Detlev Kummer mit Feldpostbriefen aus den Jahren 1914 und 1915. Foto: Museum Nienburg

Detlev Kummer mit Feldpostbriefen aus den Jahren 1914 und 1915. Foto: Museum Nienburg

Nienburg 02.03.2021 Von Die Harke

Post von der Front nach Haus

Detlev Kummer transkribiert Feldpostbriefe aus dem Ersten Weltkrieg für das Museum

Auch wenn das Museum noch immer geschlossen ist, so geht die Arbeit hinter den Kulissen natürlich weiter. Vor allem Arbeiten an der Erschließung der Sammlung stehen derzeit besonders im Fokus. Zu diesem Arbeitsbereich gehört auch die Briefsammlung von Ernst Walter.

Vor einiger Zeit übergab Cord Fehsenfeld einen großen Stapel Feldpostbriefe aus dem Ersten Weltkrieg an das Museum Nienburg. Die Briefe schrieb der Großvater von Cord Fehsenfeld, Ernst Walter aus Lohe, dem heutigen Marklohe, an seine Frau Hetti. Gemeinsam mit einem Foto, dem Soldbuch und weiteren Unterlagen ergeben die Briefe ein umfangreiches Konvolut eines Zeitzeugen des Krieges.

Der ehrenamtliche Mitarbeiter des Museums, Detlev Kummer, hat sich erneut mit großer Freude der Aufarbeitung dieses Sammlungsbestandes und vor allem der Transkription der Briefe gewidmet. Stunde um Stunde hat er die rund 200 Briefe gesichtet, sie in das Kriegsgeschehen eingeordnet und die Texte mit Anmerkungen versehen.

Detlev Kummer berührte das Schicksal von Ernst Walter nicht nur aus Sicht des Wissenschaftlers. Es stellte sich schnell heraus, dass Walter sehr eng mit dem Großvater von Detlev Kummer, Otto Rabe, befreundet war. Immer wieder wird Otto Rabe in den Briefen erwähnt, beide waren in der gleichen Einheit und teilten sich oft eine Stube. Für Kummer waren die Briefe also bei allem historischen Interesse auch noch eine kleine Reise in die eigene Familiengeschichte – welch ein Zufall.

Ernst Walter war nicht direkt an der Front eingesetzt, sondern er war als gelernter Schneider in den Schneiderstuben und in einer Verteilerstelle für Munition hinter der Front tätig. Von 1914 bis 1918 war er an verschiedenen Orten in Frankreich und Flandern stationiert und beschreibt vor allem zu Beginn seiner Einsatzzeit die Schrecken des Krieges.

Er kam durch zerstörte Dörfer, beschreibt, wie das Granatenfeuer schon morgens seine Einheit begrüßte und erwähnte den Blick auf Schützengräben, die voller Leichen sind. Auch der Dreck und der Schlamm der unbefestigten Wege und Straßen sind immer wieder Thema seiner Schilderungen. In den Briefen sind ansonsten oft Beschreibungen der Verpflegung und die Empfangsbestätigungen von Gaben der Familie an ihn enthalten.

Man weiß aber aus dem Soldbuch, dass Ernst Walter auch die Schlachten an der Somme und bei Ypern mitgemacht hat; sie stehen in seinem Soldbuch, so Detlev Kummer. Wenn er auch nicht direkt am Frontgeschehen beteiligt war, so muss er doch die vielen Verletzten und Toten gesehen haben. Davon schreibt er jedoch nur wenig, und seine Berichte klingen immer merkwürdig distanziert.

Die fehlenden, ausführlichen Beschreibungen der Kriegsgeschehnisse sind allerdings typisch für die Feldpostbriefe dieser Zeit. Den Daheimgebliebenen wurde in Zeitungsaufrufen eingeschärft, nicht von Trauer oder Unsicherheit zu berichten, um den Mut der Soldaten nicht sinken zu lassen. Bis 1916 mussten die Soldaten ihre Post offen bei den Vorgesetzten abgeben, die nach Belieben zensierten. 1916 ordnete die Oberste Heeresleitung an, dass offizielle Prüfstellen geschaffen werden sollten. Von da an wurde die Feldpost systematisch zensiert, um über die Stimmung an der Front informiert zu sein.

Für den Sammlungsbestand des Museums bedeutet die Arbeit von Detlev Kummer eine große Bereicherung. Die Arbeitsstunden und die Sorgfalt, die er in die Transkriptionen stecke, könne man kaum in einen Geldwert übersetzen, so Museumsleiterin Dr. Kristina Nowak-Klimscha.

In der Regel bekomme das Museum noch eine historische Bewertung und weitere Erklärungen zum Kontext des Schriftstückes dazu. Umso glücklicher ist man im Haus, dass Detlev Kummer seine Zeit in das Museum investiert. Beide drücken sich so aus: „Es ist eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten!“

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Erstellt:
2. März 2021, 16:51 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 49sec

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