Landkreis 03.06.2017 Von Manon Garms

Pilotprojekt: Paarberatung bei häuslicher Gewalt

Angebot richtet sich an Betroffene, die sich nicht von ihrem Partner trennen wollen

Häusliche Gewalt ist ein Thema, über das niemand gern spricht – schon gar nicht die Betroffenen selbst. Doch indem sie sich anderen anvertrauen, öffnen sie sich der Möglichkeit, an ihrer Situation etwas zu verändern. Im Landkreis Nienburg gibt es jetzt ein Pilotprojekt, das sich nicht nur an die Opfer, sondern auch an die Täter richtet: Renate Bunke von der [DATENBANK=698]Beratungs- und Interventionsstelle bei häuslicher Gewalt „BISS“[/DATENBANK] und Johannes Wohlfahrt vom sozialpsychiatrischen Dienst des Gesundheitsamtes bieten Paarberatung bei häuslicher Gewalt an. „Das Angebot richtet sich an Frauen, die sagen, dass sie sich nicht von ihrem Partner trennen möchten, sondern wollen, dass die Gewalt aufhört“, erläutert Bunke. Die Sozialpädagogin betont allerdings, dass Männer ebenfalls Opfer häuslicher Gewalt sind – wenn auch die Zahl der Frauen deutlich überwiegt.

Die Paarberatung – die nicht mit einer Eheberatung zu verwechseln ist – wird vom Verein Nienburger Frauenhaus zunächst bis März 2018 finanziell untersützt. Wer das Angebot in Anspruch nimmt, bekommt je ein Einzelgespräch, dann folgen vier gemeinsame Sitzungen, für die jeweils fünf Euro zu zahlen sind. Vor dem Hintergrund, dass die Frauen eben nicht allein zur Beratung kommen sollen, war es den Verantwortlichen wichtig, dass die Beratung mit einer Frau und einem Mann besetzt ist.

„Männer sehen häufig die Notwendigkeit für eine solche Unterstützung nicht, und nehmen sie erst dann in Anspruch, wenn die Frau sich trennen will“, weiß Wohlfahrt aus seiner beruflichen Erfahrung. Die Paarberatung funktioniere aber natürlich nur, wenn beide dazu bereit seien. „Wenn einer nicht will, ist die Basis einfach nicht gegeben“, sagt Bunke. Eine solche Basis ist auch dann nicht mehr gegeben, wenn es im Laufe der Beratung erneut zu häuslicher Gewalt kommt. „Dann besteht die Möglichkeit, die Betroffenen einzeln weiter zu beraten, aber eben nicht in unserem Projekt, was sich ja ausdrücklich an Paare wendet“, sagt Bunke.

Ihr und ihrem Kollegen ist bewusst, dass sowohl Opfer als auch Täter eine Hemmschwelle überwinden müssen, bevor sie sich bei ihnen melden. Sowohl Bunke als auch Wohlfahrt sichern den Betroffenen aber Schweigepflicht zu.

Im Laufe der Sitzungen soll gemeinsam ausgelotet werden, wie die Beziehung weitergehen kann. „Das Problem bei Einzelberatungen ist oft, dass derjenige das Erarbeitete dann nur sehr schwer in den eigenen vier Wänden umsetzen kann und dort wieder in die gewohnten Alltagsmuster fällt“, sagt Wohlfahrt. Bei der Paarberatung sei das anders, denn dort sollen die Alltagsmuster so modifiziert werden, dass ein weiteres Zusammenleben möglich ist – ohne Gewalt. „Natürlich kann es aber auch möglich sein, dass das Paar erkennt, dass es keine Gemeinsamkeiten gibt“, so Wohlfahrt.

Sollte das Paar Kinder haben, kommt die Beratung auch denen zugute. „Oft sind ja auch die Kinder von häuslicher Gewalt betroffen“, sagt Bunke. Teilnehmen sollen die Kinder an der Beratung allerdings nicht: „Es ist keine Familientherapie, sondern wirklich nur für Paare“, so die Sozialpädagogin. Auch eine Therapie für den Mann oder die Frau bietet die Beratung nicht. „Wenn wir erkennen, dass jemand psychische Probleme hat, verweisen wir ihn an einen Therapeuten“, sagt Wohlfahrt.

Ihm ist wichtig zu betonen, dass häusliche Gewalt nichtnur körperliche, sondern auch psychische Gewalt umfasst. „Dazu gehören zum Beispiel Verbote, sich mit Freunden zu treffen oder allein einkaufen zu gehen. Es geht um Kontrolle und unsichtbare Fesseln, durch die der Betroffene seine Freiheit verliert“, erklärt Wohlfahrt. Diese Art der Gewalt sei schlecht zu beweisen, gehe aber von den Verletzungen her sehr tief, weil sie das Selbstwertgefühl stark beeinträchtige.

Wer Interesse an der Paarberatung bei häuslicher Gewalt hat, kann sich unter der Telefonnummer (0 50 21) 9 22 92 17 mit [DATENBANK=697]Renate Bunke[/DATENBANK] und Johannes Wohlfahrt in Verbindung setzen. Per E-Mail sind die Berater unter paarberatung.nienburg@web.de zu erreichen. Die Sprechzeit ist freitags von 12 bis 13 Uhr.

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Erstellt:
3. Juni 2017, 21:00 Uhr
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