Nikolai Setzer, Mitglied des Vorstandes, Continental AG, spricht während eines Interviews auf der IAA in Hannover. Nikolai Setzer wird neuer Vorstandschef von Continental. Foto: Peter Steffen/dpa

Nikolai Setzer, Mitglied des Vorstandes, Continental AG, spricht während eines Interviews auf der IAA in Hannover. Nikolai Setzer wird neuer Vorstandschef von Continental. Foto: Peter Steffen/dpa

Hannover 12.11.2020 Von Deutsche Presse-Agentur

Nikolai Setzer soll Conti durch die Doppelkrise führen

Nikolai Setzer wird neuer Vorstandschef von Continental. Damit löst ein Eigengewächs mit 23 Jahren Erfahrung im Konzern Elmar Degenhart ab, der seinen frühzeitigen Abtritt von der Spitze des Dax-Unternehmens angekündigt hatte.

Wie Conti am Donnerstag nach einer Sitzung des Aufsichtsrats mitteilte, soll Setzer den Job seines zuletzt etwas glücklosen Vorgängers Anfang Dezember übernehmen. Die Kontrolleure beriefen ihn bis zum März 2024, die Position als Leiter der Autozuliefer-Kernsparte soll er behalten.

Setzer kam 1997 zu den Hannoveranern. Der Wirtschaftsingenieur gilt intern als gut vernetzt und war bereits als aussichtsreicher Kandidat für die Degenhart-Nachfolge gehandelt worden. Die Führung des nach Bosch größten Autozulieferers ist eine schwierige Aufgabe: Neben dem Umsteuern von Mechanik und Hydraulik zu E-Mobilität und Software, der teuer ist und viele Jobs kosten dürfte, ringt die gesamte Branche mit dem Absatzeinbruch der Autohersteller in der Corona-Krise.

Degenharts Vertrag wäre eigentlich noch bis August 2024 gelaufen. Ende Oktober nannte der frühere Manager des Conti-Großaktionärs Schaeffler aber gesundheitliche Gründe für seinen Rückzug. In den vergangenen Monaten war vonseiten des Betriebsrats, der Gewerkschaften und der Politik heftige Kritik an der Führung laut geworden. Auf der anderen Seite forderten die Eigentümer einen noch entschlosseneren Sparkurs.

Konzernbetriebsratschef Hasan Allak und Vize Lorenz Pfau wünschten Setzer alles Gute. Sie machten jedoch auch klar: „Die Belegschaft erwartet von ihm und seinem Vorstandsteam eine fundierte Strategie mit verlässlichen Perspektiven auch für Deutschland.“

Bei Conti sollen im Rahmen des Programms „Transformation 2019-2029“ mindestens 30 000 Stellen verlagert, gestrichen oder für neue Qualifikationen umgewandelt werden - darunter 13.000 in der Bundesrepublik. Dies geht aus Sicht der Chefetage nicht ohne Werksschließungen. Zwar werden in zukunftsträchtigen Bereichen gleichzeitig neue Jobs geschaffen. Für tiefe Verunsicherung in der Belegschaft sorgten jedoch vor allem Kürzungen, die ausgerechnet für die insgesamt profitable Reifensparte beschlossen wurden.

Das Aus für die Produktion im Werk Aachen mit 1800 Beschäftigten kam nur durch den Aufsichtsrat, weil die Kapital- die Arbeitnehmerseite überstimmte. Weitere Standorte sollen ebenfalls verkleinert, umgebaut oder ganz dichtgemacht werden. Die Gewerkschaft IG BCE startete eine Initiative, um in künftigen Patt-Situationen bei Entscheidungen großer Tragweite einen neutralen Schlichter vermitteln zu lassen.

Betriebsratschef Allak hatte den Vorstand auch wegen mangelnder Absprachen attackiert. In der aktuellen Lage seien „keine Experimente“ wünschenswert - was für manche Beobachter schon auf eine Berufung Setzers hindeutete. Der Neue an der Spitze wird als durchsetzungs-, aber auch als kommunikationsstark beschrieben. „Die begonnene Transformation wird nur im Konsens aller Beteiligten funktionieren und nicht mit Entscheidungen im Basta-Format“, betonte Allak. Nach dem Krach rund um die Schließungen vereinbarten Gewerkschaften und Management einen neuen Anlauf, um möglichst viele Jobs zu erhalten.

Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle hatte sich für Kontinuität ausgesprochen. Am Donnerstag betonte er: „Nikolai Setzer genießt unser vollstes Vertrauen. Er wird diesen Wandel weiter vorantreiben und erfolgreich gestalten.“ Gleichzeitig zollte der Chefkontrolleur Degenhart Respekt für dessen „vorbildliches Führungsverhalten sowie seine großen Verdienste um Continentals langjährige Erfolgsbilanz“.

Setzer ging auf die Beschäftigten zu, verdeutlichte jedoch ebenso seine Orientierung an Gewinnzielen: „Gemeinsam mit den Führungskräften sowie Mitarbeitern weltweit ist es meine vordringlichste Aufgabe, unseren auf dauerhafte Profitabilität ausgerichteten Wachstumskurs ohne Unterbrechung weiter zu verfolgen.“

Nach Stationen in der Entwicklung und im Vertrieb sammelte Setzer zunächst Management-Erfahrung im Stammgeschäft mit Reifen. 2009 wurde er Vorstand für Pkw-Reifen, später für den gesamten Bereich - er befasste sich dabei auch mit neuen Techniken wie Sensorik oder automatischer Profilmessung. Von Mai 2015 bis März 2019 war er zusätzlich für die Beschaffung des Konzerns verantwortlich. Danach übernahm Setzer die Steuerung des Automotive-Geschäfts.

Das Geschäft bei Conti läuft nach dem Corona-Einbruch im Frühjahr wieder besser. Doch der Strukturwandel und die trüben Aussichten für die weltweite Autoproduktion halten den Konzern unter Druck. Im dritten Quartal lag der Verlust unterm Strich bei knapp 720 Millionen Euro. Im laufenden Betrieb meldete Conti allerdings eine deutliche Entspannung im Vergleich zum zweiten Jahresviertel: Der Fehlbetrag vor Zinsen, Steuern und Sondereffekten von 634 Millionen Euro wurde in einen bereinigten Gewinn von 832 Millionen Euro gedreht.

© dpa-infocom, dpa:201112-99-311808/5

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Erstellt:
12. November 2020, 21:40 Uhr
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