Die Angst vor Übergriffen auf Einsatzkräfte geht noch nicht um im Landkreis, obgleich die Stimmung ihnen gegenüber wohl aggressiver wird. Fotolia/Petair

Die Angst vor Übergriffen auf Einsatzkräfte geht noch nicht um im Landkreis, obgleich die Stimmung ihnen gegenüber wohl aggressiver wird. Fotolia/Petair

Landkreis 18.03.2017 Von Nikias Schmidetzki

Signal mit abschreckender Wirkung

Wenig Übergriffe auf Einsatzkräfte im Landkreis / Was Betroffene von Gesetzesverschärfung halten

Ein wichtiges Signal für Einsatzkräfte ist es, da herscht Einigkeit. Ob die vom Bundeskabinett im Februar verabschiedeten härteren Strafen für Gewalt gegen Polizisten, Retter und Feuerwehrleute jedoch Wirkung zeigen, da sind sich potenziell Betroffene aus dem Landkreis Nienburg nicht sicher. Das sind längst nicht nur Polizeibeamte. Auch andere Einsatzkräfte sehen sich immer wieder Anfeindungen gegenüber. Zu körperlichen Übergriffen kommt es allerdings nur sehr selten. Nun ist der Kreis Nienburg zwar auch keine Insel der Seligen, der allgemeinen Entwicklung folgt er aber auch nicht. Landesweit war in den vergangenen Jahren ein Anstieg der Straftaten zu verzeichnen, die sich gezielt gegen Polizeibeamte in Ausübung ihres Dienstes richteten. Die Zahlen der Inspektion Nienburg/Schaumburg für diesen Bereich belegen jedoch, dass die Problematik hier nicht so massiv ist, wie in anderen Gegenden.

Ging der „Widerstand gegen Vollzugsbeamte“ in den vergangenen vier Jahren stetig zurück, hat die einfache Körperverletzung insgesamt zugenommen, war aber zuletzt auch nicht so hoch wie im Vorjahr. Im gesamten Bereich der Polizeiinspektion Nienburg/Schaumburg kam es 2016 zu einer gefährlichen Körperverletzung, und auch Nötigungen und Bedrohungen hatten die Beamten nur in wenigen Fällen zu verzeichnen.

[DATENBANK=2320]Inspektionsleiter Frank Kreykenbohm[/DATENBANK]: „Die negative Entwicklung, die im Land und offenbar auch bundesweit festgestellt wird und mittlerweile zu strafverschärfenden Gesetzen geführt hat, lässt sich hier – zumindest statistisch – noch nicht nachweisen. Gewaltdelikte gegen Polizeibeamte resultieren nicht selten aus größeren Einsatzlagen, die es im Inspektionsbereich im Jahr 2016 allerdings auch nicht gegeben hat.“ Der kleine Zusatz „zumindest statistisch“ ist entscheidend. Denn gefühlt, so bestätigt es Polizeisprecher Axel Bergmann, gebe es sehr wohl eine steigende Aggressivität. Insbesondere bei jungen Menschen scheine der Respekt vor Polizisten „flöten zu gehen“, meint er.

Dabei bekommen es seine Kollegen gar nicht mal mit körperlichen Angriffen zu tun. Viel mehr spürten sie häufig eine negative Grundhaltung. Verschlimmert werde diese Einstellung gerne in Verbindung mit Alkohol und Drogen. Wenn es körperlich werde, dann meist im Falle von Widerstandshandlungen bei Festnahmen.

Es sind aber eben nicht nur Polizisten, die helfen wollen und dabei manchmal in die Opferrolle gedrängt werden. Auch Rettungskräfte leiden zum Teil unter einem solchen Trend, wie es [DATENBANK=2778]Anke Diekmann vom Arbeiter-Samariter-Bund (ASB)[/DATENBANK] beschreibt. Nach Gesprächen mit Geschäftsführung und Rettungskräften beschreibt sie die Situation wie folgt:

„Insgesamt hat die Hemmschwelle abgenommen und der Respekt vor dem Rettungsdienstpersonal ist gesunken. Die Retter erleben insgesamt weniger Anerkennung und es kommt häufiger und viel eher zu verbalen Attacken oder Handlungen wie ‚Anspucken‘ als früher. Körperliche und tätliche Angriffe sind, nach unserem Empfinden, aber nach wie vor selten." [DATENBANK=2339]Geschäftsführer Jens Sewohl[/DATENBANK] ist kein Fall bekannt, in dem Rettungsdienstpersonal aufgrund von tätlichen Angriffen verletzt wurde oder gar aus dem Dienst genommen werden musste: "

Wir denken allerdings, dass diese Einschätzung im Stadt-Land-Vergleich abweicht. Wir verfolgen in diesem Kontext seit vielen Jahren einen anderen Ansatz: Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden regelmäßig zum Thema „Deeskalation und Eigensicherung“ geschult und trainiert, so dass sie für kritische Situationen und Umstände sensibilisiert sind und über Methoden verfügen, um aggressive Übergriffe im Keim zu ersticken oder Eskalationen zu umgehen.“ Ganz aktuell waren in der vergangenen Woche vier Rettungsdienstmitarbeiter im Bildungswerk des Mutterverbandes in Köln, um sich zu dem Thema fortbilden zu lassen.

Noch anders sieht es bei der Feuerwehr aus, deren aktive Mitglieder zwar immer wieder mit dem Unmut Außenstehender aneinandergeraten – etwa, wenn Straßen gesperrt sind. Körperliche Übergriffe sind dem [DATENBANK=752]Stadtpressesprecher Marc Henkel[/DATENBANK] aber nicht bekannt. „Das sind höchstens mal verbale Entgleisungen“, sagt er. Die nähmen aber tatsächlich zu. Als Ausnahme zähle er einen Fall, als er vor Jahren in der Silvesternacht einen Böller an den Kopf geschmissen bekam. Eine Tendenz zu mehr Gewalt beoabachte er nicht.

Die Polizei verfügt mittlerweile seit Jahren über Strategien, mit der Problematik umzugehen und Übergriffe möglichst direkt zu vermeiden. Spezielle Einsatzübungen, Kommunikationskurse und Deeskalationstrainings gehören zum Alltag. Möglichkeiten für Gespräche nach aufreibenden Einsätzen sollen Beamten außerdem helfen. Führungskräfte seien hinsichtlich solcher Erfahrungen geschult, erläutert Polizeisprecher Bergmann. Zudem verfüge die Direktion über eine Beratungsstelle, die rund um die Uhr erreichbar sei und von denen Mitarbeitende im Falle des Falles auch zu den jeweiligen Stationen kämen. Nicht zuleztzt böte eine psychologische Abteilung Hilfe.

Wenn auch härtere Strafen nicht immer das beste Mittel seien, besonders dann, wenn etwa Alkohol oder Drogen im Spiel sind, sieht Bergmann in der Gesetzesverschärfung ein Signal: „Die Botschaft ist wichtig. Die Politik nimmt die Probleme ernst.“ Und so sieht es auch Anke Diekmann vom ASB: „Grundsätzlich begrüßen wir die Gesetzesänderung, die Einsatzkräfte im Ernstfall den Rücken stärkt und möglicherweise an der einen oder anderen Stelle eine abschreckende Wirkung hat.“

Zum Artikel

Erstellt:
18. März 2017, 21:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 26sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar verfassen zu können.