18.08.2013

„Sternschnuppe“ macht Frauen Mut

Seit zehn Jahren gibt Selbsthilfegruppe Rat und Hilfe nach sexuellem Missbrauch

Nienburg. Es war ein Kurs im Haus des Nienburger Frauennotrufs, der Ida Brauer* und Bettina Klatt* vor zwölf Jahren zusammengebracht hat. Die beiden Frauen, die ihre richtigen Namen nicht öffentlich machen wollen, hatten in den Jahren zuvor Schlimmstes erleiden müssen. Noch heute steigen ihnen die Tränen in die Augen, immer noch fällt es ihnen schwer, diese Zeit anzusprechen. Reden wollen sie darüber nicht. Nicht mit Außenstehenden. Nur mit jenen, denen sie seit einem Jahrzehnt eng verbunden sind: den Frauen ihrer Selbsthilfegruppe „Sternschnuppe“, Frauen, die wie sie sexuell missbraucht worden sind. Vor 14 Jahren sexuell missbraucht

14 Jahre ist es her, dass Ida Brauer jenes schreckliche Geschehnis erleiden musste. Der Täter kam aus dem Familienkreis. Sechs Jahre lang war Ida Brauer in psychotherapeutischer Behandlung. Die seelischen Schäden, die sie davongetragen hat, wiegen schwer. Nur zu Arztbesuchern verließ sie ihre Wohnung, alles andere war ihr nicht mehr möglich, sie war innerlich erstarrt. Dann erfuhr sie von diesem Kurs. „Er hat mir geholfen, die Außenwelt wieder wahrzunehmen“, sagt sie und meint: „Ich wollte dabeibleiben, ich habe gemerkt, es tut mir gut, es hilft mir.“Das war auch die Überzeugung Bettina Klatts. Mit der letzten Stunde dieses Kurses sollte auch für sie die Hilfestellung für ein neues, wieder lebenswertes Leben nicht zu Ende ein. Mitarbeiterinnen des Frauennotrufs und der Selbsthilfekontaktstelle unterstützten den gemeinsamen Plan zur Gründung einer Selbsthilfegruppe. Und er gelang.

Motiviert von so viel Zuspruch und aktiver Hilfe waren es bald sieben Frauen, die sich einmal in der Woche zusammenfanden, sprachen, zuhörten, trösteten, Strategien zur ganz persönlichen Lebensbewältigung entwickelten. Irgendwann war der Name „Sternschnuppe“ für die Gruppe gefunden. Ein hoffnungsvoller Name, zum einen abgeleitet von Antoine de Saint-Exupérys „Der kleine Prinz“ und dessen positiven Gedanken und Überzeugungen. Ein Mann, anfänglich ebenfalls Teilnehmer, hatte jeder der Frauen dieses kleine Buch geschenkt. Als dann die Gruppe nach einem abendlichen Treffen auch noch Sternschnuppen beobachten konnte und sie mit ihren Wünschen verband, war die eigene „Sternschnuppe“ schnell geboren.

Das Leben wird zum Albtraum

„Wir sind Frauen einer freien Gruppe, die jedoch keine Therapie ersetzt und auch keine therapeutische Anleitung gibt, was viele, die zu uns kommen, erst einmal erwarten“, erzählen Bettina Klatt und Ida Brauer über „Frauen mit sehr viel Verständnis für andere Frauen, die bei uns im geschützten Raum die Möglichkeit haben, über alles zu sprechen.“ Sie kennen die Ängste, die seelische Nöte, die furchtbaren Folgen sexuellen Missbrauchs, die sich wie Barrieren vor die Frauen schieben. Sie verstehen vieles: Wenn man es an manchen Tagen einfach nicht schafft, sich aus dem Haus zu bewegen, den Bus zu benutzen, ins Schwimmbad zu gehen. Selbstverständlichkeiten, die keine Selbstverständlichkeiten mehr sind. Das ganz normale Leben ist zum Albtraum geworden.

Und doch: „Ich muss selbst entscheiden können, wo ich halten will, wo ich aussteige“, erklärt eine junge Frau, für die „Sternschnuppe“ seit einigen Jahren zu Heimat geworden ist. „Was für andere ganz normal ist, sind für uns unheimliche Hürden“, stellt sie klar. Da kann die einfache Frage eines Fremden nach dem Weg, eine zufällige Berührung, Ängste, Aggressionen auslösen.

„Das verändert das Leben, das darf uns aber nicht regieren“, erklärt sie und betont: „Ich bestimme über mein Leben, über meinen Körper.“ Erst mit der Geburt ihres kleinen Sohnes vor wenigen Monaten hat dieses Selbstbewusstsein angefangen zu wachsen, sich zu entwickeln. Ein gutes Gefühl. „Weil ich ihm die Welt zeigen möchte, und dazu darf ich keine Ängste mehr haben“, sagt sie.

Seit es „Sternschnuppe“ gibt, ist auch Annette Hillmann-Hartung dabei. Als Leiterin der Selbsthilfe-Kontaktstelle (KIBIS) im Paritätischen Wohlfahrtsverband Nienburg gibt sie Rat, hilft weiter bei Fragen, bei Unsicherheiten, vermittelt Kontakte. „Die ersten Schritte sind immer die schwersten“, weiß sie.

Das war es auch für Ilona Mahler*, die die Gruppe nach dem ersten Treffen sofort wieder verlassen wollte. Zuviel an Erinnerung, an Verdrängtem war aufgewühlt worden, zu viel an Schmerz kam zurück. Aber – sie blieb dabei. „Heute geht es mir besser, ich fühle ich mich geborgen“, bestätigt sie.

„Sternschnuppe“ ist keine Erste-Hilfe-Gruppe, darauf legen die Frauen Wert. Anderen Mut machen aus der Isolation herauszukommen, ihr Leben zu ändern, wieder anfangen zu leben, das wollen sie, wenn sie sich alle zuverlässig durch den Alltag begleiten. Deshalb sind auch die wöchentlichen Treffen so wichtig: Nur mit dieser Kontinuität kann Vertrauen geschaffen, neues Selbstbewusstsein, seelische Stabilität aufgebaut werden. Frauen ab 20 Jahre will die Gruppe ansprechen „Eine mutige Gruppe, die sich sogar bei den Selbsthilfetagen des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes engagiert“, freut sich Annette Hillmann-Hartung. Anfragen zu „Sternschnuppe“ beantwortet sie im Haus der KIBIS, Von-Philipsborn-Straße 1, auch telefonisch unter (05021) 97 35 25 während der Sprechzeiten dienstags und freitags von 9 bis 12 Uhr sowie donnerstags von 15 bis 17 Uhr.

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Erstellt:
18. August 2013, 00:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 33sec

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