Die SPD-Kreistagsfraktion informierte sich bei Martin Guse über die unrühmliche Geschichte der Pulverfabrik Liebenau Foto: SPD

Die SPD-Kreistagsfraktion informierte sich bei Martin Guse über die unrühmliche Geschichte der Pulverfabrik Liebenau Foto: SPD

Liebenau 17.10.2020 Von Die Harke

Pulver für Hitlers Kriegsmaschinerie

SPD-Kreistagsfraktion besuchte Pulverfabrik Liebenau und informierte sich über Gedenk- und Bildungsstätte

Es ist ein düsteres Kapitel der deutschen Geschichte – die Pulverfabrik Liebenau. Auf dem rund zwölf Quadratkilometer umfassenden Gelände begann die Firma Wolf & Co.

1938 mit der Planung des Werks für die Pulverfabrikation. Bis 1945 wurden hier in über 400 Gebäuden insgesamt 41.000 Tonnen Pulver für Hitlers Kriegsmaschinerie produziert.

Die SPD-Kreistagsfraktion traf sich jetzt zum Ortstermin mit dem Geschäftsführer der Dokumentationsstelle Pulverfabrik Liebenau, Martin Guse. Guse führte über Teile des Geländes und informierte über die Planungen für die künftige Gedenk- und Bildungsstätte in der ehemaligen Hauptschule Liebenau.

Diese Arbeit wird von der SPD-Fraktion unterstützt. „Es ist wichtig, dass wir immer wieder daran erinnern, dass auch hier im Landkreis Menschen geschunden wurden, um Kriegsmaschinerie herzustellen“, erläuterte die stellvertretende Fraktionsvorsitzende Anja Altmann.

Unfassbar und beklemmend sind die Geschichten über die Menschen in der Liebenauer NS-Kriegsproduktion. Mehr als 80 Prozent waren im Jahr 1944 Fremd- und Zwangsarbeiter/innen aus verschiedenen europäischen Nationen. Aus Meldekarteien sind über 11.000 ausländische Frauen, Männer und Kinder dokumentiert.

Besonders die sowjetischen Kriegsgefangenen, Häftlinge des sogenannten Arbeitserziehungslagers und osteuropäische Zwangsarbeiter/innen litten unter miserablen Umständen, geringen Verpflegungsrationen, schlecht beheizten Baracken. Über 2.000 Menschen starben an Mangelkrankheiten, Hunger, Misshandlungen aber auch bei Hinrichtungen, durch Erschießen oder durch den Strang.

1999 begannen mit der Gründung des Vereins Dokumentationsstelle Liebenau historische Recherchen zur NS-Zwangsarbeit, 2002 entstand unter der Leitung von Guse eine interne Jugend-Arbeitsgemeinschaft, aus der sich der international und integrativ ausgerichtete Jugendaustausch entwickelt hat.

Aber es geht um mehr als geschichtliche Hintergründe. „Grenzen überwinden – Freundschaften aufbauen“: Über das Jugendprojekt wuchs seit 2004 die internationale Jugendarbeit der Dokumentationsstelle auf.

Aus Besuchen ehemaliger Zwangsarbeiter/innen – Zeitzeugen – entstanden Patenschaften zu verschiedenen Schulen und freien Jugendgruppen, man besuchte sich zur Projektarbeit in Liebenau und in den Ländern der Partnerorganisationen: Israel, den Niederlanden, Polen und ganz besonders der Ukraine.

Das Geschichtsprojekt wurde zur Begegnungsarbeit, zur Friedensarbeit. Über intensive Recherchen durch die vorhandenen Meldekarteikarten gelingt es immer wieder, „den Toten ihren Namen zurückzugeben“, wie Martin Guse es formuliert. So wurden die anonymen Grabstellen der Zwangsarbeiter auf dem Hesterberg identifiziert, Hinterbliebene erfuhren nach vielen Jahrzehnten über das Schicksal ihrer Familienangehörigen in der Pulverfabrik Liebenau.

Gegenseitige Verständigung und gemeinsames internationales Lernen zeichnen diese inzwischen zahlreichen Begegnungen aus, die mit der geplanten Gedenk- und Bildungsstätte weiteren Aufschwung erhalten werden.

Denn in der ehemaligen Hauptschule Liebenau findet die Dokumentationsstelle ab Januar 2021 nun ein festes Zuhause. Das Gebäude wird dem Verein von der Kommune kostenfrei überlassen. Aus Mitteln der Stiftung niedersächsischer Gedenkstätten, der Kommune Liebenau, des Landkreises Nienburg und regionaler Stiftungen sollen die Räumlichkeiten großzügigen Platz für Vereins- und Bildungsarbeit bieten.

„So können die Geschichte und die Dokumente der NS-Zwangsarbeit in der Pulverfabrik angemessener präsentiert und einer größeren Öffentlichkeit als bisher zugänglich gemacht werden“, so Martin Guse im Gespräch mit den Politikern.

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Erstellt:
17. Oktober 2020, 14:36 Uhr
Lesedauer:
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