Freude über die Genesung (von links): Wilfried Stahlhut, Assistenzärztin Charlotte Emily Ramin, Tobias Göckeritz und Chefarzt Dr. Hans-Georg von Wysiecki. Foto: Helios-Kliniken Mittelweser

Freude über die Genesung (von links): Wilfried Stahlhut, Assistenzärztin Charlotte Emily Ramin, Tobias Göckeritz und Chefarzt Dr. Hans-Georg von Wysiecki. Foto: Helios-Kliniken Mittelweser

Nienburg 06.05.2020 Von Die Harke

Sie haben die Superinfektion überlebt

Die Corona-Patienten Tobias Göckeritz und Wilfried Stahlhut wurden auf der Intensivstation der Helios-Kliniken behandelt

Für viele ist es eine Vorstellung des Grauens: Mit COVID-19 unter strengsten Isolationsmaßnahmen im Krankenhaus zu liegen, womöglich noch auf der Intensivstation. Tobias Göckeritz und Wilfried Stahlhut haben es erlebt. Das haben die Helios-Kliniken Mittelweser mitgeteilt.

Tobias Göckeritz und Wilfried Stahlhut seien Männer, die mit beiden Beinen fest im Leben stehen. Göckeritz kommt aus Sonnenborstel, ist 62 Jahre alt und Nienburgs wohl bekanntester Landwirt. Als Vorsitzender des Landvolks Mittelweser steht er mitten im Interesse des öffentlichen Lebens. Stahlhut, 57 Jahre alt, ist beruflich in der Baubranche erfolgreich und kommt aus Münchehagen. Für eine Zeit lang waren sie Nachbarn – in ihren Einzelzimmern auf der COVID-19-Isolationsstation der Helios Klinik in Nienburg. Beide zählen aufgrund von Vorerkrankungen zur sogenannten Risikogruppe und litten auch schon zuhause eine längere Zeit an Symptomen.

Sofortige Isolation

Wilfried Stahlhut erzählt: „Ich war schon zuhause eine längere Zeit krank. Tagsüber ging es mir relativ gut, doch nachts litt ich zunehmend an Luftnot. Über den Hausarzt wurde dann der COVID-19-Test initiiert, der sich als positiv herausstellte. Als sich die Luftnot deutlich verschlimmerte, ging ich mit einer Lungenentzündung direkt ins Krankenhaus. Dort wurde ich sofort isoliert. Allerdings ging es mir nach einigen Tagen so schlecht, dass ich auf die Intensivstation verlegt wurde. Nach sechs Tagen ging es mir besser, so dass ich dann auf die Normalstation zurückverlegt werden konnte.“

Bei Tobias Göckeritz entwickelte sich die Lungenentzündung erst im Krankenhaus: „Ich lag bereits seit sieben Tagen mit hohem Fieber Zuhause, mochte nichts essen und nichts trinken. Aufgrund der Dehydration wurde ich dann ins Krankenhaus eingeliefert. An COVID-19 hatte ich zuvor noch nicht gedacht, doch in der Klinik wurde ich als Verdachtsfall isoliert und routinemäßig einem Test unterzogen. Der war dann positiv.“

Erst nach vier Tagen im Krankenhaus entwickelte sich die für COVID-19 typische Lungenentzündung. „Wenn man schon so lange mit Fieber stramm im Bett liegt, dann kann man nicht sagen, wovon man die Lungenentzündung bekommen hat. Es kann Corona sein, es kann aber auch eine Sekundärinfektion sein, die sich aufsattelt“, so Göckeritz.

Laborwerte sprachen für zusätzliche bakterielle Infektion

Tatsächlich sprachen laut Helios bei beiden Patienten die Laborwerte auch für eine zusätzliche bakterielle Infektion. „Diese sogenannte Superinfektion ist bei einem COVID-19-Verlauf möglich und wird bei einigen Patienten beobachtet“, erläutert Dr. Hans-Georg von Wysiecki, Chefarzt der Pneumologie. Daher erhielten beide Patienten eine Therapie mit Antibiotika. „Das hat auch sehr schnell angeschlagen“, ergänzt Göckeritz. Beide Erkrankte litten durch die Infektion an einem verminderten Sauerstoffgehalt im Blut und wurden daher über eine Nasensonde zusätzlich mit Sauerstoff versorgt.

