weilenden Frauen und Kinder atmeten auf, als die Nachricht von der Übergabe der Stadt in den umliegenden Dörfern ankam. Trotzdem mussten sie noch einige angstvolle Stunden und Tage in Sonnenborstel, Stöckse und Steimbke verbringen, da in dieser Gegend Widerstand geleistet und schwere Kämpfe ausgefochten wurden. Aber die Heimatstadt war erhalten.

Die englische Panzereinheit marschierte aus Richtung Meinkingsburg in Nienburg ein. Ihr Vormarsch in Richtung Nordosten verlief reibungslos und ohne Widerstand. Im Hotel „Zum Kanzler“ wurde die Militärregierung eingerichtet und Stadtkommandant Oberst Murrane erteilte seine Befehle, die er unter die Worte „ich werde streng, aber gerecht handeln“, stellte. So ordnete er zum Beispiel an, dass die Bevölkerung täglich morgens und abends eine Stunde die Straßen betreten dürfe.

Britische Soldaten beim Bau der sogenannten „Bailey-Brücke“ über die Weser anstelle der zerstörten Weserbrücke im April 1945. Foto: Museum Nienburg

Britische Soldaten beim Bau der sogenannten „Bailey-Brücke“ über die Weser anstelle der zerstörten Weserbrücke im April 1945. Foto: Museum Nienburg

In der Zivilverwaltung, die schon seit längerer Zeit ein machtloses Organ war, herrschte ein großes Durcheinander. Der britische Oberst hatte Bürgermeister Beims durch Adolf Hildebrand ersetzt, der nun das Geschick einer Stadt übernahm, die von Hausdurchsuchungen, Hausbeschlagnahmungen und Plünderungen heimgesucht wurde. Nur ganz allmählich begann der Verwaltungsapparat wieder zu funktionieren. Besonderen Wert legten die Engländer auf die Wiederinstandsetzung der „Versorgungswirtschaft“. Es musste hauptsächlich für Kohle gesorgt werden, damit die Betriebe, wie die Wilhelmshütte oder die Kali-Chemie, wieder ihre Produktion aufnehmen konnten. Es dauerte nicht lange, bis die Schornsteine wieder rauchten.

Zu einer Stockung in der Lebensmittelversorgung ist es in Nienburg nie gekommen – ein Verdienst der Hausfrauen, die Reserven in großen Mengen bereithielten. Aber bei Weitem nicht jeder Ort unseres Landkreises hat sich so kampf- und widerstandslos ergeben wie Nienburg.

In Leese wurde drei Tage gekämpft

In Stolzenau wurde die Weserbrücke bereits am 5. April um 11 Uhr gesprengt, nachdem deutsche Fahrzeuge aus Düsseldorf und dem ganzen Rheingebiet sie noch kurz zuvor passiert hatten. Ihr Ziel war die Lüneburger Heide, wo bei Soltau, wie es hieß, die Entscheidungsschlacht geschlagen werden sollte. Die Engländer, die daraufhin nach Stolzenau einzogen, versuchten in der Folge zweimal vergeblich, eine neue Verbindung vom Schloss zur Domäne herzustellen. Deutsche Flieger aus Wunstorf machten ihren Versuch beide Male zunichte.

Am Weserufer Richtung Leese gingen zudem vier Kompanien des SS-Panzergrenadier-Ausbildungs- und Ersatzbataillon 12 der 12. SS-Panzerdivision „Hitlerjugend“ – überwiegend Jungen aus den Jahrgängen 1927/28 – in Stellung, denn Leese sollte verteidigt werden. Sie verfügten über keinerlei schwere Waffen, bekämpften die britischen Pioniere, die mit Schlauchbooten die Weser überqueren wollten, jedoch nach Kräften. Zehn Soldaten des „Corps of Royal Engineers“ stürzten tot in die Weser, 30 trieben verwundet im Fluss.

Panzer der Alliierten rollten durch die Wälder im Landkreis. Foto: Archiv

Panzer der Alliierten rollten durch die Wälder im Landkreis. Foto: Archiv

Letztlich hatten die Deutschen gegen 4800 britische Infanteristen und mindestens 280 Panzer jedoch keine Chance. Drei Tage und drei Nächte litt Leese unter dem Beschuss. 25 Gehöfte brannten durch Feuerbeschuss und Brandbomben der „Royal Air Force“ bis auf die Grundmauern nieder. Erst am 8. April räumten die deutschen Truppen den Ort, die Engländer besetzten Leese.

Liebenau geht beinahe in die Luft

Während in Leese noch gekämpft wurde, näherten sich die britischen Panzereinheiten auch dem Munitionsdepot der „Eibia“, das sich zwischen Liebenau und Steyerberg erstreckte. Dort wurde bis zum 4. April sogar noch gearbeitet – Liebenau saß somit auf einem Pulverfass.

DIE HARKE berichtete zehn Jahre später: „Beinahe wäre Liebenau in die Luft gegangen. In den Bunkern und Hallen des Depots lagen neben 400 Tonnen TRI, einem hochexplosiven Ausgangsstoff zur Pulvererzeugung, noch riesige Mengen an Munition und Granaten.“ Die Engländer hatten von diesem Werk, das eines der größten Munitionswerke und Depots Deutschlands war, nichts gewusst. Erst die englischen Kampfverbände stießen auf diese hervorragend getarnte Anlage. Die Übernahme des Werkes mit seiner hohen Explosivkraft ging jedoch reibungslos über die Bühne. Am 10. April zogen die Engländer dann nach kurzem Widerstand endgültig in Liebenau ein.

Bis heute waren die Geschehnisse des Zweiten Weltkrieges die letzten Kriegshandlungen, die der Landkreis Nienburg erlebt hat. Nach dieser Tragödie konnte sich das Mittelweser-Gebiet in den vergangenen Jahrzehnten zu einer vielfältigen, lebenswerten Region entwickeln. Bis heute erinnern Kriegsdenkmäler im Gebiet an die Schreckensjahre, damit das Geschehene nicht in Vergessenheit gerät.

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Erstellt:
7. Mai 2021, 07:00 Uhr
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