Faire Jobs für die Näherinnen in Nicaragua: Dafür sammelt „Brot für die Welt“ in den Weihnachts- und Jahreswechselgottesdiensten. Foto: Katrin Desmarowitz

Faire Jobs für die Näherinnen in Nicaragua: Dafür sammelt „Brot für die Welt“ in den Weihnachts- und Jahreswechselgottesdiensten. Foto: Katrin Desmarowitz

Stolzenau/Loccum 22.12.2019 Von Die Harke

Schuften in der Fabrik von Montag bis Samstag

„Brot für die Welt“ im Kirchenkreis Stolzenau-Loccum sammelt an Weihnachten und Silvester für die Textilarbeiterinnen in Nicaragua

Am 1. Adventssonntag ist die 61. Aktion „Brot für die Welt“ angelaufen. An Heiligabend und Silvester wird in allen evangelischen Gottesdiensten die Kollekte für die große Hilfsaktion gesammelt.

Als Beispiel für die breit gefächerte weltweite Arbeit hat der Kirchenkreis Stolzenau-Loccum mit seinen 15 Gemeinden ein Projekt in Nicaragua ausgewählt. Dabei geht es um Rechtsschutz für ausgebeutete und entwürdigte Textilarbeiterinnen. DIE HARKE am Sonntag stellt das Projekt ein bisschen ausführlicher vor.

Einmal nicht ein klassisches Beispiel wie Brunnenbau, sauberes Trinkwasser, Saatgut, angepasste Landwirtschaft oder medizinische Versorgung, sondern ein Beispiel aus einem Arbeitsfeld, das immer wichtiger wird: Rechtsschutz und Rechtsberatung für Menschen, deren Rechte von den politisch und wirtschaftlich Mächtigen mit Füßen getreten werden.

Eine von ihnen, Sandra Ramos, macht die gängige Entrechtung aus eigener Erfahrung in den Textilfabriken von Nicaraguas Freihandelszone – den sogenannten maquilas = „Fallen“– in einem Interview deutlich.

Frau Ramos, manche sagen, die Textilfabriken oder maquilas in Nicaraguas Freihandelszonen sind ein Segen, weil sie jungen Menschen Jobs bieten. Was sagen Sie?

Mag sein, dass die Textilfabriken einigen sehr jungen Frauen die Chance bieten, Geld zu verdienen. Aber zu welchem Preis? Nach zehn, zwanzig Jahren an den Nähmaschinen sind diese Frauen kaputt und krank. Was dann? Ab 35 bekommst du in Nicaragua keinen Job mehr.

Wer zehn, zwanzig Jahre nur Kragen zugeschnitten oder Knöpfe angenäht hat, findet danach definitiv keine andere Arbeit mehr. Einmal drin, nie mehr raus – eine maquila ist wie eine Falle. Ein ewiges Elend. Selbst wer einen höheren Schulabschluss vorweisen kann, entkommt den Freihandelszonen oft nicht: Die wenigsten schaffen es, nebenbei zu studieren oder etwas anderes zu lernen.

Wann auch, sie schuften ja meist von Montag bis Samstag in der Fabrik. Schlimm ist, dass auch Hochschulabgänger in den Fabriken verheizt werden, weil sie keinen anderen Job finden. Nein, die maquilas sind definitiv kein Segen. Sie bedeuten Ausbeutung und verlorenes Potenzial.

Haben die Arbeiterinnen keine Alternativen zu den Textilfabriken?

Kaum. 60 Prozent der Beschäftigten in den Textilfabriken sind Frauen, viele davon alleinerziehend. Alternativen zu den Freihandelszonen gibt es für sie kaum. Vier von fünf dieser Frauen haben gerade mal die Grundschule abgeschlossen.

Sie sind besonders verletzlich und haben große Angst, ihre Arbeit zu verlieren. Eine Option ist für sie höchstens der informelle Sektor. Hier arbeiten zwei von drei Menschen in Nicaragua, etwa als Haushaltskräfte, Straßenverkäuferinnen oder Erntehelferinnen. Oder sie migrieren nach Costa Rica. Oder in die USA.

Kein Wunder: Mit einer Industrie, die – Stichwort Freihandelszonen – keine Steuern zahlt, kann sich Nicaragua nicht entwickeln. Das Geld bleibt ja nicht im Land. Auch deswegen sind und bleiben 42 Prozent unserer Bevölkerung arm, jeder Siebte lebt sogar in extremer Armut.

Die Modefirmen in Europa und USA beteuern, darauf zu achten, dass bei ihren Zulieferern Arbeits- und Menschenrechte eingehalten werden. Hat die Ausbeutung in den Textilfabriken in den zurückliegenden zehn, zwanzig Jahren nicht abgenommen?

