Die Ausstellung "Oh, eine Dummel" ist vermutlich der Grund dafür, dass die Neonazis in Nienburg aufmarschiert sind. Hagebölling

Die Ausstellung "Oh, eine Dummel" ist vermutlich der Grund dafür, dass die Neonazis in Nienburg aufmarschiert sind. Hagebölling

Nienburg 26.11.2016 Von Edda Hagebölling

„Schweigen bedeutet Zustimmung“

Nach dem Nazi-Aufmarsch vom vergangenen Wochenende: Zwei, drei Fragen an WABE-Sprecher Rudi Klemm

Von etwa 300 Polizeibeamten abgeschirmt und von der Öffentlichkeit weitestgehend unbemerkt, „spazierten“ am vergangenen Sonnabend rund 40 Mitglieder des als rechtsradikal eingestuften „[DATENBANK=506]Freundeskreises Thüringen-Niedersachsen[/DATENBANK]“ vom [DATENBANK=141]Nienburger Bahnhof[/DATENBANK] bis zum [DATENBANK=777]Quaet-Faslem-Haus[/DATENBANK] und wieder zurück. Anlass war die Ausstellung „Oh, eine Dummel – Rechtsextremismus und Menschenfeindlichkeit in Karikatur und Satire“, die zurzeit im Nienburger Rathaus zu sehen ist.

Als Antwort auf den Nazi-Aufmarsch hatten das „[DATENBANK=147]Weser-Aller-Bündnis – Engagiert für Demokratie & Zivilcourage (WABE)[/DATENBANK]“ um Rudi Klemm und der „Runde Tisch gegen Rassismus und rechte Gewalt“ zu einem Aktionstag aufgerufen. Zusätzlich hatte die „[DATENBANK=779]Antifa[/DATENBANK]“ eine Demo gegen den „Freundeskreis“ angemeldet. In der Einschätzung des Tages gibt es naturgemäß unterschiedliche Bewertungen. Die Harke am Sonntag bat [DATENBANK=504]Rudi Klemm[/DATENBANK] um die Beantwortung von zwei, drei Fragen.

HamS: Herr Klemm, „Nienburg - kein Ort für Neonazis!“ Denken Sie, dass es am vergangenen Sonnabend gelungen ist, diese Botschaft zu vermitteln?

Rudi Klemm: Aus meiner Sicht ist es gelungen das Motto „Vielfalt statt Einfalt - Nienburg kein Ort für Neonazis“ zu vermitteln, weil vielfältige Aktionen im Stadtgebiet dieses Motto transportiert haben. Darüber hinaus konnte verhindert werden, dass die Neonazis durch die Lange Straße, in der Innenstadt und vor dem Rathaus demonstrieren konnten. Sie konnten ihre Hetzparolen nicht an der Moschee, am Rathaus oder einer Flüchtlingsunterkunft absetzen. Das Motto „Vielfalt statt Einfalt - Nienburg kein Ort für Neonazis“ steht für eine zukunftsfähige Region. Dies ist insbesondere auch in der Botschaft von Landrat Detlev Kohlmeier zum Ausdruck gekommen.

Rund 100 Gesichter aus dem öffentlichen Leben bei der Auftaktveranstaltung und rund 20 örtliche Gruppen an den Aktionsständen in der Innenstadt, aber kaum interessierte Öffentlichkeit, oder?

Es haben 150 Aktive am Ernst-Thoms-Platz und weitere 100 an den fünf weiteren Stationen im Rahmen der von mir angemeldeten Veranstaltung demonstriert. Diese fanden während des Wochenmarktes gute Resonanz. Besonders positive Rückmeldungen erhielten wir zu dem 56 großformatig auf Bannern gedruckten Karikaturen gegen Rechtsextremismus und Menschenfeindlichkeit im öffentlichen Raum und auch an der Demonstrationsstrecke der Neonazis. Einige Anwohner haben sich auch welche bei uns abgeholt und aus dem Fenster gehängt.

