Stubenlaminat wird Tanzparkett

Stubenlaminat wird Tanzparkett

Sarina Schrader und Dennis-Tim Krüger erstellen Tanzclips im Wohnzimmer. Foto: Keßler

Die Saftpackungen sind auf einem kleinen Regal gestapelt – spontan umfunktioniert als Stativ. Darauf steht die Kamera, die die beiden Tänzer filmt. Ungewöhnliche Zeiten benötigen außergewöhnliche Ideen, und deswegen wird bei den Lehrern der Tanzschule Beuss aktuell das Stubenlaminat zum Tanzparkett umfunktioniert. Per Video stehen sie mit ihren „Schülern“ in Kontakt und zeigen Drehungen, Schritte und erklären Bewegungsfolgen. Auch während der Coronakrise muss es ja irgendwie weitergehen.

Als die Virusthematik die Schlagzeilen in den Medien übernahm, hielt die Tanzschule zunächst an den Unterrichtsstunden fest, schließlich bestehen viele Kurse aus Kleingruppen. Als sich die Lage jedoch zuspitzte, Sportstätten und Schulen geschlossen wurden, entschied man sich in enger Absprache mit dem Krisenstab des Landkreises dazu, ebenfalls alle Tanzstunden abzusagen. „Die Gesundheit steht natürlich im Vordergrund“, erläutert Beuss-Geschäftsführerin Claudia Krüger-Drescher, „diese Lage ist für uns alle neu und kam in der Geschichte unserer Tanzschule noch nicht vor. Wir sind alle aufgefordert, unsere sozialen Kontakte auf ein Minimum zu beschränken und dadurch wird uns allen erst einmal deutlich, welches kostbare Gut ‚Tanz und Gesellschaft‘ sein kann.“ Die Tanzschule Beuss ist ein Familienunternehmen, existiert bereits seit 152 Jahren.

Wir sind alleaufgefordert, unsere sozialen Kontakte auf ein Minimum zu beschränken und dadurch wird uns allen erst einmal deutlich, welches kostbare Gut ‚Tanz und Gesellschaft‘sein kann.Claudia Krüger-Drescher, Chefin der Tanzschule Beuss

Claudia Krüger-Drescher und ihr Ehemann Peter Krüger beschäftigen eine Handvoll Tanzlehrer und bilden aus. Dass finanzielle Einbußen durch ausfallende Kurse nicht mal eben weggesteckt werden können, erklärt sich von selbst. Sie sichern ihren Kunden zu, garantierte Unterrichtsleistungen sollen auf jeden Fall erbracht werden. Alle 36 Einheiten bei Kinder-, Jugend- und Paartanz-Gruppen, oder auch Dance-Out sowie Agilando sollen nach der Krise nachgeholt werden. Im Mai stehen die alljährlichen Konfirmanden-Kurse an, in der Tanzschule Beuss drücken sie beide Daumen, dass bis dahin wieder alles seine gewohnten Gänge nimmt.

Gleiches gilt auch für Rainer Bormann und sein Tanzsportzentrum. Auch hier sind die Türen momentan verschlossen, die Musikanlage ist stumm. „Die Situation ist für uns alle einfach blöd“, schildert Bormann, „eigentlich lief gerade alles auf Hochtouren, neue Grundkurse hatten begonnen, und nun müssen wir vorerst alle vertrösten. Da wir keine Vollzeitkräfte beschäftigen und die Räumlichkeiten unser Eigentum sind, ist die finanzielle Lage aber noch tragbar, wir müssen zunächst nicht um unsere Existenz fürchten.“

