„Eine Katastrophe“: Hertha BSC und das nächste Pokal-Drama

„Eine Katastrophe“: Hertha BSC und das nächste Pokal-Drama

Berlins Dodi Lukébakio (l) und Matheus Cunha sind gegen den Zweitligisten Eintracht Braunschweig rausgeflogen. Foto: Swen Pförtner/dpa

Der 28 Jahre alte Schwolow ist erst vor wenigen Wochen vom SC Freiburg zu Hertha BSC nach Berlin gewechselt und weiß auch erst seit diesem Freitagabend mit letzter Gewissheit, dass er dort in dieser Saison die neue Nummer eins im Tor ist. Doch dann erlebte er so einen Einstand - mit fünf Gegentoren bei einem Zweitliga-Aufsteiger. Der Favorit aus der Fußball-Bundesliga flog mit 4:5 (2:3) bei Eintracht Braunschweig gleich in der ersten Runde aus dem DFB-Pokal. „Es lief echt alles schief, was schieflaufen konnte“, klagte Schwolow.

Auf Hertha BSC und diesen Wettbewerb trifft dieser Satz in schöner Regelmäßigkeit zu. Seit das Pokalendspiel 1985 fest nach Berlin vergeben wurde, will der Verein es unbedingt einmal mit seiner Profimannschaft erreichen. Doch auf dem Weg dorthin geht fast immer etwas dramatisch schief: Sei es auf peinliche Art und Weise wie 2012 beim Regionalligisten Wormatia Worms. Oder auf bittere wie 2017 im Elfmeterschießen gegen den späteren Pokalsieger Borussia Dortmund.

Das Neue an diesem Jahr und dem Neun-Tore-Spektakel in Braunschweig war nur: Die Fallhöhe ist größer geworden, seit die Hertha dank ihres Investors Lars Windhorst kein Mittelklasse-Club mehr ist, sondern ein „Big City Club“ mit internationalen Ansprüchen werden will. Wenn dieses Fußball-Jahr am 23. Dezember mit der zweiten Pokalrunde zu Ende geht, wird der Unternehmer seit 2019 insgesamt 374 Millionen Euro in den deutschen Meister von 1930 und 1931 investiert haben. Das weckt Erwartungen, die am Freitag mal wieder weit unterlaufen wurden.

„Für uns ist das eine große Enttäuschung“, sagte Trainer Bruno Labbadia. Seine Mannschaft holte dabei ein 0:2 und ein 2:3 auf. Sie war zeitweise so drückend überlegen, dass ihr Trainer an der Seitenlinie „das Gefühl hatte: Wir sind im Fluss, jeder ist griffig, jeder ist da.“ Doch am Ende standen fünf Braunschweiger Tore durch Martin Kobylanski (2./44./67.), Maximilian Mittelstädt (17./Eigentor) und Suleiman Abdullahi (73.) auf der Anzeigetafel, aber nur vier Berliner Treffer durch Dodi Lukebakio (23./83.), Matheus Cunha (29.) und Peter Pekarik (65.). „Die vielen individuellen Fehler, die wir heute gemacht haben, konnten wir nicht kompensieren“, sagte Labbadia.

Auf das Dilemma hatte der Hertha-Coach schon nach mehreren Niederlagen in der Vorbereitungszeit hingewiesen: Viele sähen nur die Windhorst-Millionen, aber nicht das, was auf dem Platz passiert. Und tatsächlich wären viele Clubs gerade in der Corona-Krise gern finanziell so gut ausgestattet wie die Hertha. Aber genau eine Woche vor dem Start der Bundesliga-Saison hat auch kaum jemand noch so viele Baustellen zu bearbeiten wie dieser ambitionierte Verein.

Labbadia wartet noch immer auf Verstärkungen für den Angriff, eine offensive Außenposition und das zentrale Mittelfeld. Er hat nach den Abgängen von Vedad Ibisevic, Per Skjelbred oder Marko Grujic auch noch immer keine stabile neue Achsen bilden können. Die Hertha benötigt dafür etwas, das sie sich selbst von dem Geld ihres Investors nicht kaufen kann, nämlich Zeit. „Wir haben zwar jetzt mehr Geld zur Verfügung. Aber das geben die Vereine, die vor uns stehen, seit zehn Jahren aus. Das heißt, sie haben auch zehn Jahre Vorsprung, und den werden wir nicht in einem Jahr aufholen. Auch nicht in zwei. Das ist unmöglich“, sagte Labbadia in einem „Tagesspiegel“-Interview.

Die Niederlage in Braunschweig macht die Sache nicht leichter. Sie wird den Druck vor dem ersten Bundesliga-Spiel am nächsten Samstag bei Werder Bremen noch weiter erhöhen. „Wir sind in der Entwicklung“, sagte Labbadia. „Deshalb ist das heute besonders schade.“

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