Diese „Weser-Site-Galerie“ war eine völlig neue Form der Reaktion auf Neonazis, die aus unserer Sicht mehr Beachtung verdient hätte. Es sind ca. 250 Leute im Rahmen der von mir angemeldeten Veranstaltung auf die Straße gegangen. Es haben sich mehr als 20 Organisationen am Aktionstag beteiligt und Gesicht gezeigt.

Rund 200 vermummte, teilweise wüste Parolen grölende sogenannte Antifaschisten am Vormittag und am Nachmittag etwa 50 pöbelnde Autonome, die alles daran setzten, die Polizei zu provozieren. Denken Sie, dass eine Ausweitung der rechten Szene so verhindert werden kann?

Zeitgleich zu unserer Auftaktkundgebung fand nach den Rückmeldungen, die ich erhalten habe, eine kämpferische aber friedliche Antifa-Demo mit ca. 250 Teilenhmer*innen statt. Diese war ca. um 12 Uhr beendet. Etliche Nienburger Bürger, die sich friedlich an der Demonstration beteiligt haben, sahen sich durch manche öffentliche Darstellung als „gewaltbereite Antifaschisten“ diffamiert. Bei mir persönlich haben sich mehrere Eltern gemeldet, die sich aufgrund des Auftretens der Polizei Sorgen um ihre Kinder machten, die sich vorgenommen hatten, die Neonazis nicht an ihrer Schule vorbeilaufen zu lassen und dies durch eine Sitzblockade erreichen wollten.

Anwohner des Nordertortriftsweg zeigten sich erfreut, dass sie aufgrund einer erfolgreichen Antifa-Sitzblockade von den Neonazis verschont geblieben sind.

Ein größeres Forum konnte man dem Häufchen ebenfalls vermummter und pöbelnder sogenannter Neonazis nicht bieten, oder?

In der Nachbereitung des Tages wurde bedauert, dass es nicht gelungen sei, die Nazis ganz aus der Stadt fernzuhalten. Kritische Fragen werden mit verschiedenen Akteuren im direkten Gespräch diskutiert. Einigkeit bestand darin, dass rechtsextreme Aufmärsche auch in Zukunft nicht schweigend hingenommen werden können, weil dies als Zustimmung gewertet wird. Das haben die Erfahrungen z. B. in Bad Nenndorf gezeigt. Schweigen führt zum Erstarken von extrem rechten Szenen. Die Gefährlichkeit des Freundeskreis Thüringen / Niedersachsen und die Notwendigkeit, dem etwas entgegenzusetzen, muss noch deutlicher vermittelt werden.

Dazu sollen zunächst die Internationalen Wochen gegen Rassismus im März 2017 genutzt werden und eine Kampagne erarbeitet werden, mit der Nienburg als bunte und vielfältige Stadt präsentiert wird nach dem Motto „Heimatkunden sind bunt und viefältig“. Es ist schon sehr lange her, dass so viel Menschen in Nienburg gegen Nazis auf die Straße gegangen sind. Gleichzeitig stellt sich der Runde Tisch gegen Rassismus und rechte Gewalt bereits jetzt darauf ein, dass die Nazis bald wieder nach Nienburg kommen. Dann soll es neue kreative Aktionen geben.

Eine der Ideen ist der Spendenlauf rechts gegen rechts, bei dem die Nazis bei jedem Meter ihrer Demoroute weitere Spendengelder für die Flüchtlingshilfe freigeben. Solche Aktionen lassen sich aber nur unter Beteiligung einer breiten Öffentlichkeit realisieren.

Gleichwohl ist das vorrangige Ziel, den Nazis in Nienburg keinen Raum zu geben. So hätten einige volksverhetzende Parolen der Nazis am Samstag unter Umständen schon Anlass für die Auflösung der Versammlung bieten können.

In diesem Sinne gibt es einen breiten Konsens „Vielfalt statt Einfalt - Nienburg kein Ort für Neonazis!“

WABE-Sprecher Rudi Klemm. WABE

WABE-Sprecher Rudi Klemm. WABE

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Erstellt:
26. November 2016, 21:00 Uhr
Lesedauer:
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