Ulrike Granich, Burkhard Bauer, Reinhild Benning, Claudia Preuß-Ueberschär und Gerd-Ludwig Meyer bei ihrer Diskussion über die dramatisch zunehmenden Antibiotika-Resistenzen. Foto: Kassube

Ulrike Granich, Burkhard Bauer, Reinhild Benning, Claudia Preuß-Ueberschär und Gerd-Ludwig Meyer bei ihrer Diskussion über die dramatisch zunehmenden Antibiotika-Resistenzen. Foto: Kassube

Nienburg 15.12.2019 Von Die Harke

„Nutztiere nicht vorbeugend behandeln“

Resistance Fighters: Bündnis 90 / Die Grünen diskutierten alarmierende Zunahme von Antibiotika-Resistenzen

Auf Initiative vom Kreisverband Bündnis 90/Die Grünen fand im Kulturwerk Nienburg eine Veranstaltung zum Problem der weltweit zunehmenden Antibiotika-Resistenz statt. Dabei wurde zunächst der Film „Resistance Fighters“ des Regisseurs und Dokumentarfilmers Michael Wech gezeigt. Etwa 40 Teilnehmende verfolgten die Vorstellung und nahmen am anschließenden Meinungsaustausch teil, zu dem drei Referenten geladen waren: Reinhild Benning. Referentin für Landwirtschaft und Tierhaltung von GermanWatch, Dr. Claudia Preuss-Ueberschär, Tierärztin, und Dr. Gerd-Ludwig Meyer, Facharzt und Nephrologe aus Nienburg.

Antibiotika-Resistenz hat sich seit einigen Jahren zu einem weltweiten Problem entwickelt. Die meisten Medikamente haben ihre Wirksamkeit gegenüber Infektionen mit resistenten Keimen verloren. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht davon aus, dass allein in der EU jährlich 25 000 Menschen an Infektionen mit resistenten, in Gesundheitseinrichtungen übertragenen Bakterien sterben. Eine hohe Vermehrungsrate der Bakterien und der genetische Austausch von Eigenschaften sind entscheidend für die rasante Ausbreitung von Resistenzen.

Vor diesem Hintergrund hat die WHO fünf Wirkstoffgruppen bestimmt, deren Anwendung nur bei der „Bekämpfung schwerwiegender bakterieller Erkrankungen beim Menschen“ erwogen werden darf. Vor Verwendung dieser Reserve-Antibiotika muss ihr Einsatz aber immer durch Resistenz-Voruntersuchungen abgeklärt werden.

Antibiotika kommen auch in großem Umfang bei der Tiermast zum Einsatz. Zwar wurde die absolute Menge reduziert, doch nach den für 2018 vorliegenden Statistiken waren es bei der Tierhaltung in Deutschland immer noch mehr als 722 Tonnen verschiedener Medikamente. Dazu zählen auch die Reserve-Antibiotika wie Colistin, die vor allem in der Geflügelmast zum Einsatz kommen. Die Gesamtmenge dieser Antibiotika ist im Vergleich zu den Vorjahren nahezu gleichgeblieben. Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) hat deshalb eine drastische Reduzierung des Colistin-Einsatzes in Deutschland gefordert.

„Aus den Beiträgen der Referenten und auch der Diskussionsteilnehmer wurde deutlich, dass wir bei der sich abzeichnenden Entwicklung, die zu einem Verlust dieser Mittel führen wird, einen Paradigmenwechsel im Umgang mit lebensrettenden Medikamenten einleiten müssen“, so Mitorganisatorin Ulrike Kassube. Aus Sicht der Versammlung gehören dazu eine Verbesserung der Hygiene in Aufnahmestationen (die Niederlande wären ein gutes Beispiel), strikte Verschreibung auf der Grundlage von Zusammenschlüssen von Partnern im Gesundheitswesen wie „Arena“ (Antibiotika-Resistenzabwicklung nachhaltig abwenden) und die Evaluierung von Resistenzen vor Anwendung anti-infektiöser Mittel.

Vorbeugende, ungezielte Bestandsbehandlungen von Nutztieren müssen vor dem Hintergrund dieser Entwicklung abgelehnt werden – ebenso wie die Verwendung von Reserve-Antibiotika. Messungen im Umfeld von Großstallungen, in denen Tiere zur Mast gehalten werden, weisen ein deutlich erhöhtes Risiko der Ausbreitung auch multi-resistenter Keime auf und müssen von unabhängigen Institutionen überwacht werden. Dazu gehört in besonderem Maße die Funktion der Filteranlagen von Lüftungsschächten. Eine weitere Ursache für die unkontrollierte Ausbreitung krankmachender Erreger aus Mastanlagen sind Insekten, vor allem Haus- bzw. Stubenfliegen, die durch ihre Lebensweise Keime aufnehmen und in die Umgebung verbreiten können.

Repräsentative Untersuchungen weisen auf weit verbreitete Insektizid-Resistenzen hin, die eine Kontrolle mit den verfügbaren Insektiziden schwierig bis unmöglich erscheinen lassen. Hierin waren sich alle Teilnehmenden einig: Das Problem muss unverzüglich angegangen werden.

Ermutigend sind nach Informationen des Regisseurs Initiativen von mittlerweile 116 Staaten, die auf Grundlage des „globalen Aktionsplans der Vereinten Nationen gegen Antibiotika-Resistenz“ nationale Strategien entwickelt haben. Dabei geht es vor allem um eine Verbesserung der Infektionsprävention, flächendeckende Impfungen sowie einen gezielten Einsatz von Antibiotika, der immer an eine vorherige Diagnose gekoppelt werden muss.

Entsprechende Aktionen seitens der Bundesregierung sind mehr als überfällig.

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Erstellt:
15. Dezember 2019, 16:03 Uhr
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