Beate Greve (rechts) mit ihrer Mutter Eleonore Meyer. Greve

Beate Greve (rechts) mit ihrer Mutter Eleonore Meyer. Greve

Haßbergen 10.03.2018 Von Beate Greve

Patienten kommen von weit her

Missionsärztin Beate Greve berichtet im Schulzentrum Heemsen von ihrer Arbeit in Tansania

Die gebürtige Haßbergenerin Beate Greve ist über das Deutsche Missionsärzte-Team (DMÄT) nach Tansania in die Stadt Matyazo gereist. Von ihrer Arbeit dort berichtet sie am Mittwoch, 21. März, ab in der Veranstaltung „Als Ärztin in Tansania“ in der Mensa des [DATENBANK=2763]Schulzentrums Heemsen[/DATENBANK]. Schon jetzt gibt sie einen Einblick in ihr Wirken. Es ist Freitagabend halb neun und die ältere Dame humpelt an mir vorbei in den Operationssaal, nur in ein OP-Tuch eingehüllt, wie es hier in Tansania üblich ist. Vor einigen Tagen war sie in die Sprechstunde gekommen mit einem übelriechenden Tumor auf dem rechten Fußrücken. Dreimal sei dieser schon erfolglos in anderen Krankenhäusern operiert worden, eins davon über 600 Kilometer von hier. Der Hauttumor ist vermutlich ein Basaliom, welches zwar nicht in den Körper streut, aber lokal zerstörend in das umliegende Gewebe wächst. Behutsam hatten wir die Patientin darauf vorbereitet, dass man eventuell den Fuß teilweise amputieren müsse, um sie wirklich zu heilen. Sie willigte zögernd ein. Wir versprachen, erst zu sehen, was wir auch ohne Amputation erreichen könnten.

Der OP-Tag meiner Chefin war lang gewesen. Zum regulären OP-Programm (eine Prostata-Entfernung, zwei Gebärmutter-Entfernungen, zwei Leistenbrüche) waren ungeplant eine Bauchhöhlen-Schwangerschaft und zwei notfallmäßige Kaiserschnitte gekommen. Ein weiterer Prostata-Patient hatte nicht operiert werden können, da keine Blutspender zur Verfügung standen. Dies übernehmen hier Verwandte nach Prüfung der Blutgruppen-Verträglichkeit. Pünktlich zum zweiten Kaiserschnitt war ich im OP erschienen. Ich hatte gerade in dieser Woche meine erste Malaria durchgemacht und war nach Einnahme meiner letzten Medikamentendosis abends in den OP gekommen, weil ich wusste, dass ab 20 Uhr nur noch eine Schwester im OP arbeitete und das Programm noch lange nicht geschafft war. Auch am nächsten Tag wäre außer uns niemand da, um verschobene Operationen aufzuarbeiten. Im Gegensetz zu Deutschland, wo auf 1000 Patienten sechs Ärzte kommen, steht in Tansania für 20000 Menschen ein Arzt zur Verfügung.

Die alte Dame klettert nun auf den OP-Tisch, sie wirkt zerbrechlich und wiegt gerade mal 41 Kilogramm. Außer mir ist noch die OP-Schwester im Saal, die auf meine Ansage hin für die Dosierung der Narkosemedikamente zuständig ist. Eine ärztliche OP-Assistenz oder „Instrumentier-Schwester“ gibt es üblicherweise nicht, auch nicht tagsüber bei großen Eingriffen. Die leitende Ärztin ist deshalb dankbar, dass ich sie seit Anfang des Jahres in ihrer Arbeit unterstütze, auch wenn es mir immer noch schwerfällt, mich von der Art, wie in Deutschland Medizin praktiziert wird auf tansanische Verhältnisse umzustellen. Von staatlicher Seite her hat das Krankenhaus den Status einer „Dorfgesundheitsstation“ und erhält die Zuschüsse einer Arztpraxis, ist aber über die Jahre auf 120 Betten und 130 einheimische Angestellte angewachsen.

Es hat sich längst herumgesprochen, dass in diesem Missionskrankenhaus gut operiert wird. So kam vor einigen Wochen ein Patient aus einem 450 Kilometer entfernten Ort angereist. Er war beim Fischen von einem Krokodil angegriffen worden, das seine rechte Hand zum überwiegenden Anteil vom Unterarm abgetrennt hatte. Was noch am Arm hing, war inzwischen stark infiziert. Die Hand war leider nicht zu rekonstruieren, aber der Amputationsstumpf ist gut verheilt und der sechsfache Vater wieder in seinen Heimatort zurückgekehrt.

Vor der OP betet die Schwester auf Kiswahili, der offiziellen Landessprache, um Gottes Schutz für die Operation, dass Gott den Ärzten die Hände führe, über die OP wache und die Frau heilen möge. Für viele Einheimische dieser Gegend ist Kiswahili genauso eine Fremdsprache, wie für mich, denn sie sprechen primär ihre Stammessprache „Kiha“. Gut, wenn dann eine Krankenschwester übersetzen kann. Die Patientin erhält nun eine ihrem Gewicht angemessene Dosis Narkosemittel, welches die Patienten schmerzfrei schlafen lässt, aber Atmung und Schutzreflexe nicht dämpft. Es gibt zwar eine Sauerstoffflasche im OP und notfalls die Möglichkeit zur Intubation, aber ohne Beatmungsmaschine und Narkosegerät müssen die Patienten während der OP selbst atmen. Ich beginne mit der Operation, der faulende Tumor zerfällt beim Präparieren, ist bereits in seiner Tiefe in das Gewebe eingedrungen und blutet dort stark. Meine Chefin kommt mit an den OP-Tisch, wir entscheiden uns, in den nächsten Tagen die Vorfußamputation mit entsprechenden Sicherheitsabstand zum Tumor durchzuführen und es in dieser Nacht bei der Entfernung des direkt betroffenen Gewebes zu belassen.

