Sabine Lüers-Grulke DH

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Kommentar der Woche 27.09.2019 Von Sabine Lüers-Grulke

Placebos für die Leute auf dem Land

Politik, Mediziner und die Kassenärztliche Vereinigung sind sich nach wie vor nicht einig, wie man vorgehen will

Eine junge, angehende Medizinerin hat am Mittwochnachmittag auf der zweiten Gesundheitkonferenz der Gesundheitsregion Diepholz-Nienburg gesagt, wir hätten „soviele Ärzte wie noch nie“ und bräuchten nicht noch mehr Studienplätze. Was ist das? Elitäres Denken oder jetzt schon Angst um spätere Pfründe, die womöglich schrumpfen könnten? Fakt ist, dass viele Medizinstudenten nach Abschluss nicht am Patienten arbeiten, sondern lieber in die Forschung, die Medien oder die Pharmaindustrie gehen. Fakt ist auch, dass man selbst mit einem Einser-Abitur kaum einen der – de facto weniger gewordenen – Studienplätze erhält.

Zugleich hat die Politik dafür gesorgt, dass Studienplätze nicht mehr nach Wartezeit vergeben werden, sondern statt für 20 Prozent der Bewerber inzwischen für 30 Prozent ausschließlich nach Abi-Note – Pech für diejenigen, die unbedingt Arzt werden und dafür sogar lange Wartezeiten in Kauf nehmen wollten.

Fakt ist zudem: Selbst wenn es bald mehr Studienplätze geben sollte, werden erst in etwa elf bis zwölf Jahren dann auch mehr Ärzte zur Verfügung stehen. Doch die Zeit drängt. „Wenn solche Ärzte wegbrechen wie ein ‚Prof. Brinkmann‘ aus der ‚Schwarzwaldklinik‘, die rund um die Uhr arbeiten, dann sind sie nicht eins zu eins zu ersetzen“, hat Cord Bockhop, Landrat aus dem Nachbarlandkreis Diepholz, gesagt und gemahnt: „Wir brauchen mehr Studenten.“

Darüber täuscht auch die von der Gesundheitsregion geplante neue „Ersthilfe-App“ nicht hinweg. Die soll in einem guten Jahr an den Start gehen. Doch Freiwillige und Ehrenamtliche können den Facharzt nicht ersetzen; das sind wohl eher Placebos für die Leute auf dem platten Land.

Beim Thema Ärztemangel auf dem Land schieben sich die Betroffenen bislang den Schwarzen Peter hin und her. Die Kassenärztliche Vereiniung (KVN) sagt, sie könne keine Mediziner zwangsweise irgendwo hinschicken. Medizinische Versorungszentren mit angestellten Ärzten betreiben oder gar bauen will sie am liebsten auch nicht; das sollen die Kommunen machen. Die fühlen sich aber, wenn überhaupt, eher dafür verantwortlich, „für gute Rahmenbedingungen zu sorgen“, so formulierte es Nienburgs Landrat Detlev Kohlmeier.

Die sind tatsächlich wichtig. Die angehenden Mediziner hatten in der bundesweiten Umfrage nämlich nicht nur gesagt, dass „niemand mehr in der eigenen Praxis auf dem Land arbeiten will“, sondern sich auch gewünscht, neben einer Anstellung im Team mit festen Arbeitszeiten auch einen attraktiven Ort und ein lebenswertes Umfeld, um sich niederzulassen.

Zwingend notwendig wird deshalb sein, den öffentichen Personennahverkehr so zu gestalten, dass kranke und nicht mobile Patienten damit zu einem der noch verbliebenen Landärzte gelangen können – und möglichst auch noch vor dem Mittag wieder zurück, ohne auf den vollen (Schul-)Bus angewiesen zu sein. „Wir werden älter und können nicht alle noch mit 80 ins Auto steigen“, sagt Gesundheitsministerin Dr. Carola Reimann. Deshalb müssten alle an einen Tisch: Kommunen, KVN, die Bus- und die Taxiunternehmen.

Der angenehme Nebeneffekt eines verbesserten ÖPNV bestünde darin, dass es vielleicht manchem Arzt leichter fallen würde, sich mit dem Landleben anzufreunden. Denn dann müsste er oder sie nicht davon ausgehen, dass man selbst – und die eigene Familie – von allem abgeschnitten und nach wie vor aufs eigene Auto angewiesen wäre. „Im Moment bleibt nur Nienburg selbst“, verriet im Anschluss an die Gesundheitskonferenz ein Arzt, der sich vor einiger Zeit im Landkreis niedergelassen hat. Wenn die Ehefrau ebenfalls arbeitet (und nicht, wie früher vielfach üblich, dem Landarzt lediglich den Rücken freihält), und wenn eventuell noch Kinder da sind, die nicht nur zur Schule, sondern auch nachmittags zu Aktivitäten oder Freunden hinkommen müssen – ja, dann reichen niemandem die wenigen Busverbindungen, die es momentan auf den Dörfern außerhalb Nienburgs gibt.

Was meinen Sie? Die Autorin erreichen Sie unter sg@dieharke.de.

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Erstellt:
27. September 2019, 18:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 54sec

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