Tauschten sich aus: (von links) Ines Brügesch, Detlef Ahnefeld, Katja Keul und Frank Ruthenkolk. Foto: Lebenshilfe Nienburg

Tauschten sich aus: (von links) Ines Brügesch, Detlef Ahnefeld, Katja Keul und Frank Ruthenkolk. Foto: Lebenshilfe Nienburg

Nienburg 15.06.2020 Von Die Harke

„Ohne Kurzarbeit stünden wir besser da“

Die Pandemie betrifft die Lebenshilfe doppelt: finanziell und in ihrer Arbeit mit psychisch erkrankten Menschen

„Die unvermeidbaren Herausforderungen der Pandemie sind schon schwierig genug – da könnten wir auf vermeidbare Belastungen gut verzichten, so fassen es Frank Ruthenkolk, Geschäftsführer der Lebenshilfe Nienburg, und deren Prokuristin Ines Brügesch nach einem Gespräch mit der Bundestagsabgeordneten Katja Keul zusammen.

Die Abgeordnete hatte die Lebenshilfe besucht, um sich ein Bild darüber zu machen, wie die vom Bundestag beschlossenen Hilfen bei den sozialen Einrichtungen ankommen und wie diese in Zeiten der Pandemie ihren Alltag bewältigen.

Zu den Herausforderungen gehörte nach Angaben aus dem Wahlkreisbüro von Katja Keul die Schließung der Werkstätten am 18. März. 750 Mitarbeiter mussten von einem Tag auf den anderen zu Hause bleiben und durften bis zum 22. Mai die Werkstätten der Lebenshilfe nicht mehr betreten. Vom Betretungsverbot ausgeschlossen seien nur die Wohnbereiche der Lebenshilfe Nienburg, die mit 130 Bewohnern weitergeführt wurden.

Wer sich in der Situation dazu entschlossen hatte, zu seinen Angehörigen zu ziehen, habe später aus Gründen des Infektionsschutzes nicht mehr in den Wohnbereich zurückkehren können. Aufgrund der geschlossenen Werkstätten habe im Wohnbereich nun eine durchgehende Tagesbetreuung sichergestellt werden müssen. Hierzu seien neun Fachkräfte aus anderen Bereichen abgezogen worden, die seitdem in einem gleichbleibenden Team arbeiten. Seit dem 1. Juni seien die Werkstätten der Lebenshilfe Nienburg wieder mit einer Frequentierung von 50 Prozent geöffnet.

Detlef Ahnefeld, Geschäftsbereichsleitung der Werkstätten, sagte, dass es deutlich sichtbar sei, wie sehr sich einige Menschen in den vergangenen zwölf Wochen verändert hätten und teilweise in ihrem Förderprozess zurückgefallen seien. Gerade Menschen, die psychisch erkrankt seien oder auch alleine wohnten, hätten die eingeübten Tagesstrukturen teilweise wieder verlernt. Überregionale Schätzungen gingen davon aus, dass zehn Prozent aller Betroffenen möglicherweise gar nicht wieder zurückkommen würden.

Was der Geschäftsführung neben den notwendigen Maßnahmen zur Aufrechterhaltung des Betriebes zusätzlich Probleme bereite, seien die sich kurzfristig ändernden Aussagen des niedersächsischen Sozialministeriums zu den finanziellen Absicherungen. Der Bundestag hatte im April das sogenannte Sozialdienstleisterentschädigungsgesetz (SoDEG) verabschiedet.

Damit sollte die Finanzierung der sozialen Infrastruktur in Höhe von 75 Prozent abgesichert werden, obwohl die meisten Betroffenen die zu erbringenden Dienstleistungen pandemiebedingt nicht in Anspruch nehmen konnten. „Es war durchaus ein beruhigendes Gefühl zu erleben, wie schnell und trotzdem verhältnismäßig gründlich Parlament und Regierung in der Krise in der Lage waren, umfangreiche Hilfspakete zu verabschieden“, berichtet Keul.

Dennoch entstehe der Lebenshilfe Nienburg unter den bestehenden Bedingungen eine nicht unerhebliche Finanzierungslücke bis zur vollständigen Wiederaufnahme der Betriebstätigkeit. Verursacht werde diese durch abweichende Empfehlungen des Sozialministeriums. Erst habe es geheißen, dass als Voraussetzung für die Beantragung der Finanzierung über SoDEG vorrangig andere Mittel, wie Kurzarbeit, in Anspruch genommen werden müssten.

Nachdem die Lebenshilfe daraufhin Kurzarbeit angemeldet habe, habe das Sozialministerium über eine zweite Variante der Finanzierung informiert: diesmal in Form der vollständigen Weiterzahlung der Vergütungen. Die Voraussetzung für die Nutzung dieser Finanzierungsform sei jedoch, keine Leistungen aus der Kurzarbeit in Anspruch genommen zu haben. Trotz sofortiger Beendigung der Kurzarbeit in der Lebenshilfe sei so für den Monat Mai eine Finanzierungslücke entstanden, da nach dem jetzigen Kenntnisstand nur Hilfen für Monate ohne Kurzarbeit bewilligt würden.

„Wir werden jetzt dafür benachteiligt, dass wir pflichtgemäß Kurzarbeit beantragt haben. Hätten wir das nicht getan, stünden wir insgesamt betrachtet besser da. Ständig gibt es neue und abweichende Empfehlungen und Formulare“, schilderte Brügesch. Dass es auch anders gehw, zeige NRW. Dort seien von Anfang an die Vergütungen in Höhe von 100 Prozent bewilligt worden und hätten den Einrichtung eine gewisse Sicherheit gegeben. Keul bestätigte, dass dies ganz offensichtlich ein niedersächsisches Problem sei.

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Erstellt:
15. Juni 2020, 16:03 Uhr
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