Mit einer ausreichenden Dosis Schmerzmittel wird die Patientin nach dem Aufwachen zurück auf die Station gebracht, wo ihre Angehörigen die weitere Pflege übernehmen, während die Schwestern für die Verabreichung der Medikamente zuständig sind.

Nach einer weiteren OP, verlasse ich um halb elf nachts den OP und mache mich auf den Weg zur chirurgischen Visite. Hierzu war die leitende Ärztin den ganzen Tag über nicht gekommen und war inzwischen völlig erschöpft nach Hause gegangen. Vor acht Wochen hatte sie sich selbst einen Knöchelbruch zugezogen und der operierte Fuß schwillt im Tagesverlauf immer noch stark an. Im Innenhof läuft ein Fernseher für Patienten und Angehörige und fröhliche Musik erfüllt die laue Nacht. Ich atme tief ein.

„Ich mag diese Menschen“, geht es mir wieder einmal durch den Kopf. In den Zimmern brennt noch schwaches Licht, als ich die Patienten unter ihren Moskitonetzen nach dem Befinden frage. Auf dem Fußboden haben sich bereits einige Angehörige auf Strohmatten schlafengelegt. Niemand ist verärgert über die späte Störung durch die „Daktari“. Eine Patientin mit fortgeschrittenem Karzinom der Bauchspeicheldrüse, der wir nur noch palliativ hatten helfen können, behält keine Nahrung mehr bei sich und braucht Flüssigkeit über die Vene und weitere Medikamente. Ich versuche der Angehörigen auf Kiswahili zu erklären, dass dies keine Krankheit sei, die wieder heilen werde, sondern dass die Schwellung im Bauch „mbaya“ (böse) gewesen sei. „Pole sana“ sind meine Worte, mit denen man hierzulande sein tiefes Mitgefühl ausdrückt, als ich ihr verspreche, dass wir der Patienten alles geben werden, um ihre Situation zu erleichtern.

Mehr als „pole sana“ blieb uns auch nicht, als vor zwei Wochen eine bewusstlose junge Frau zu uns gebracht wurde, die bei der Feldarbeit von einer Schlange gebissen worden war. Der Beschreibung der Angehörigen zufolge könnte es eine schwarze Mamba gewesen sein, die ihren Opfern ein starkes Nervengift zufügt. Ohne Gegengift kommt es binnen zwanzig Minuten zur Atemlähmung. Da wir nicht sicher waren, welche Schlange es war, begannen wir unter allen verfügbaren Medikamenten mit Reanimationsmaßnahmen, als Sauerstoffsättigung und Herztöne schlecht zu werden beginnen. Telefonisch teilt man uns mit, dass es auch in der 45 Minuten entfernten Distrikt-Hauptstadt kein Antiserum gebe. Nach zwei Stunden müssen wir den Kampf um das Leben der Frau erfolglos aufgeben. Auch mit sofort verabreichtem Gegengift wären ihre Chancen ohne Intensivstation und Beatmungsmaschine gering gewesen, aber vielleicht hätten wir sie unter manueller Beatmung in ein Krankenhaus verlegen können, wo sie diese Behandlung erhalten hätte.

Leider scheitern viele Therapie-Empfehlungen daran, dass sich Patienten weder die Fahrt zur entsprechenden Einrichtung noch die Behandlung selbst leisten können. Krankenversicherungen gibt es zwar, die Kosten sind aber für die arme Landbevölkerung, die überwiegend von Subsistenzwirtschaft lebt, nicht aufzubringen. Eine staatliche Gesundheitsvorsorge gibt es zumindest für Malaria, HIV, Tuberkulose und Familienplanung.

Erfreulicher waren die Verläufe der drei Kinder, die wir Anfang des Jahres kurz hintereinander aufgrund schwerer Darmverschlüsse operieren mussten, das jüngste von ihnen drei Monate alt. Alle drei kleinen Helden haben ihre schweren Erkrankungen und Operationen ohne Kinder-Anästhesie, ohne Kinder-Intensivstation und ohne zentralen Venenkatheter gemeistert und sind mit ihren Müttern inzwischen wieder in ihre Heimatdörfer zurückgekehrt.

Was hatte ich mir eigentlich vorgestellt, als ich vor vier Monaten aus Deutschland aufbrach, um eine fremde Sprache zu lernen und in eine fremde Kultur einzutauchen und um zunächst mal für ein Jahr Menschen zu helfen, die nicht mit Bildung und Wohlstand gesegnet sind wie wir in unserer Kultur? Durch eine zweijährige Vorbereitung in Wochenendseminaren war ich mit der Kultur und Denkweise der Menschen nicht unvorbereitet konfrontiert worden. Was mich hier allerdings an einem breiten Spektrum der Medizin erwartete, die mit einfachsten Mitteln qualifiziert umgesetzt wird, auch wenn so oft an die Grenzen der Möglichkeiten stößt, damit hatte ich nicht gerechnet.

Der Vortrag im Schulzentrum Heemsen beginnt am Mittwoch, 21. März, um 19 Uhr.

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Erstellt:
10. März 2018, 21:00 Uhr
Lesedauer:
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