Der Originaltext auf Kurdisch. DH

Der Originaltext auf Kurdisch. DH

Nienburg 11.11.2017 Von Die Harke

Ohne Pass im Ort festgesessen

HamS-Serie „Willkommen in Nienburg“ / Heute: Ein Gespräch mit Flüchtling Kadir A.

Nurten Akan führte ein Gespräch mit Kadir A., der als Flüchtling vor fünf Jahren nach Deutschland kam. Dabei ist folgender Text entstanden: Mein Name ist Kadir A. Ich bin 43 Jahre alt und habe bereits zwei Kinder. Ich komme aus Syrien und lebe seit fünf Jahren in Deutschland. Ich habe elf Monate in der Nähe von Dortmund gelebt. Nach elf Monaten habe ich meine Aufenthaltserlaubnis bekommen.

Meine Geschwister lebten damals in Nienburg. Ich konnte sie leider nicht besuchen, weil ich mein Bundesland nicht verlassen durfte, außerdem hatte ich nicht genügend Geld und konnte die Sprache nicht, sodass ich mich auch nicht alleine auf den Weg machen konnte.

Ich habe im Ort Hilfe angeboten bekommen, aber diese Personen wollten für jede Unterstützung circa 100 Euro Aufwandsentschädigung. Dieses Geld hatte ich nicht. Das Geld vom Sozialamt hat gerade mal so zum Leben gereicht, alles nicht so einfach.

Meine Geschwister habe ich jeden Tag vermisst. Diese lebten circa 200 Kilometer von mir entfernt. Mir fehlten die finanziellen Mittel diese zu sehen. Hilfe von den Onkels und Tanten, die in Deutschland leben, habe ich nicht bekommen.

Nach zwei Monaten in Deutschland lernte ich einige deutsche Menschen kennen, die mir zum Beispiel beim Einkaufen geholfen haben. Nach dem ich meinen Pass bekommen habe, bin ich nach Nienburg umgezogen. Hier habe ich sechs Monate die Schule besucht. Es war nicht leicht für mich mit Mitte 40 jetzt die Deutsche Sprache zu erlernen. Obwohl ich es unbedingt lernen wollte. Als ich im Unterricht war, hat es mich sehr genervt, dass ich fast nichts verstehe.

Nach drei Monaten habe ich immer mehr dazu gelernt, konnte aber trotzdem nicht sprechen. Verstehen ja, aber nicht antworten. Manchmal bin ich nicht zum Unterricht erschienen, aus Angst dass ich ausgelacht werde. Aber als ich dann in das Arbeitsleben wechselte, fiel es mir leichter mit der Sprache, weil viel Praktisches im Spiel war. Ich habe in einem Restaurant gelernt, obwohl ich in Syrien ein Mechaniker war. Ich bin immer noch in der Gastronomie tätig.

Mein Ziel ist es in naher Zukunft wieder als Mechaniker zu arbeiten. Das ist der Job, den ich auch in Syrien gelernt habe. Aber bevor ich das mache, muss ich sehr gute Kenntnisse bekommen. Momentan kann ich immer noch nicht Deutsch lesen und schreiben. Vieles verstehe ich noch nicht. Meinen Führerschein habe ich in Deutschland gemacht, ich konnte die Theorieprüfung in arabischer Sprache ablegen.

Was mich hier in Deutschland sehr glücklich macht ist, dass ich hier auch wenn ich die deutsche Sprache nicht gut beherrsche, arbeiten darf. In der Heimat mussten wir alles, was wir verdient haben an meinen Vater abgeben, weil er die Finanzen verwaltet hat.

Was ich sehr vermisse, ist meine Heimat Syrien, wie meine Freunde und Kollegen. Meine Freunde, mit denen ich aufgewachsen bin, habe ich seit Jahren nicht gesehen. Nach dem ich dann hier in Deutschland war, verstarb mein Vater. Zu seiner Beerdigung konnte ich leider auch nicht, weil ich Einreiseverbot hatte.

Ich habe auch hier in Deutschland noch sehr viel Verantwortung, weil ich noch zwei Schwestern habe, die nun bei mir leben, Das ist auch eine große Belastung für mich. Ich bin Bruder und gleichzeitig selbst schon Vater geworden.

Mein Wunsch ist es, dass meine Schwestern bald auch eine eigene Familie gründen und ihren Weg glücklich gehen können.

Trotzdem versuche ich immer wieder alle glücklich zu machen und danke allen Menschen, die mir in der schweren Zeit viel geholfen haben und für mich da waren.

Das Begegnungscafe St. Martin findet am Dienstag, 14. November, ab 16 Uhr im Kulturwerk Nienburg statt. Bereits am heutigen Sonntag veranstaltet „Miteinander – Füreinander“ dort einen Nachmittag ab 15 Uhr mit vielen Leckereien, einem Puppenspiel und vielen Möglichkeiten zum gegenseitigen Austausch.

Nurten Akan führte das Gespräch.
 Archiv

Nurten Akan führte das Gespräch. Archiv

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Erstellt:
11. November 2017, 21:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 00sec

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