Nein. Die Arbeiterinnen und Arbeiter werden heute vielleicht nicht mehr geschlagen. Aber sie bleiben die Verlierer. Das Problem ist, dass viele der ganz Jungen gar nicht erkennen, dass sie unterdrückt werden und ihnen Gewalt angetan wird. Teils, weil sie es von zuhause nicht anders kennen. Teils auch, weil sie glauben, selbst schuld zu sein, wenn der Vorarbeiter sie zusammenbrüllt oder unter Druck setzt.

„Du willst nicht arbeiten? Draußen warten 500 andere, die deinen Job wollen!“ – dieser Satz fällt immer wieder. Wer den Missbrauch nicht erkennt, kann ihn auch nicht anzeigen. Das schönt die Statistik. Darum ist unsere Arbeit so wichtig. Wir versuchen, bei den jungen Arbeiterinnen und Arbeitern in den Freihandelszonen dieses schlafende Bewusstsein zu wecken.

Wir geben ihnen das Werkzeug an die Hand, den Missbrauch zu erkennen und ihre Rechte einzufordern. Dadurch können sie selbst einen Wandel herbeiführen. Wir schulen und ermächtigen sie und lehren sie Zivilcourage. Und zeigen ihnen: Ihr seid nicht allein.

Wer und was erschwert die Arbeit von MEC?

Unsere Arbeit erschweren transnationale Konzerne, die in Nicaragua bestehende Arbeitsschutzgesetze missachten und damit gute Geschäfte machen. Genauso wie Modemarken aus dem Ausland, die zu unseren Fabrikbesitzern sagen: „Wenn ihr nicht mit dem Preis runtergeht oder mit der Stückzahl nach oben, dann sind wir weg.“

Unsere Arbeit erschweren aber auch Ehemänner und Väter, die es nicht gerne sehen, dass ihre Frauen und Töchter stark und selbstbewusst sind – der Machismo ist leider Teil unserer Gesellschaft. Und eine Regierung, die vielleicht das Recht auf Arbeit erfüllt, aber nicht die Rechte der Arbeiter. Da spielt die Regierung das gleiche Spiel wie die Unternehmen – eine perverse Allianz.

Wir haben einen Staat, der die unabhängigen Gewerkschaften schwächt und andauernd die Rechte seiner Bürgerinnen und Bürger hinterfragt. Die Polizei geht in Nicaragua immer gewalttätiger gegen Demonstranten vor, setzt Tränengas ein und verhaftet die Leute.

Auch deswegen ist unsere Präsenz wichtig, sie schützt die Frauen. Der Druck, den die Regierung auf MEC ausübt, ist enorm. Die Gefahr, dass sie unsere Organisation verbietet, schwebt dauernd über uns.

Wie überwindet MEC diese Hindernisse?

Durch Qualität und Professionalität. Wenn wir auf Demos gehen oder diese organisieren, sind wir gut vorbereitet. Das gilt auch für unsere rechtlichen Einsprüche und Beschwerden vor Gericht, die unsere Juristen für Arbeiterinnen und Arbeiter einbringen. Nahezu alle lösen wir außergerichtlich durch Mediation zugunsten der Arbeiterinnen.

An die Medien gehen wir erst dann mit einem Fall, wenn er gut recherchiert und juristisch wasserdicht ist. Wir sind auch gut vorbereitet, wenn wir öffentlich Forderungen stellen: Unsere Studien erarbeiten wir gemeinsam mit Universitäten.

Die Ergebnisse und Forderungen der Studien kann die Regierung nicht einfach vom Tisch wischen. Und uns ergo auch nicht so leicht denunzieren.

Was können die Auftraggeber in Europa – die Modehäuser – und die Käufer der Kleidung ändern?

Ich sehe eine große Verantwortung bei den Modemarken. Sie müssen endlich aufhören, die Preise zu drücken. Eine Rolle spielen aber auch die Käuferinnen und Käufer, die die Kleidung aus unseren Textilfabriken tragen. Sie müssen wissen, unter welchen Bedingungen diese hergestellt wird.

Die Hilfsorganisation „Brot für die Welt“ hat der Frauenbewegung MEC 100.000 Euro Unterstützung zugesagt. Die Kollekten über Weihnachten und Spenden sollen diese Mittel refinanzieren.

Hier mögliche Spendenkonten von Brot für die Welt: Kirchenamt Wunstorf, IBAN: DE 84 2565 0106 0018 1077 71, BIC: NOLADE21NIB mit dem Vermerk „Brot für die Welt“ oder direkt an Brot für die Welt: KD Bank, IBAN: DE 10 1006 1006 0500 5005 00.

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Erstellt:
22. Dezember 2019, 11:03 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 23sec

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