Die positive Energie, die die Beuss-Tanzlehrer normalerweise auf dem Parkett der Tanzschule versprühen, macht jedoch keinesfalls Coronapause. Sie leben sie einfach daheim aus. Egal, ob Hip-Hop oder Grundkurs: Kurze Tanzfrequenzen werden mit der Kamera oder dem Handy gefilmt, hochgeladen und per Mail versendet – vom Wohnzimmer ins Wohnzimmer. Dennis-Tim Krüger, Sohn der beiden Geschäftsführer und Tanzlehrer, berichtet: „Wir wollen in Bewegung bleiben und unserer ‚Tanzfamilie‘ etwas Abwechslung in diesen schweren Zeiten bieten. Das klappt wirklich gut, auch wenn uns natürlich schon der direkte soziale Kontakt fehlt.“ Mit ihrer Idee stoßen sie auf viel positive Resonanz, freut sich auch Tanzlehrer-Assistentin Sarina Schrader sowie Partnerin von Dennis-Tim Krüger. Sie erzählt: „Einige haben uns auch schon Videos zurückgeschickt, indem sie zuhause im Wohnzimmer oder im Partykeller tanzen. Das ist für uns besonders schön.“ Krüger ergänzt: „Die Kunden stehen zu uns. Dafür sind wir sehr dankbar.“

Auch für die Tanzformationen des TSC Blau-Gold Nienburg und des 1. TSZ Nienburg gilt in Coronazeiten: Training daheim. Das Standard-B-Team des TSC beispielsweise hält sich per Videokonferenz fit, auch wenn die Saison nun wegen des Virus frühzeitig beendet wurde.

Von den 16 Ligen des Deutschen Tanzsportverbandes haben lediglich drei alle Turniere über die Bühne bekommen, darunter die 1. Bundesliga Standard mit dem Nienburger A-Team, in dem auch Krüger und Schrader tanzen. Besonders hart erwischt hat es die Latein-Landesliga-Nord mit dem TSC-B-Team und dem 1. TSZ Nienburg; hier wurden von fünf Turnieren lediglich zwei ausgetragen. Blau-Gold belegte bislang die Plätze drei und vier, das TSZ wurde zweimal Achter. TSZ-Chef Rainer Bormann bedauert: „Wir dürfen die Köpfe nicht hängen lassen. Für die restlichen Turniere hatten wir uns viel vorgenommen, wollten unbedingt noch Plätze gutmachen und auch einmal das Große Finale erreichen.“

Wir dürfen die Köpfe nicht hängen lassen. Für die restlichen Turniere hatten wir uns viel vorgenommen, wollten unbedingt noch Plätze gutmachen und auch einmal das Große Finale erreichen.Rainer Bormann, TSZ-Chef

Alle ausstehenden Termine, ligaübergreifend und inklusive der Aufstiegsturniere, wurden gestrichen. Der zuständige Ligenbeauftragte Andreas Neuhaus arbeite intensiv an einer Lösung zugunsten der Teams, heißt es vonseiten des DTV. Mögliche Optionen wären die Annullierung der diesjährigen Saison oder schlichtweg die vorzeitige Beendigung. Auch das Turnierwochenende am 25. und 26. April in Nienburg fällt folglich ins Wasser – der für den Samstag angesetzte Wettbewerb „Die Goldene 55“, eine Qualifikation der Einzeltanzpaare, soll nach Möglichkeiten verschoben und zu einem späteren Zeitpunkt ausgetragen werden.

DTV-Präsidentin Heidi Estler teilte mit: „An oberster Stelle steht nun, dass wir gut durch die Krise kommen. Die notwendigen Maßnahmen und Konsequenzen stellen uns alle vor neue Herausforderungen. Die Gesundheit aller Mitglieder hat auch im Tanzsport oberste Priorität. Unsere Gedanken sind bei den Menschen, die von dieser beispiellosen Situation betroffen sind. Wie lange uns diese Pandemie noch begleiten wird, wissen wir nicht. Wir wissen aber, dass wir in unserem Verband über eine sehr gute Organisation verfügen. Eine positive Begleiterscheinung ist die Kreativität von vielen, die beispielsweise über Videoposts miteinander kommunizieren.“

Egal, wie es mit den etlichen Turnieren und Ligen weitergeht: Bis das Parkett in den Sporthallen und Schulen wieder betreten werden darf, muss weiter das Wohnzimmerlaminat herhalten.