13.04.2014

„Tag des Todes nicht bekannt“

Der Stolperstein vor dem Haus Moltkestraße 11 erinnert an Rosa Goldschmidt

Nienburg. Die HamS-Serie über die am 10. März verlegten sieben weiteren Stolpersteine zum Gedenken an die jüdischen Einwohner Nienburgs widmet sich dieses Mal Rosa Goldschmidt. Dazu schreibt Stadt- und Kreis-Archivarin Patricia Berger: Eine Fotografie und ein Meldebogen – dies sind die einzigen Dinge, die noch an Rosa Goldschmidt erinnern. Seit 1929 wohnte sie mit ihrem Bruder Bernhard in der Moltkestraße 11. Bernhard Goldschmidt starb in Nienburg am 14. März 1939, sein Grabstein auf dem hiesigen jüdischen Friedhof ist erhalten. Darauf findet sich auch eine Inschrift für seine Schwester: ROSA GOLDSCHMIDT +14.8.1871. Ein Sterbedatum ist nicht vermerkt…

Geboren wurde Rosa Goldschmidt am 14. August 1871 in Stolzenau. Ihre Eltern waren der Kaufmann Joseph Goldschmidt und Rosalie, geborene Benjamin. Vermutlich 1874 zogen die Eltern mit ihrer Tochter Rosa und dem Sohn Bernhard nach Nienburg. Unter anderem wohnten sie in der Jahnstraße und zuletzt in der Langen Straße 87. 1928 stellte Bernhard Goldschmidt einen Antrag für den Neubau eines Wohnhauses an der Moltkestraße 11. Im April des folgenden Jahres zogen die Geschwister Goldschmidt ein.

Rosa Goldschmidt musste am 19. August 1941 – sie war 70 Jahre alt - in ein sogenanntes Judenhaus nach Hannover-Kirchrode, Brabeckstraße 86, ziehen. Gerade einmal drei Quadratmeter wurden den Menschen zugestanden, Privatsphäre war nicht mehr möglich. Anfang Dezember 1941 wurde das Gebäude geräumt, die Menschen in Baracken am Tiergarten untergebracht. Einige Tage später wurden die jüdischen Frauen, Männer und Kinder aus den verschiedenen Massenunterkünften in Hannover zur Sammelstelle nach Hannover-Ahlem gebracht.

Dort wurden das Gepäck kontrolliert, Leibesvisitationen durchgeführt und Wertsachen sowie Lebensmittel beschlagnahmt.

Am 15. Dezember 1941 morgens pferchten SS und Schutzpolizei 1001 Menschen, darunter Rosa Goldschmidt, auf Lastwagen und transportierten sie zum Bahnhof Fischerhof. Dort stand ein Personenzug mit Ziel Riga in Lettland bereit, aber diejenigen, die einsteigen mussten, wussten nicht, wohin die Reise ging.

Drei Tage Fahrt bedeuteten drei Tage ohne Waschmöglichkeit und Trinkwasser und ohne Heizung im Waggon. Verpflegung und Toiletten reichten nicht aus. Nach der Ankunft trieb die SS die Verschleppten aus dem Zug auf einen kilometerlangen Marsch in das Ghetto Riga. Diejenigen, die den Weg nicht schaffen konnten, wurden erschossen.

Im Ghetto starben die Menschen durch Zwangsarbeit, Unterernährung, Kälte und Krankheiten oder wurden ermordet. Nur 69 der aus Hannover Deportierten haben den Holocaust überlebt. Ein Katalog über die Deportation der 1001 Menschen von Hannover nach Riga, 2011 von der Stadt Hannover herausgegeben, kann im Stadt- und Kreisarchiv Nienburg eingesehen werden.

Im Verzeichnis der Deportierten findet sich auch der Name von Rosa Goldschmidt mit dem Vermerk: „Tag des Todes nicht bekannt“. DH

Zum Artikel

Erstellt:
13. April 2014, 00:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 21sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar verfassen zu können.