Doch wie ist es eigentlich, wenn dann derjenige ist, der mit diesem neuartigen Virus plötzlich im Krankenhaus liegt, wenn Ärzte und Schwestern in kompletter Schutzausrüstung ins Zimmer kommen und man vielleicht auch selbst weiß, dass es auch für die Ärzte eine neue Situation ist. Bekommt man es da mit der Angst zu tun? „Nein, Angst hatte ich zu keinem Zeitpunkt“, berichtet Stahlhut. „Die Familie hatte Angst um mich, aber ich überhaupt nicht. Allerdings war ich so schlapp, dass ich keine Kraft zum Telefonieren hatte. Ich hatte dann Textnachrichten über die Spracherkennung an meine Frau geschickt, die zum Teil etwas kryptisch bei ihr ankamen. Das war nicht gerade hilfreich, um ihr die Sorge zu nehmen“, schmunzelt Stahlhut.

Göckeritz sieht das genauso. Angst sei für ihn kein Thema gewesen: „Zum einen hätte mich eine schwere Grippe genauso niederstrecken können. Zum anderen habe ich mich auch gut aufgehoben gefühlt. Herr Dr. von Wysiecki hat mit mir auf Augenhöhe diskutiert und komplett mit offenen Karten gespielt. Wir haben das weitere Vorgehen gemeinsam besprochen, sodass auch ich dahinterstand. Natürlich war mir klar, dass dies auch für ihn, trotz seiner langjährigen Erfahrung, eine neue Situation war. Diese hat er souverän gemeistert“. Der Chefarzt der Pneumologie habe es sich nicht nehmen lassen, die tägliche Visite persönlich durchzuführen, auch am Wochenende. „Dies halte ich schon für einen herausragenden Einsatz“, betont Göckeritz. Auch beim Pflegepersonal habe man im Verhalten keine Unterschiede gemerkt: „Mir tat nur leid, dass sie sich so oft umziehen mussten“, so Stahlhut.

Appell an die Bevölkerung

Eine weitere Gemeinsamkeit der beiden Patienten: Die Appetitlosigkeit. „Ich habe mich tagelang nur von Joghurt ernährt, etwas anderes bekam ich nicht runter“, so Stahlhut. „Erst nachdem ich auf der Intensivstation mit Sauerstoff behandelt wurde, kam der Appetit wieder.“ Göckeritz ergänzt: „Essen mochte ich auch nicht. Und das Krankenhausessen war dann doch nicht attraktiv genug, um mich doch noch dazu zu bewegen“. Beide verloren knapp zehn Kilogramm in der Zeit im Krankenhaus.

Möchten die beiden nach dieser Zeit noch einen Appell an die Bevölkerung richten oder eine besondere Botschaft loswerden? „Ja, mir ist es wichtig, den Menschen die Angst vor dem Coronavirus zu nehmen. Die Panikmache, die herrscht, darf so einfach nicht weitergehen“, betont Stahlhut.

Mir ist es wichtig, den Menschen die Angst vor dem Coronavirus zu nehmen. Die Panikmache, die herrscht, darf so einfach nicht weitergehen.

Wilfried Stahlhut

Auch Göckeritz sieht dies in einem ganz anderen Verhältnis. „Bei uns auf dem Hof leben wir alle eng zusammen und helfen uns gegenseitig bei der Landwirtschaft. Meine komplette Familie wurde auf das Virus getestet, doch positiv nachgewiesen war nur meine Frau, die auch nur leichte Symptome hatte. Mein Schwiegersohn, mit dem ich eng zusammenarbeite, hatte auch leichte Symptome, doch sein Test war negativ, genauso bei meiner Tochter und den Enkelkindern.“ Beide Patienten waren mit über 14 Tagen relativ lange im Krankenhaus. „Dies ist tatsächlich auch häufig zu beobachten bei einer COVID-19-Infektion“, erläutert von Wysiecki. „Wir freuen uns, dass die Patienten ohne Komplikationen gesundet sind.“

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Erstellt:
6. Mai 2020, 18:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 57sec

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