Aiman al-Sawahiri, damaliger stellvertretender Führer der Terrororganisation Al-Kaida, spricht im Jahr 2006 im arabischen Nachrichtensender Al-Jazeera. Foto: Anonymous/AL-JAZEERA/AP/dpa

Aiman al-Sawahiri, damaliger stellvertretender Führer der Terrororganisation Al-Kaida, spricht im Jahr 2006 im arabischen Nachrichtensender Al-Jazeera. Foto: Anonymous/AL-JAZEERA/AP/dpa

Washington/Kabul 02.08.2022 Von Deutsche Presse-Agentur

Al-Kaida-Chef bei US-Drohnenangriff in Afghanistan getötet

Gut zehn Jahre nach der Tötung von Al-Kaida-Chef Osama bin Laden töten die USA seinen Nachfolger. US-Präsident Biden feiert den Schlag als Erfolg. Doch ihn holen auch unangenehme Fragen ein.

Mit einem gezielten Drohnenangriff in Afghanistan haben die USA den Anführer des Terrornetzwerks Al-Kaida, Aiman al-Sawahiri, getötet. US-Präsident Joe Biden verkündete in Washington, der Nachfolger von Osama bin Laden sei am Wochenende bei einem „Präzisionsschlag“ in der afghanischen Hauptstadt Kabul ums Leben gekommen. Zivile Opfer habe es nicht gegeben. „Jetzt wurde der Gerechtigkeit Genüge getan. Und diesen Terroristenführer gibt es nicht mehr“, sagte Biden. Der 71 Jahre alte Al-Sawahiri war Nachfolger von Osama bin Laden, dem Kopf der Terroranschläge vom 11. September 2001 mit annähernd 3000 Toten in den USA. Nach Bin Ladens Tötung durch eine amerikanische Spezialeinheit in Pakistan 2011 rückte der Ägypter an die Spitze. Allerdings gelang es ihm nie, unter den Dschihadisten das Ansehen seines Vorgängers zu erreichen. Al-Sawahiris Videos zeichneten sich durch spröden und längliche Vorträge aus. Bidens bezeichnete Al-Sawahiri als Drahtzieher von Anschlägen auf US-Amerikaner über Jahrzehnte hinweg. Auch beim Angriff auf das US-Kriegsschiff „USS Cole“ im Jahr 2000, bei den 17 US-Soldaten getötet wurden, habe er eine Schlüsselrolle gehabt. Er habe auch die Anschläge 1998 auf US-Botschaften in Kenia und Tansania, bei denen mehr als 200 Menschen getötet wurden, geplant. Der gelernte Arzt aus Kairo trug den Spitznamen „Terror-Doktor“. Angriff monatelang vorbereitetEine ranghohe Vertreterin der US-Regierung sagte, der Angriff auf Al-Sawahiri sei über Monate vorbereitet worden. Der Terrorist hatte in einem zentralen Viertel Kabuls Unterschlupf gefunden. Dort sei er aufgespürt und am Samstagabend Ortszeit getötet worden, als er auf den Balkon des Hauses getreten sei. Keiner von Al-Sawahiris Familienangehörigen, die sich mit ihm im Haus aufgehalten hätten, sei verletzt worden. Die USA hatten ein Kopfgeld von 25 Millionen Dollar (rund 24,4 Millionen Euro) auf ihn ausgesetzt. Seine Tötung kam nun überraschend - kurz vor dem ersten Jahrestag des Abzugs aller internationalen Truppen aus Afghanistan. Nach Angaben der US-Regierung waren für den Schlag gegen Al-Sawahiri keine amerikanischen Kräfte in Kabul. Die USA hatten Ende August 2021 all ihre Soldaten aus Afghanistan abgezogen und damit den internationalen Militäreinsatz nach fast 20 Jahren beendet. Die Taliban hatten schon kurz zuvor wieder die Macht übernommen. Der internationale Abzug gestaltete sich chaotisch. International stieß der Abzug der Amerikaner auf viel Kritik und Unverständnis. Biden versprach damals, den Kampf gegen den Terrorismus in der Region nicht aufzugeben. Die Taliban verurteilten den Angriff, ohne Al-Sawahiri beim Namen oder seine Tötung zu erwähnen. Dies sei ein klarer Verstoß gegen „internationale Prinzipien und das Doha-Abkommen“. In Doha hatten die Taliban und die USA 2020 den Rückzug aller internationalen Truppen aus Afghanistan vereinbart. Als eine Gegenleistung sagten die Taliban zu, Terrorgruppen keinen Rückzugsort zu bieten. Nach amerikanischen Erkenntnissen wussten Mitglieder der aktuellen Taliban-Führung allerdings, dass sich der Al-Kaida-Chef in Kabul aufhielt. Sie hätten damit klar gegen die Vereinbarungen mit den USA verstoßen, sagte die Regierungsvertreterin in Washington. Biden: Botschaft an andereBiden wertete Al-Sawahiris Tod als Beleg dafür, dass es auch ohne Tausende Soldaten auf afghanischem Boden möglich sei, Amerika vor Terroristen zu schützen. Der Schlag gegen Al-Sawahiri sei auch eine Botschaft an andere: „Egal, wie lange es dauert, egal, wo ihr euch versteckt: Wenn ihr eine Bedrohung für unser Volk seid, werden die Vereinigten Staaten euch finden und ausschalten.“ Die Tatsache, dass sich Al-Sawahiri in Afghanistan versteckte, wirft zugleich unangenehme Fragen dazu auf, was der dortige Krieg gegen den Terror gebracht hat: ein 20 Jahre langer Militäreinsatz, der Unsummen verschlang und Zehntausende das Leben kostete - und der begann, weil das Land Al-Kaida-Terroristen Unterschlupf gewährt hatte. Einen seiner letzten öffentlichen Auftritte hatte Al-Sawahiri im vergangenen September - genau 20 Jahre nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001. In einer Videobotschaft rief er seine Anhänger damals auf, die Staaten im Westen und ihre Verbündeten im Nahen Osten zu bekämpfen. In den Jahren davor hatte es unbestätigte Gerüchte über seinen Tod gegeben. Experten hatten zuletzt vermutet, dass sich Al-Sawahiri im Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan versteckt. Der UN-Sicherheitsrat hat immer wieder über enge Beziehungen zwischen Al-Kaida und den Taliban berichtet. Al-Kaida musste in den vergangenen Jahren Rückschläge einstecken. Experten argumentierten jedoch, dass ihr Fokus auf globalen Terror weiter Gefahrenpotenzial habe. Beobachter sahen den Rückzug der westlichen Streitkräfte aus Afghanistan mit großer Sorge und warnten davor, dass die Gruppe unter der Duldung der Taliban zu neuer Stärke kommen könnte. Wer nun die Führung Al-Kaidas übernehmen könnte, ist unklar.

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Erstellt:
2. August 2022, 13:22 Uhr
Lesedauer:
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