Katja Keul mit Familie Ali.

Katja Keul mit Familie Ali.

11.01.2015

Seit 2011 auf der Flucht

Familie Ali wartet seit der Anhörung am 19. November auf eine Entscheidung

Marklohe. Die syrische Familie Ali mit vier Kindern, Kamel (16), Bader (14), Nawal (13) und Aya (7) erhielt an ihrem neue Wohnort in Marklohe kürzlich Besuch von der Bundestagsabgeordneten Katja Keul, die ebenfalls in Marklohe wohnt und die Flüchtlinge willkommen hieß. Das Gespräch dolmetschte Karim Iraki, Integrationsmentor beim CJD und grünes Stadtratsmitglied in Nienburg. Auf Bitten der beiden Besucher erzählte der Familienvater die Geschichte ihrer Flucht.

Bis 2011 lebte die Familie in Homs, wo Abdelhadi als Zahntechniker in der Praxis seines Vaters arbeitete. Als die ursprünglich friedlichen Demonstrationen in offene Gewalt umschlugen und sich beide Seiten auf offener Straße beschossen, brachte sich die Familie Anfang 2012 in Damaskus in vermeintliche Sicherheit. Die Schulen in Homs hatten bereits wegen der Kämpfe geschlossen, so dass die Kinder seitdem auch keine Schule mehr besuchen konnten.

Als die Luftwaffe dann ihren Zufluchtsort nahe Damaskus bombardierte, flüchtete die Familie Ali zunächst in einen anderen Teil der Stadt. Als auch dort die Bomben fielen, flohen sie in den Libanon. Dort blieb die Familie vier Monate lang während sie von zwei Brüdern aus Ägypten finanziell unterstützt wurden. Während der Bombardierungen wurde die jüngste Tochter Aya schwer am Arm verletzt. Die Narben wird sie zeitlebens behalten.

Nach vier Monaten zogen sie vom Libanon nach Ägypten, wo der Familienvater zumindest auf eigene Rechnung einige Zahnbehandlungen vornehmen konnte und dabei von Haus zu Haus zog, um seine Familie über Wasser zu halten.

Nach dem Sturz von Mursi und dem Verbot der Muslimbrüder wurde es für die Syrer in Ägypten zunehmend schwierig, da ihnen von der Polizei und anderen Akteuren unterstellt wurde, die Muslimbrüder zu unterstützen. Als die Bedrohungen zunahmen fuhr Abdelhadi mit seiner Familie zum Flughafen und wartete solange, bis er ein Flugticket nach Algerien bekam, wo ihm für drei Monate Aufenthalt genehmigt wurde. Nach Ablauf der drei Monate wurde die Genehmigung nicht verlängert und eine Abschiebung nach Syrien angedroht. Ein algerischer Polizist, dessen Zähne Abdelhadi behandelt hatte, warnte ihn, und die Familie konnte rechtzeitig nach Marokko ausreisen. Von dort reisten sie mit gekauften marokkanischen Pässen in die spanische Enklave Melilla und damit in die EU ein. Sie stellten einen Asylantrag.

Fünf Monate dauerte es, bis alle Befragungen und DNA Tests abgeschlossen waren und die Genehmigung aus Madrid zur Weitereise auf das spanische Festland vorlag. Während einem einwöchigen Aufenthalt in Malaga wurde Abdelhadi vom Hilfswerk der UNO für syrische Flüchtlinge befragt, wo er mit seiner Familie hinmöchte. Da seine Brüder bereits in Deutschland waren, erklärte er auch nach Deutschland zu wollen, und man ließ ihn reisen. Als er bei seinem Bruder angekommen war, wurde er von der deutschen Polizei festgenommen.

Er gab an, einen Asylantrag stellen zu wollen und wurde nach Friedland gebracht. Abdelhadi lobt die Verhaltensweise der deutschen Polizei und erinnert sich, dass der Beamte ihn bei dieser Gelegenheit darauf hingewiesen hat, dass er in Spanien hätte bleiben sollen. Nach 23 Tagen wurde die Familie, noch vor der Anhörung, auf die Gemeinde Marklohe verteilt.

Am 19.November hat er bei der Anhörung erklärt gegebenenfalls auch bereit zu sein, nach Spanien zurückzukehren, wenn der Antrag in Deutschland abgelehnt würde.

Inzwischen sind auch die Großeltern in Spanien untergekommen. Mehrere Brüder sind mit ihren Frauen und Kindern seit Monaten in Deutschland ohne abschließende Entscheidung.

Die Alis sind bereit, jede Entscheidung zu akzeptieren, wenn nur endlich eine Entscheidung getroffen würde. Die siebenjährige Aya spricht bereits einige Worte spanisch. Die Eltern sehen derzeit keinen Sinn darin, ihre Kinder in Marklohe einzuschulen, wenn sie ohnehin in Kürze wieder nach Spanien müssen. „ Wenn wir in Deutschland Aufenthaltsrecht bekommen würden wir gerne hier bleiben. Wenn nicht, reisen wir wieder zurück nach Spanien“, so der Vater Abdelhadi.

Abdelhadi zeigt auf seinen 14jährigen Sohn Bader. „Er hat seit der 4.Klasse keine Schule mehr besucht. Jeder weitere Tag ist ein verlorener Tag!“ so der Familienvater.

Für die Betroffenen sei die EU Flüchtlingspolitik ein undurchdringlicher Dschungel- das mache dieser Fall deutlich, so Keul. Es sei einfach nicht verständlich zu machen, wer denn nun wo bleiben dürfe und wer nicht.

Iraki versprach wegen einer Beschleunigung des Verfahrens beim Landkreis vorzusprechen. Sollten die Alis bleiben, gäbe es vielen Menschen vor Ort, die sie bei der Integration unterstützen würden. Andernfalls wünschten Iraki und Keul der Familie alles Gute und endlich eine feste Bleibe. Die Verabschiedung erfolgte in arabisch, deutsch und spanisch. DH

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Erstellt:
11. Januar 2015, 00:00 Uhr
Lesedauer:
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