Annette Kowalewski legt ihren Rollstuhl im behindertengerechten Auto zusammen und das Behinderten Verladesystem zieht ihn in das Auto und fährt nach ihrem beruflichen Feierabend nach Hause. Achtermann

Annette Kowalewski legt ihren Rollstuhl im behindertengerechten Auto zusammen und das Behinderten Verladesystem zieht ihn in das Auto und fährt nach ihrem beruflichen Feierabend nach Hause. Achtermann

Hoya 18.11.2017 Von Horst Achtermann

„Sagen was ist mit viel Sensibilität“

Annette Kowalewski bringt sich im Arbeitskreis „Inklusion“ der Samtgemeinde Grafschaft Hoya ein

Seit Ende 2015 ist der freiwillige Arbeitskreis (AK) „Inklusion“ mit unterschiedlichen Arbeitsfeldern im Sozialausschuss der Samtgemeinde Grafschaft Hoya integriert. „Ein Kern von sieben Personen“, sagt [DATENBANK=768]Ursula Priggen-de Riese[/DATENBANK], Gleichstellungsbeauftragte in der Samtgemeinde mit Sitz im Eystruper Rathaus. In der jüngsten Sitzung berichtete der AK über eine Begehung hinsichtlich „Barrierefreiheit“ in Hoya im September. Annette Kowalewski (51) ist Diplom-Pädagogin und arbeitet im Jugendzentrum Chilly in Eystrup in der offenen Jugendarbeit. Aufgrund „Multipler Sklerose“ (MS) an den Rollstuhl gebunden, hat sie für sich entschieden im Arbeitskreis „Inklusion“ mitzuarbeiten: „Ich habe das Gefühl aus meiner Situation vieles besser beurteilen zu können und damit Behinderten zu helfen“.

Seit kurzem hat sie ein Auto, behindertengerecht ausgebaut mit Handgas und Verladesystem. „Ein langer langer Kampf mit den zuständigen Organen“. Im Gespräch mit der HARKE am Sonntag zeigt sie, wie es geht. Mit dem Rollstuhl an der Autotür, seitlich auf dem Fahrersitz, baut sie behände den Rollstuhl zusammen, der dann vom ausgefahrenen Verladesystem in den hinteren Teil des Autos gezogen wird.

Annette Kowalewski hat mit der Studienrichtung Sonderpädagogik schon Behinderte in betreutem Wohnen betreut. Sie hat viel Wissen über Menschen mit Behinderung.

„Ein Abbau von Barrieren nicht nur auf den Straßen, sondern beginnt auch im Kopf“, sagt sie. „Das müssen wir lernen“.

Behinderten Toiletten in Hoya sind ein Thema, mit dem sich Annette Kowalewski befasst. Auf dem Guder-Parkplatz ist eine öffentliche. Haltegriffe seien sehr niedrig, die Zufahrt sei gut, aber die Türen gingen schwer auf, erklärt sie. Dann die Öffnungszeiten: Nach 18.30 Uhr gehe nichts mehr.

Claudia Wübbeling brachte in der Ausschusssitzung den „EU-Schlüssel“ ins Gespräch. Aber was nutzt der Schlüssel, wenn nicht das passende Schloss eingebaut ist? Der Arbeitskreis ist für jeden Hinweis dankbar, wie es besser geht. Sehr freundlich sei der Marktleiter bei Famila gewesen. Er sei dankbar für Verbesserungsvorschläge. „Ich gehe auf die Menschen zu und sage, dass zum Beispiel das Toilettenpapier nicht nahe genug ist oder die Griffe in der Höhe angeglichen werden müssten“, sagt Annette Kowalewski.

Inklusion heißt übersetzt Zugehörigkeit

Und noch etwas: Die Straßenübergänge sollten glatte Flächen haben und keine Pflasterungen. „Kleiner Hinweis: Bei Regenrinnen drehe ich und fahre rückwärts, da die Räder hinten bekanntlich größer sind.“ Diesen Tipp gibt Annette Kowalewski. „Da bleiben sogar Leute mit Rollatoren oder Gehhilfen hängen“, weiß Frauke Gieße-Claus, die an der Oberschule als Sozialarbeiterin tätig ist und ihre Erfahrung im AK einbringt. „Wir wollen nicht meckern, sondern nur hinweisen wie es funktionieren kann“, sagt sie.

In den Läden sei das Personal hilfreich. „Mit unserer Sensibilität sollten wir das auch wahrnehmen“, sagt Annette Kowalewski. Der Filmhof sei vorbildlich mit einer Rampe, in vielen Läden funktioniere es aber nicht so. So wurde auch klar, dass viele Geschäfte und Lokale keine Behinderten-Toilette haben. Im Rathaus ist eine, die aber nicht an Samstagen und Sonntagen nutzbar ist?

Inklusion heiße übersetzt Zugehörigkeit, das Gegenteil sei Ausgrenzung, sagt Jörg Panzer. Wenn jeder Mensch überall dabei sein kann, in der Schule, im Kindergarten, bei der Arbeit oder auf den Straßen im Verkehr, dann sei das gelungene Inklusion.

Wünschenswert sei es für Annette Kowalewski, Mutter zweier erwachsenen Kinder, zwischen Famila und Guder-Parkplatz eine weitere Behinderten-Toilette einzurichten. „Wir müssen lernen ‚Inklusion‘ weiterzudenken und ‚Inklusion‘ zu handeln“, sagt Annette Kowalewski, die ihr ganzes Wissen als Behinderte aus eigenen Erfahrungen in dem AK einbringen will. Der Arbeitskreis Inklusion mit Ursula Priggen-de Riese freut sich darüber.

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Erstellt:
18. November 2017, 21:00 Uhr
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