Nienburg 07.09.2019 Von Andreas Wetzel

Religionswissenschaftlerin sagt in Sexualprozess aus

Angeklagter Nienburger ist Jeside und betont, dass er keinen Sexualkontakt zu Andersgläubigen haben dürfe

Vor dem Schöffengericht Nienburg wurde ein Prozess erneut aufgenommen, der bereits im Mai 2018 zur Verhandlung anstand, seinerzeit aber wegen der Einholung eines Gutachtens unterbrochen wurde. Ein 53-jähriger Nienburger ist wegen Vergewaltigung angeklagt. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Angeklagten vor, am 4. Oktober 2016 in den Abendstunden eine Bekannte sexuell bedrängt zu haben, um mit ihr den Geschlechtsverkehr auszuführen. Im Verlauf des ersten Prozesses war der Tatort nicht genau bestimmt worden, konnte allerdings durch Beschreibungen auf den Parkplatz an der B6 zwischen Asendorf und Heiligenfelde in der Gemarkung Berxen bestimmt werden. Der Angeklagte hatte die Frau im Oktober 2015 kennengelernt.

Es entwickelte sich eine freundschaftliche Beziehung, man traf sich des Öfteren und unternahm unter anderem auch Shoppingtouren nach Hannover, so auch am Tattage. Auch hatte der Angeklagte die Bekannte, für die er große Zuneigung empfand, finanziell unterstützt. So habe er im Laufe der Zeit über 10.000 Euro zukommen lassen.

Am Tattag seien die beiden von Hannover nach Syke, dem Wohnort der Frau, unterwegs gewesen. Auf dem Parkplatz kam es dann zum Stopp, weil der Frau schlecht geworden sei, so der Angeklagte. Er gab an, dass seine Bekannte angefangen habe, sexuelle Handlungen an ihm vorzunehmen. Seinen Ausführungen zufolge wollte die Bekannte unbedingt Geschlechtsverkehr, während er dies aufgrund seines Glaubens, er ist Jeside, ablehnte.

Darüber sei die Bekannte sauer gewesen und aus dem Auto ausgestiegen. Der Angeklagte holte sie zurück, da sie kaum bekleidet war und er kein Aufsehen erregen wollte. Er stieß sie über die hintere Tür, eine Schiebetür, zurück ins Fahrzeug, was zu Verletzungen an den Armen führte und dabei auch den Kopf zwischen Kopfstütze und Seitenwand des Fahrzeuges auf der Beifahrerseite festklemmte. Schließlich brachte er sie nach Hause.

In der Vernehmung vor Gericht gab der Angeklagte an, sein Glaube verbiete es ihm, Kontakte zu Andersgläubigen zu haben, da dies den Ausschluss aus seiner Glaubensgemeinschaft zur Folge hätte. Zu dieser Frage wurde eine Religionswissenschaftlerin der Freien Universität Berlin gehört. Sie gab an, dass die Glaubenslehren des jesidischen Glaubens nur mündlich überliefert sind. Es gebe keine „heilige Schrift“.

In diesen mündlichen Überlieferungen sei festgelegt, dass jegliche sexuellen Kontakte zu anderen Glaubensgemeinschaften verboten seien und den Ausschluss aus der Glaubensgemeinschaft zur Folge hätten. Allerdings schränkte die Wissenschaftlerin diese Verfahrensweise insofern ein, als dies bei Männern durchaus anders beurteilt würde als bei Frauen. Männer hätten hier durchaus mehr Möglichkeiten und könnten mit einem „blaue Auge“ davonkommen. Der Prozess wird Mitte September fortgesetzt.

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Erstellt:
7. September 2019, 14:08 Uhr
Lesedauer:
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