Die Titelanwärter (von links): Robin Frijns, René Rast und Nico Müller.  Foto: Audi Media

Die Titelanwärter (von links): Robin Frijns, René Rast und Nico Müller. Foto: Audi Media

Hockenheim 06.11.2020 Von Die Harke

René Rast ist der Gejagte

Motorsport: Vor dem Finale in Hockenheim führt der Steyerberger die Gesamtwertung an

Schon vor dem Finale auf dem Hockenheimring an diesem Wochenende steht fest, dass der DTM-Champion 2020 einen Audi fährt. Der Steyerberger René Rast sowie der Schweizer Nico Müller und der Holländer Robin Frijns machen den letzten Meistertitel in der Class-1-Ära der populären Rennserie unter sich aus, wenn Samstag und Sonntag jeweils ab 13.30 Uhr die Startlichter ausgehen. Im Interview sprechen die drei Titelanwärter über ihre Ziele und die Zukunft der Rennserie.

Mit welcher Einstellung gehen Sie in das DTM-Finale in Hockenheim?
René Rast: Ich bin es ja die letzten drei Jahre fast schon gewohnt, in der DTM um den Titel zu fahren – 2017 und 2018 ging es auch jeweils in den letzten Rennen in Hockenheim um den Meisterpokal. Von daher bin ich eigentlich ganz entspannt. Ich muss diesen dritten Titel nicht mit aller Gewalt einfahren. Wenn er kommt, dann ist es mega, dann freue ich mich irre. Aber es ist jetzt nicht so, dass ich sage: Den brauche ich unbedingt und ohne den geht’s nicht. Ich gucke, was da passiert.
Nico Müller: Volle Attacke! Wir starten das erste Mal in dieser Saison in der Verfolgerrolle in ein Wochenende. Sonst waren wir immer die Gejagten. Klar würde ich lieber mit einem Vorsprung zum Finale reisen. Aber ich glaube, es hat auch etwas Positives. Es gibt nur eine Richtung. Man kann voll angreifen und einfach alles geben, um das Ding noch einmal umzudrehen. Das wird nicht einfach, aber wir haben noch eine sehr gute Chance. Zwei starken Leistungen, wie wir sie sechs der acht DTM-Wochenenden abliefern konnten, werden uns sicherlich noch einmal in die Lage bringen, René stark unter Druck zu setzen. Und bei einem Finale kann alles passieren.
Robin Frijns: Ich habe nichts zu verlieren. Der dritte Platz in der Meisterschaft ist mir schon sicher. Also gehe ich „all-in“ und schaue, was passiert.

René Rast möchte auch am Finalwochenende jubeln und die Maske mit der Nummer eins tragen.  Foto: Audi Media

René Rast möchte auch am Finalwochenende jubeln und die Maske mit der Nummer eins tragen. Foto: Audi Media

Ist der DTM-Titel 2020 besonders wertvoll, weil es keinerlei Unterstützung von Markenkollegen gab?

Rast: Jeder DTM-Titel ist wertvoll. Auch 2017 hatte ich keinerlei Unterstützung. Deshalb hätte der Titel für mich die gleiche Wertigkeit wie damals.
Müller: Ein Titel ist ein Titel, egal, in welcher Saison er zustande kam. Dieses Jahr war es ein extrem harter Dreikampf über die ganze Saison. Jeder von uns dreien hätte den Titel verdient. Wir haben alle hart gekämpft und von niemanden etwas geschenkt bekommen. Ich glaube, wir würden dem Titel alle drei einen hohen Stellenwert einräumen.
Frijns: Der DTM-Titel hat für mich nicht mehr oder weniger Wert als vor drei Jahren. Es ist immer etwas Besonderes, um eine Meisterschaft zu kämpfen. Ich war in diesem Jahr von Anfang an einer der Titelkandidaten. Man arbeitet das ganze Jahr hart für einen Meistertitel.

Was würde Ihnen der Titel bedeuten?

Rast: Ich wäre damit der einzige Audi-Fahrer, der drei Titel hat und zu den besten drei DTM-Fahrern der Geschichte gehören. Er würde mir auch viel bedeuten, weil es der letzte Titel im Class-1-Reglement ist – und auch, weil es in diesem Jahr für mich eine echte Achterbahnfahrt war.
Müller: Der Titel würde mir extrem viel bedeuten. Seitdem ich als kleiner Junge in Hockenheim auf der Tribüne saß und das DTM-Finale mitverfolgt habe, diese Action und diese Emotionen miterleben durfte, war für mich mir klar, dass ich das einmal selbst erreichen möchte: in der DTM zu starten, aber auch den Titel zu gewinnen.
Frijns: Einen Meistertitel zu gewinnen, ist immer schön – egal ob in der DTM oder einer anderen Rennserie. Ein Titel bringt dir Respekt vom Hersteller und von anderen in der Rennwelt.

