Soll gegen Spanien sein A-Länderspiel-Debüt geben: Robin Gosens. Foto: Christian Charisius/dpa

Soll gegen Spanien sein A-Länderspiel-Debüt geben: Robin Gosens. Foto: Christian Charisius/dpa

Stuttgart 02.09.2020 Von Deutsche Presse-Agentur

Sané und Süle zurück in DFB-Startelf - Debüt für Gosens

Joachim Löw sieht angesichts der weltweiten Corona-Pandemie „im Moment sicher noch Wichtigeres“. Aber der Länderspiel-Neustart nach 289 Tagen Zwangspause ist für den Bundestrainer und sein erfolgshungriges Team natürlich ein besonderer Anreiz.

„Die Spieler sind mit viel Motivation und Aufmerksamkeit bei der Sache“, erklärte Löw vor der zweiten Nations-League-Auflage gleich mit dem Klassiker gegen Ex-Weltmeister Spanien.

Schon mit dem Anpfiff am Donnerstag (20.45 Uhr/ZDF) haben Trainer und Nationalspieler die in den Sommer 2021 verschobene EM im Blick. „Übergeordnet ist das Turnier im nächsten Jahr, jetzt müssen wir die ersten Schritte machen“, forderte Löw in Stuttgart sofort EM-Gier.

Auch Interimskapitän Toni Kroos, der außer dem kontinentalen Titel schon alles gewonnen hat und der alles für den EM-Erfolg tun will, richtete die Aufmerksamkeit gleich auf das kommende Jahr: „Das ist das Hauptziel.“ Und der Weltmeister von 2014 schloss an: „Jedes Spiel kann wichtig sein Richtung Europameisterschaft.“

Bei Löw schlagen zum Start seiner 15. Saison als Bundestrainer noch „zwei Herzen in einer Brust“, wie der Weltmeister-Coach selbst einräumte. Auf der einen Seite kehrt sein Team endlich in den Wettkampfmodus zurück. Andererseits erlebt Löw in seiner 182. Partie als DFB-Chefcoach eine ungeliebte Premiere. „Als Trainer hatte ich noch nie ein Spiel ohne Zuschauer“, sagte der 60-Jährige. Der Start der Nations League geht in ganz Europa mit Geisterspielen über die Bühne. „Trotzdem bin ich hoch motiviert“, betonte Löw.

Für seine Mannschaft ist es gefühlt mindestens der dritte Neustart nach der völlig misslungenen WM mit dem Vorrunden-Aus in Russland 2018. Zunächst versuchte es der Bundestrainer noch mit dem verdienten Weltmeister-Personal um Thomas Müller und Mats Hummels, dann schickte er über Nacht die jungen Wilden um Serge Gnabry auf den Platz. Und jetzt nach der längsten Länderspiel-Unterbrechung seit 50 Jahren peilt Deutschland mit neuen Gesichtern wie Robin Gosens sowie den Rückkehrern Leroy Sané und Niklas Süle den vierten EM-Titel an.

Die Münchner Sané im Angriff und Süle als Chef einer Dreier-Abwehrkette sind nach ausgeheilten Kreuzbandrissen gleich wieder erste Wahl. Gosens von Atalanta Bergamo besetzt die Position auf der defensiven linken Außenbahn. Der 26-Jährige habe es sich nach einer gute Saison „verdient, die Chance zu bekommen“, sagte Löw am Mittwoch. Auf der rechten Seite wird Thilo Kehrer, der mit Paris Saint-Germain beim Finalturnier der Champions League erst im Finale am FC Bayern gescheitert war, zum Einsatz kommen.

Dass Löw auf wichtige Teamsäulen wie die Champions-League-Sieger Manuel Neuer, Joshua Kimmich, Gnabry und Leon Goretzka vom FC Bayern sowie Marcel Halstenberg und Lukas Klostermann vom Königsklassen-Halbfinalisten RB Leipzig verzichtet, passt in Sachen Belastungssteuerung in seinen EM-Plan.

Der Umbruch ist ohnehin schon vollzogen: Im aktuellen Kader stehen neun Confed-Cup-Sieger von 2017, aber nur noch drei Weltmeister von 2014 (Kroos, Julian Draxler, Matthias Ginter). Nun geht es darum, Abläufe und Automatismen einzuschleifen. Um die neuen Strukturen zu festigen, sind Tests wie gegen Spanien und am Sonntag in der Schweiz als Wettkampfspiele für Löw besonders wichtig. „Die Nations League ist ein sehr guter Wettbewerb, die Mannschaften sind auf sehr hohem Niveau. Das macht diese Spiele wertvoll, das ist gut für die Entwicklung unserer Mannschaft“, betonte der Bundestrainer.

„Wir haben jetzt eine sehr junge Mannschaft“, sagte Timo Werner, der nach seinem Wechsel beim FC Chelsea weiter zu einem Top-Stürmer reifen will. Der Ex-Leipziger erläuterte den möglichen Vorteil: Viele Spieler würden sich bereits aus Jugendmannschaften oder ehemaligen Clubs kennen, das sei gut für das Teamgefüge.

„Natürlich freue ich mich immer wieder, dass wir die junge Mannschaft haben, die jetzt Zeit braucht, die Spiele braucht, die Einsätze braucht, dass wir die testen können, einsetzen können“, bemerkte Oliver Bierhoff. Der Nationalmannschafts-Direktor weiß allerdings auch um die Einflüsse der anhaltenden Corona-Pandemie und den dadurch noch komprimierteren Terminkalender.

„Es ist anstrengend, gerade jetzt in den schwierigen Zeiten, wo die Menschen andere Sorgen haben“, bemerkte Bierhoff. Löw hat in der Corona-Pause lange über die Einordnung des Profifußballs nachgedacht. Auch weil er in seinem Freundeskreis selbst erlebte, was Covid-19 anrichten kann. So stieß auch die Entscheidung der europäischen Fußball-Union UEFA, dass zum Länderspiel-Neubeginn nach fast zehn Monaten Pause in allen Stadien des Kontinents ohne Zuschauer gespielt wird, durchaus auf Verständnis im DFB-Zirkel. „Es ist nicht nur für die Fans sehr schwer“, sagte Werner. „Aber in der Lage ist es für alle Beteiligten besser, wenn man einen gewissen Abstand einhält.“

Die Sehnsucht nach der Rückkehr von Zuschauern ins Stadion ist dennoch groß. „Wir vermissen die Fans unglaublich. Es fehlt was, es fühlt sich nicht richtig an“, sagte Bayern-Verteidiger Süle. Der Deutsche Fußball-Bund hatte eigentlich vor, zumindest 500 Zuschauer in die Mercedes-Benz-Arena zu lassen.

Das letzte Spiel vor der Corona-Pause hatte Deutschland am 19. November des Vorjahres in der EM-Qualifikation gegen Nordirland absolviert. Beim 6:1-Sieg in Frankfurt waren 42 855 Fans dabei. Alle für 2020 angesetzten Länderspiele fielen bisher aus, die EM wurde auf den Sommer 2021 verschoben. „So eine Situation hat es noch nie gegeben“, erklärte der Bundestrainer zu weiterhin besonderen Lage.

© dpa-infocom, dpa:200902-99-406165/4

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Erstellt:
2. September 2020, 18:44 Uhr
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