20.04.2014

Sie kam ganz ohne Groll

Mit den Stolpersteinen 25 und 26 kehren die Namen von Martin und Renée Cohn zurück

Nienburg. Wie bereits mehrfach berichtet, wurden in Nienburg am 10. März sieben weitere Stolpersteine verlegt. In loser Folge hat die HamS an die Schicksale, die sich hinter den kleinen quadratischen Steinen mit der Messingplatte verbergen, erinnert. In der heutigen – vorerst letzten – Folge geht es um Martin und Renée Cohn, geb. Ferche. Ihnen sind die Stolpersteine 25 und 26 gewidmet. Martin Bauer, bis vor kurzem Diakon im Kirchenkreis Nienburg, hat über das Ehepaar Cohn folgende Informationen zusammengetragen:

Martin Cohn wurde am 20. Januar 1903 in Nienburg als Sohn von Herz und Frieda Cohn geboren. Sie wohnten in der Lemker Straße 5. Sein Vater war der Viehhändler Herz Cohn. Herz Cohn hatte seine Ländereien für die Viehhaltung an der Weser Richtung neue Fußgängerbrücke.

Von Martin Cohns Kindheit wissen wir nicht viel. Nach seiner Schulzeit in Nienburg lernte er Landwirt. Auch er hatte reichlich Vieh, das er auf den Wiesen an der Weser gegenüber der Stadtseite hielt. Elisabeth Weinberg berichtet in ihrem Tagebuch von Badefreuden an der Weser. „Dort auf der Stadt gegenüberliegenden Weserseite konnten sie herrlich baden, wenn nur nicht die Kühe von Martin Cohn sie verscheuchten“, hieß es dort unter anderem. Martin Cohn heiratete im Jahr 1937 Renée Cohn, geb. Ferche. Sie wohnten im Hause seiner Eltern in der Lemker Straße 5.

Im Oktober 1938 war der Druck auf die Familie wahrscheinlich schon so groß, dass ein Umzug nach Hannover unausweichlich war.

Martin und Renée Cohn zogen am 13. Oktober 1938 nach Hannover in die Lavesstraße 28. Aber auch in Hannover nahm die Verfolgung jüdischer Mitmenschen immer weiter zu, sodass sich beide zu einem Sammeltransport am 15. Dezember 1941 nach Riga einfinden mussten. Drei Jahre verbrachten sie im Rigaer Ghetto, bevor sie von dort Anfang August 1944 in das KZ Stutthof, 37 Kilometer östlich von Danzig gebracht wurden. Am 9. Oktober 1944 kamen beide dort an. Martin Cohn wurde nur vier Tage später weiter ins KZ Buchenwald gebracht. Mit einem Sammeltransport kam er am 16. August 1944 in Buchenwald an. Am 23. März 1945 wurde er dort ermordet. Sein Todesdatum, 8. Mai 1945, auf dem Grabstein auf dem jüdischen Friedhof in Nienburg ist mit dem Kapitulationsdatum angegeben.

Renée Ferche wurde am 27. Januar 1915 in Halle an der Saale geboren. Am 13. Juni 1937 zog sie laut Melderegister der Stadt Nienburg zu ihrem Mann, Martin Cohn, nach Nienburg in die Lemker Straße 5. Dort wohnten sie bis zum Umzug nach Hannover in die Lavesstraße 28 am 13. Oktober 1938.

Aber auch in Hannover nahm die Verfolgung jüdischer Menschen zu, und so musste Reneé Cohn am 15. Dezember 1941 der Aufforderung zur Deportation ins Rigaer Ghetto Folge leisten. Dort lebte sie mit ihrem Mann bis 1944. Im August 1944 wurde das Ghetto geräumt und die Menschen auf verschiedene Konzentrationslager verteilt. Renée und Martin Cohn kamen in das KZ Stutthof, das sie am 9. August 1944 erreichten.

Renée Cohn blieb im Gegenteil zu ihrem Mann in Stutthof und erlebte dort im Mai 1945, sehr geschwächt, die Befreiung.

Sie kehrte nach Nienburg zurück, wo sie bis zum Jahr 1948 lebte. Im weiteren Verlauf des Jahres 1948 wanderte sie nach England aus, wo sie als Hausmädchen arbeitete.

Im Jahr 1957 schließlich zog sie nach New York, wo sie ihren zweiten Mann kennen lernte. In New York hatte sie durch einen Besuch des ehemaligen Stadtdirektors Heinz Intemann Ende der 60-er Jahre Kontakt zur Stadt Nienburg.

Renée Ross, ehemals Cohn, besuchte Nienburg noch einmal im Jahre 1988. Cornelia Kramer begleitete sie vom 9. bis 12. Juli 1989 eine Woche lang. „Es war wohl eine der emotionalsten Wochen in meinem Leben“, so Cornelia Kramer heute. Wie begegne ich Frau Cohn? Mit welchen Gefühlen und Erwartungen kommt sie nach Nienburg? Fragen über Fragen, die sich alle als unnütz herausstellten.

„Renée Cohn kam ganz ohne Groll, war neugierig auf das für sie neue Nienburg und ihre Menschen, aber auch auf die noch vorhandenen Traditionen. Wir waren uns sofort sympathisch und trotz unseres Altersunterschiedes von 40 Jahren auf einer Welle“, so Cornelia Kramer.

„Sie ließ mich eine Woche lang in ihr Leben eintauchen und nahm mich ein Stück ihres tragischen Weges mit. Sehr offen sprach sie über das Erlebte während ihres Aufenthaltes in Nienburg, der uns u.a. auch nach Bergen-Belsen führte. Ich konnte nur versuchen, ihr bei der eigenen Geschichtsbewältigung zur Seite zu stehen“, fuhr Kramer fort.

Durch die Drangsalierungen im Konzentrationslager waren die Bewegung ihrer Arme und Hüften sehr eingeschränkt. Trotzdem war Renée Cohn ein fröhlicher Mensch und bemerkte einmal schelmisch: Die Bärentatzen waren früher besser und die Brötchen knackiger.

Die Dankesworte im städtischen Gästebuch drücken aus, wie wertvoll und unvergesslich diese Woche in Nienburg für sie war.

Bis zu ihrem Tod im Herbst 1992 standen Cornelia Kramer und Renée Ross im Briefkontakt und waren freundschaftlich miteinander verbunden.

„Renée, ich bin sehr dankbar dafür, dass ich dich kennenlernen durfte und stehe hier als Patin deines ‚Stolpersteins‘, der dauerhaft sichtbar machen soll, dass wir deiner gedenken. Auch dein Name ist wieder in die Stadt zurückgekehrt“. Mit diesen Worten legte Cornelia Kramer am 10. März eine weiße Rose auf die Stolpersteine von Martin und Renée Cohn. DH

Zum Artikel

Erstellt:
20. April 2014, 00:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 49sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar verfassen zu können.