Wie schlimm wäre es, wenn es mit dem Titel nicht klappt?

Rast: Nicht schlimm. Vor Zolder haben wir ja gar nicht mehr damit gerechnet. Bis dahin hatten wir einen großen Abstand und waren das ganze Jahr immer ein bisschen im Hintertreffen.
Müller: Solche Gedanken macht man sich im Moment nicht. Man fokussiert sich nur auf das große Ziel. Ich hoffe, ich muss darauf keine Antwort geben.
Frijns: Du hast es in der DTM nicht alleine in der Hand. Es kann so viel passieren, wie zuletzt bei mir in Zolder. Dort habe ich sehr viele Punkte verloren und deshalb nur noch minimale Chancen.

Was waren die entscheidenden Momente in der Saison 2020?

Rast: Da können wir direkt beim ersten Rennwochenende in Spa anfangen. Im ersten Rennen bin ich Fünfter geworden. Das zweite habe ich gewonnen, durch einen blöden Fehler wurde mir der Sieg aber wieder aberkannt. Das hat zu dem Punkteabstand zwischen Nico und mir geführt, den ich das ganze Jahr mit mir herumgeschleppt habe. Der nächste entscheidende Moment war natürlich Zolder. Die beiden Zolder-Wochenenden haben das Blatt noch einmal umgedreht.
Müller: Der alles entscheidende Moment folgt erst – noch ist gar nichts entschieden. Am Ende zählt nur, wer ganz zum Schluss oben steht.
Frijns: Ganz sicher die beiden Zolder-Wochenenden. Da hatten wir zwei schlechte Rennen, zweimal null Punkte. Die anderen Titelkandidaten haben weiter gepunktet.

René Rast wird in Hockenheim ein letztes Mal in seinem Audi Sport RS 5 DTM mit der Startnummer 33 Platz nehmen.  Foto: Audi Media

René Rast wird in Hockenheim ein letztes Mal in seinem Audi Sport RS 5 DTM mit der Startnummer 33 Platz nehmen. Foto: Audi Media

Hat Sie überrascht, dass Sie drei so viel stärker waren als alle anderen?

Rast: Ein bisschen hat mich das schon überrascht. Ich habe nicht damit gerechnet, dass es zwischen uns dreien das ganze Jahr so eng hergeht. Nicos und Robins Team Abt war dieses Jahr generell sehr, sehr stark. In den Trainings und Qualifyings waren deren beide Autos immer bei der Musik – bis auf Zolder. Bei den „Äbten“ hat es mit den hohen Temperaturen sehr gut funktioniert, wir mussten da etwas Federn lassen. In Zolder war es genau andersherum: Uns kamen dort die kalten Temperaturen entgegen.
Müller: Es war definitiv von A bis Z ein Dreikampf zwischen René, Robin und mir. Wir haben uns teamintern von Anfang an extrem gepusht, auch schon bei den Tests. Mir persönlich war klar, dass Robin sehr stark sein würde. Bei René haben sich die Fragezeichen auch in Grenzen gehalten. Nach den Leistungen in den letzten Jahren war klar, dass er derjenige ist, den es zu schlagen gilt. Dass der Abstand zu den Verfolgern so groß war, hat mich ein Stück weit überrascht. Wir bewegen uns in der DTM alle auf einem so hohen Niveau, dass es die Kleinigkeiten sind, die am Ende den Unterschied machen. Frijns: Es war schon etwas überraschend. Wir machen einfach unseren Job. Wir wollen so viele Rennen wie möglich gewinnen.

War es besonders anstrengend, diese Saison in nur 100 Tagen zu absolvieren?

Rast: Klar war es viel komprimierter, aber für jemanden, der schon lange in der DTM ist, der die Abläufe kennt, die Strecken, das Team, war es okay. Natürlich war es anstrengender als sonst, da weniger Zeit zum Vor- und Nachbereiten war. Aber dafür waren die Wochenenden ohne die Fan- und PR-Termine an sich weniger stressig. Was dazu kam, war die Formel E – ich musste mich da ja erst neu einarbeiten. Das war für mich der größte Stressfaktor in diesem Jahr. Nicht nur die sechs Rennen in Berlin, sondern die ganze Vorbereitung.
Müller: Es war eine sehr intensive Zeit, weil wir alle drei neben der DTM noch andere Programme absolvieren durften. Sei es Formel E oder Langstrecke am Nürburgring. Da war kaum ein Wochenende frei, kaum Zeit zum Durchatmen.
Frijns: Für uns Fahrer fand ich es nicht so anstrengend wie für die Mechaniker, die zwischen den Doppel-Veranstaltungen am Nürburgring und in Zolder in nur drei Tagen die Autos komplett neu aufbauen mussten. Das war ziemlich harte Arbeit, vor allem nach meinem Unfall am ersten Zolder-Wochenende, als das Auto durch einen Brand beschädigt wurde. Die Jungs mussten alles geben, um mir wieder ein Auto hinzustellen.

