Kunsttherapeuthin Ulrike Reinsch bei der Arbeit. Lebenshilfe

Kunsttherapeuthin Ulrike Reinsch bei der Arbeit. Lebenshilfe

Nienburg 06.04.2017 Von Die Harke

Soziales Leben bleibt eine Herausforderung

Adäquates Verhalten und fremde Gefühlslagen sind für Menschen mit Autismus ein Mysterium

Man sieht Jonas, Neven und Lydia nicht an, dass sie ein Handicap haben. Auch im Gespräch merkt man es zunächst nicht. Und gerade das ist das Problem: Bei den Jugendlichen wurde eine Autismus-Spektrum-Störung diagnostiziert. Sie haben enorme Schwierigkeiten, Gefühlsäußerungen, Aussagen und Verhalten anderer Menschen richtig zu deuten und adäquat zu reagieren. Das irritiert ihr Umfeld. Wie sich eine Autismus-Spektrum-Störung äußert, ist individuell sehr verschieden. „Der frühkindliche Autismus geht in der Regel mit weiteren Behinderungen einher“, sagt Hille Laue, Leiterin der Flexiblen Hilfen bei der Lebenshilfe. „Der Asperger-Autismus ist eine tiefgreifende Entwicklungsstörung. Auf der einen Seite stehen Verlässlichkeit, Ehrlichkeit, Pünktlichkeit, häufig ein ausgeprägtes Interesse, beispielsweise am mathematischen Bereich mit zum Teil auch bemerkenswerten Fähigkeiten, auf der anderen Seite Defizite in der sozialen Interaktion.“

Die Lebenshilfe bietet autismusspezifische Förderung nicht nur den Betroffenen selbst, sondern auch ihren Familien, Kindergärten und Schulen an. „Wir wollen sensibilisieren. Wir haben einen hoch erfahrenen Kollegenstamm, um Kinder, Eltern, Erzieherinnen und Lehrerinnen und Lehrer zu unterstützen.“

Diese Unterstützung ist wichtig, ist [DATENBANK=673]Kunsttherapeutin Ulrike Reinsch[/DATENBANK] überzeugt. Sie bietet bei der Lebenshilfe Hilfe zur angemessenen Schulbildung an und begleitet Neven auch im Unterricht. Der Jugendliche besucht das Gymnasium. Ulrike Reinsch ist dabei quasi eine Art Übersetzerin zwischen dem Denken der Jugendlichen, ihrer Klassenkameraden und der Lehrer: „Asperger-Autisten verstehen keine Ironie“, nennt die Fachfrau ein Beispiel. „Sie können nicht einschätzen, wann ein Scherz angebracht ist und wann nicht. Es ist schon eine Leistung, einen Scherz überhaupt als solchen zu erkennen.“

Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung haben in der Regel keine Freunde – das Miteinander ist einfach zu kompliziert, für beide Seiten. Die Fachleute der Lebenshilfe kennen Fälle, in denen die Autismus-Spektrum-Störung erst spät diagnostiziert und das Kind in der Schule so extrem gemobbt wurde, dass es sich total verweigert. So ist es bei Jonas, Lydia und Neven nicht, doch ein „normales“ Sozialleben mit Gleichaltrigen haben auch sie nicht. Die drei können sich regelmäßig untereinander treffen, weil im Rahmen der Autismus-Beratung dafür ein Gruppenangebot besteht.

Gemeinsam haben die drei ein hoch-komplexes Brettspiel ausgetüftelt, bei dem es um Tiere in einem Zoo, ihre artgerechte Unterbringung und passende Versorgung geht. Im Rahmen des Spiels schlüpfen die Jugendlichen in die Rollen der Tiere – das erleichtert soziale Interaktion, erklärt Ulrike Reinsch: „Den Tieren werden bestimmte Eigenschaften zugeschrieben. Das macht sie berechenbar. In Rollen mit klaren Eigenschaften ist die Interaktion einfacher.“

Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung brauchen klare Regeln und Strukturen. Ulrike Reinsch: „Lydia geht in die 9. Klasse. Die anderen Mädchen unterhalten sich im Unterricht über Nagellack und Makeup. Das kann Lydia nicht verstehen. Man geht doch in die Schule, um zu lernen.“

Pausen mit ihrem Gerenne und Geschreie sind für junge Leute mit Autismus eine enorme Belastung. Ähnlich sieht es mit dem Sportunterricht aus. „Inklusion in der Schule meint nicht, dass jeder alles können muss, dass sich ein Defizit irgendwann auswächst“, sagt Ulrike Reinsch. „Man kann vieles trainieren, aber eine Autismus-Spektrum-Störung, geht nicht irgendwann weg.“

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Erstellt:
6. April 2017, 21:00 Uhr
Lesedauer:
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