Wie habt ihr die vergangenen Tage vor dem anstehenden Finale verbracht?

Rast: Ich war zu Hause. Wir hatten ja eigentlich vor, die 24 Stunden Spa zu fahren, aber das wurde für uns drei gekippt. Glücklicherweise, denn es gab nach Spa ja positive Corona-Fälle. Ich hatte Besuch von meinen Eltern. Mein Sohn hatte Geburtstag, ich hatte Geburtstag. Von dem her war es ganz entspannt.
Müller: Wir sind alle drei nicht in Spa gefahren, um uns optimal vorzubereiten. Ich war im regen Austausch mit meinem Team und meinem Ingenieur, um aus Zolder die wichtigen Lektionen zu lernen, die uns nur noch stärker machen werden für das Finale. Es sind genau diese Wochenenden, die dich wachsen und stärker werden lassen. Deshalb war es eine sehr wichtige Zeit, die wir in die Zolder-Analyse investieren konnten. Dann lag der Fokus auf der Vorbereitung für Hockenheim. Noch einmal alles durchgehen, was in der Vergangenheit passiert ist, was man auf dem Schirm haben muss für Setup-Entscheidungen.
Frijns: Ich habe einfach ausgespannt. Nach einem schlechten Wochenende wie in Zolder denke ich nicht an Racing. Ich lege mein Telefon weg, halte mich von Social-Media fern und entspanne einfach.

Wird es ein besonderes Gefühl sein, zum letzten Mal ein Rennen mit dem Audi RS 5 DTM zu fahren?

Rast: Ich glaube, noch nicht am Freitag und noch nicht am Samstag. Aber ich denke, am Sonntag wird es ein sehr besonderes Gefühl sein, wenn man das Auto irgendwann abstellt. Wenn man die letzten Runden damit fährt, wird einem das schon sehr bewusst werden. Da werden mit Sicherheit auch zwei Tränen in den Augen dabei sein.
Müller: Es wird sehr speziell sein. Ich glaube, das realisiert man erst, nachdem die Zielflagge im zweiten Rennen gefallen ist. Ein richtig, richtig cooles Auto. Es war ein Privileg, es in der DTM für Audi bewegt haben zu dürfen.
Frinjs: Es ist immer toll, ein DTM-Auto zu fahren. Das Auto ist gut in der Balance und hatte in den letzten beiden Jahren mit den Turbomotoren viel Power. Es ist für alle sehr schade, dass es das letzte Rennen für diese Autos sein wird.

Könnt ihr euch eine Zukunft in der GT3-DTM vorstellen?

Rast: Ja, durchaus. Man muss jetzt natürlich abwarten, ob es Überschneidungen mit der Formel E gibt. Aber ich kann mir das generell schon vorstellen, auch wenn die DTM nicht mehr das Gleiche sein wird: Die GT3-Autos sind langsamer, haben ABS, Traktionskontrolle. Es gibt keinen stehenden Start mehr und sicherlich auch einige Fahrer, die sonst nicht in die DTM gekommen wären. Da wird sich vieles verändern. Das muss man abwarten.
Müller: Die DTM mit ihrem neuen technischen Reglement ist sicherlich auch für mich auf dem Radar. Ich bin nach wie vor ein großer DTM-Fan. Ich glaube auch, dass man mit dem neuen technischen Reglement den Fans, Teams und Fahrern weiter Rennsport auf höchstem Niveau bieten kann.
Frijns: Ich bin noch jung und möchte das, was ich mache, weiter tun – und auch definitiv in einer GT3-DTM. Mal schauen, ob ich nächstes Jahr dabei bin.

Was war – abseits der DTM – für euch das wichtigste Ereignis des Jahres?

Rast: Das Wichtigste ist, dass wir alle gesund sind. Dass man die Coronazeit bisher ohne Probleme überstanden hat, war sicher das Wichtigste in diesem Jahr. Abgesehen davon natürlich mein Einstieg in die Formel E mit Audi.
Müller: Die Geburt unsers Sohnes Fynn am 24. August dieses Jahres. Ein Moment, der einen als Mensch natürlich extrem prägt. Ich bin superdankbar, eine gesunde, so tolle kleine Familie zu haben. Das macht das Heimkommen nach den Rennen noch schöner. Ich freue mich schon darauf, dem Kleinen vom Finale hoffentlich noch einmal zwei schöne große Pokale mit nach Hause bringen zu dürfen.
Frijns: Das wäre vielleicht das 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring gewesen, das ich aber leider wegen Krankheit verpasst habe. Die sechs Finalrennen der Formel E in Berlin waren auch ziemlich anstrengend für alle. So etwas gab es noch nie zuvor.

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Erstellt:
6. November 2020, 16:45 Uhr
Lesedauer:
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